Am Ende waren es sein Kinngrübchen, sein auffälliger Nasenflügel und seine leicht gewölbte, kleine Mundpartie, die Giuseppe T. zum Verhängnis wurden. Im Januar 2020 hatte der damals 22-Jährige mit zwei Komplizen Geldboten unter dem Einsatz von Pfefferspray überfallen und dabei 166.000 Euro Bargeld erbeutet – nur verwackelt aufgenommen von den Überwachungskameras der Neukölln Arcaden.

Montag bis Samstag
Morgenpost der Chefredaktion
Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Erkannt und zu acht Jahren Haft verurteilt wurde Giuseppe T. trotzdem. Weil die Staatsanwaltschaft damals die Super Recognizerin Claudia zur Klärung des Falls hinzuzog. Nach der systematischen Auswertung von über 40 Videodateien und Vergleichsbildern war sich die Polizeibeamtin sicher: T. ist der Täter.
Seit 2017 wurde an dem Testverfahren gearbeitet
Mehr als fünf Jahre später wurde Claudia - die ihren Nachnamen aus Sicherheitsgründen nicht nennen will – am Mittwoch nun als die Leiterin der neuen Super-Recognizer-Dienststelle bei der Berliner Polizei vorgestellt. Nach acht Jahren Test-Entwicklung und zwei Jahren Pilotphase hat das Landeskriminalamt Berlin (LKA) damit erstmals eine dauerhafte Struktur für fünf feste Gesichtserkenner in den eigenen Reihen geschaffen. Vorausgegangen war die Entwicklung einer wissenschaftlichen Prüfung für derartig begabte Polizeibeamte, die weltweit einzigartig ist.
Bei Super Recognizern handelt es sich um Menschen, die sich überdurchschnittlich gut und präzise Gesichter einprägen, diese wiedererkennen und vergleichen können. Dies kann dann in Form eines Abgleichs von Bild- und Videomaterial, Social Media-Posts oder aber im operativen Einsatz erfolgen. Oftmals reicht ein Blick auf die Form der Wangenknochen, auf die Augenpartie oder die Rundung des Kinns. Eine Fähigkeit, die angeboren ist und nicht erlernt werden kann, wie die Neurowissenschaftlerin Meike Ramon von der Berner Fachhochschule am Mittwoch erklärte.
Zu den „Super-Erkennern“ gehören Schätzungen zufolge gerade mal ein bis zwei Prozent der Bevölkerung, bei der Londoner Polizei werden sie schon länger eingesetzt. Ramon, eine der führenden Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der kognitiven Gesichtsverarbeitung, hat seit 2018 im Rahmen eines Forschungsprojekts das Berliner Testverfahren zur Identifizierung von polizeilichen Super Recognizern entwickelt, das speziell auf polizeiliche Einsatzzwecke zugeschnitten wurde. Das heißt: Es werden gezielt diejenigen Gesichtserkennungsfähigkeiten getestet, die im polizeilichen Einsatz benötigt werden.
Berlin: Weltweit einzige wissenschaftliche Identifikation von Super Recognizern

Obwohl bereits sechs weitere Bundesländer und die Bundespolizei Super Recognizer einsetzen, ist das Verfahren laut Ramon das bisher einzige weltweit, das wissenschaftlich valide und transparent ist. Andere Landespolizeien hätten daher schon Interesse angemeldet. Eingeladen zu den Tests waren im Sommer 2022 etwa 18.500 Berliner Polizisten, rund 1500 Beamtinnen und Beamte haben sich daran beteiligt. Identifiziert wurden dann lediglich 22 Gesichtserkenner, darunter Claudia.
„Schon seit ich klein war, hab ich mich manchmal wie ein Alien gefühlt“, erzählte die neue Dienststellen-Leiterin. „Ich habe mich schon früh für die Details von Gesichtern interessiert und bemerkt, dass ich Menschen gut wiedererkenne und gewissen Situationen aus meiner Vergangenheit zuordnen kann.“ So habe sie beispielsweise nach Jahrzehnten im Urlaub einen Klassenkameraden aus der Grundschule wiedererkannt, dieser sie aber nicht. „Nach dem Test bei der Polizei wusste ich endlich, warum ich diese Fähigkeiten habe“, so Claudia.
Super Recognizer sollen besser sein als Künstliche Intelligenz
Insbesondere in der Fahndung können Super Recognizer einen bedeutenden Unterschied machen. Sie sind beispielsweise in der Lage, Straftäter auch auf sehr schlechtem Bildmaterial wiederzuerkennen. Darüber hinaus können sie fundierte Aussagen dazu treffen, ob unbekannte Verdächtige auf verschiedenen Bildern in unterschiedlichen Tatzusammenhängen auftauchen. Auf dieser Grundlage sollen Tatserien besser erkannt und aufgeklärt werden können. Natürlich verfügen Super Recognizer aber nicht über Superkräfte. Sie brauchen eine gewisse Zeit, sich die Bilder einzuprägen und können das auch nur mit einer gewissen Anzahl von Bildern gleichzeitig tun.
- Kaum Aufklärung: Wo in Berlin die meisten Fahrräder gestohlen werden
- Traurige Zahlen beim Kindesmissbrauch: Kinder in Berlin so gefährdet wie nie
- Viele Kellereinbrüche: Warum Berlin besonders von „Reisenden Tätern“ betroffen ist
- Hass auf Frauen: Zahl der frauenfeindlichen Delikte nimmt zu
- Immer mehr Reizgasattacken: Warum Pfefferspray nicht verboten wird
Laut Angaben von Ann-Cathrin Spranger-Rittmann, der Dezernentin der Zentralstelle Cybercrime, sind die Super Recognizer mit ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit dennoch besser als jede Gesichtserkennungssoftware und jede Künstliche Intelligenz (KI), die momentan auf dem Markt sind. Zudem hätten sie den Vorteil, als ausgebildete Polizeibeamte und Menschen aus Fleisch und Blut - im Gegensatz zur KI - rechts- und datenschutzsicherer über Auffälligkeiten in Video- und Bildaufnahmen entscheiden zu können.
„Ich erinnere daran, dass sowohl durch Super Recognizer als auch durch Softwares nur ein erster Anstoß für die weiteren Ermittlungen gegeben wird, in denen dann gerichtsfähige Beweise gesammelt werden“, sagte Stefan Redlich, der stellvertretende Leiter des LKA. Niemand werde nur aufgrund der Entscheidung eines Gesichtserkenners festgenommen, so Redlich.
2025 schon 82 Einsätze pro Monat von Super Recognizern
Die Dienstelle der Super Recognizer beim LKA soll die Polizei nun mit ihren fünf festen Gesichtserkennern bei operativen Einsatzmaßnahmen unterstützen. Bei Bedarf kann auf den Pool der 22 Identifizierten zurückgegriffen werden. Zudem können die Gesichts-Profis zur Unterstützung im Rahmen von Ermittlungen angefragt werden, etwa auch durch Amts- und Staatsanwaltschaften.
Ihre Aufträge reichen dabei von Ordnungswidrigkeiten bis hin zu Kapitaldelikten. So halfen sie in ihrer Testphase bereits bei den Ermittlungen zu den Silvester-Ausschreitungen 2022 und bei der Absicherung der Fußball-EM in Berlin im vergangenen Jahr. Nach Angaben der Polizei kamen die Super Recognizer im laufenden Jahr bereits 82 Mal pro Monat zum Einsatz. Zum Vergleich: 2024 übernahmen sie im Schnitt monatlich 94 Aufträge, 2023 insgesamt 79.





