Am Wochenende findet der Karneval der Kulturen statt – und das nicht im luftleeren Raum: Vielfalt wird immer mehr in Frage gestellt. Die Berliner Morgenpost hat deshalb mit der Sozialwissenschaftlerin Sabrina Zajak darüber gesprochen, ob der Karneval noch zeitgemäß ist oder aber ob es ihn heute mehr denn je braucht. Zajak leitet die Abteilung Konsens und Konflikt am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
Waren Sie schon einmal auf dem Karneval der Kulturen, Frau Zajak?
Ja, natürlich. In der Vergangenheit sehr häufig. Es hat mir immer sehr gut gefallen, wie laut und lebendig das Fest ist.
Der Karneval will in diesem Jahr „mehr als ein Fest“ sein und ein „Zeichen für Solidarität, Demokratie und Vielfalt“ setzen. Warum muss heute selbst ein Fest wie der Karneval eine Haltung haben? Ist die gefühlte Omnipräsenz von Haltung nicht überfordernd für eine Gesellschaft?
Es gibt den Karneval seit 1996. Er war damals auch schon ein Statement gegen Rassismus und für die vielfältige offene Demokratie. Haltung ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, gerade heute. Der gesellschaftliche Grundkonsens – die offene Demokratie, die für alle gültigen Menschenrechte – muss immer wieder betont werden. Das macht der Karneval, ohne dass er damit schon zu politisiert oder überladen wäre. Er zeigt einfach gelebte Vielfalt, mit Musik, Tanz, Humor und gutem Essen. Letztendlich geht es darum, zu akzeptieren, dass wir in einer diversen, postmigrantischen Gesellschaft leben. Das ist die neue Normalität, eigentlich müssten wir das gar nicht immer wieder thematisieren. Einen Karneval der Kulturen könnte es überall geben, in anderen deutschen Städten, auch auf dem Land. Vielfalt gehört einfach zu unserer Gesellschaft dazu.

Warum reden wir dann ständig darüber?
Die extreme Rechte mobilisiert gegen diese neue Normalität und stellt sie in Frage. Die AfD plakatiert „Deutschland. Aber normal“. Es läuft aktuell ein gesellschaftlicher Konflikt darum, wer und was als normal gilt. Deshalb ist es so wichtig, dass es den Karneval gibt und dass er sich trotz der vielen Attacken auf die Vielfalt nicht zurückzieht.
Wolfram Weimer hat vor 20 Jahren in einem Text mit der Überschrift „Die Multi-Kulti-Lüge“ geschrieben: „Was als geistiger Karneval der Kulturen begann, ist inzwischen ein Halloween der Entfremdung.“ Mittlerweile ist Weimar neuer Kulturstaatsminister. Ist der Karneval der Kulturen noch zeitgemäß?
Er ist zeitgemäßer denn je. Hinter der Vorstellung eines Halloweens der Entfremdung steckt ein sehr exklusiver Begriff von Zugehörigkeit und Identität, der im Prinzip alle ausschließt, die auf den Karneval der Kulturen gehen. Dabei geht es dem Karneval um das genaue Gegenteil von Entfremdung. Es geht darum, Zugehörigkeit zu feiern. Um ein inklusives Wir. Der Karneval zeigt, was unsere Gesellschaft sein kann: Vielstimmig, postmigrantisch, widersprüchlich. Das hat nichts mit Friede, Freude, Eierkuchen zu tun. Sondern damit, dass wir trotz vieler Konflikte – in Schulen, Betrieben, Vereinen – zusammen feiern können. Wir wissen aus der Forschung: Leute, die ich kenne, betrachte ich nicht als fremd. Deswegen sage ich: Der Karneval der Kultur müsste überall stattfinden, es bräuchte viel mehr solcher Räume der Begegnung.

Warum finden wir als Gesellschaft keinen entspannten, nüchternen Umgang mit Diversität und Multi-Kulti?
Diversität berührt Grundfragen unserer politischen Ordnung. Wer gehört dazu? Wer darf sprechen? Wer soll repräsentiert sein? Da geht es immer um Macht und Hierarchie. Schon deshalb ist das Thema umkämpft. Die extreme Rechte nutzt außerdem die Tatsache, dass sich das Thema so gut emotionalisieren lässt.
Woran liegt es, dass sich das Thema so gut emotional aufladen lässt?
Menschen sind immer viel konkreter als abstrakte Systeme. In der Forschung sprechen wir vom Adressierungsfehler. Wenn ich zum Beispiel prekär beschäftigt oder arbeitslos bin, ist es viel leichter, anderen Menschen dafür die Schuld zu geben, als sich mit dem Kapitalismus oder dem Zusammenbrechen des Wohlfahrtsstaates auseinanderzusetzen.
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Wie kommen wir als Gesellschaft aus dieser Spirale heraus?
Wir dürfen keine Angst vor Konflikten haben. Streit ist gut, wenn er produktiv ist. Wir brauchen also viel mehr Konfliktresilienz. Und am Ende muss immer der Kompromiss stehen. Denn das ist das Problem der Radikalisierung, egal in welche Richtung: Sie bedeutet immer einen Verlust der Bereitschaft, einen Kompromiss einzugehen. Damit geht die Möglichkeit verloren, ein gemeinsames Zusammenleben zu gestalten. Die Bereitschaft, miteinander klarzukommen, nimmt immer mehr ab. Dabei würde es uns allen, jedem einzelnen, besser gehen, wenn wir kompromissfähig blieben. Wir müssen wieder lernen, dass das der einfache Weg ist. Wenn ich andere abwerte, habe ich vielleicht kurzzeitig einen Kick, weil ich mich dann kurz hierarchisch bessergestellt fühle. Dauerhaft bringt es weder der Person noch der Gesellschaft etwas. Den Leuten, die so denken, geht es auf lange Sicht emotional meist schlecht.




