Am Sonntag findet der große Umzug des Karnevals der Kulturen statt – mit hunderttausenden Besuchern, aber auch umfangreichen Sperrungen. Die Route betrifft erneut den zentralen Straßenzug Frankfurter Allee – Karl-Marx-Allee, einschließlich der angrenzenden Seitenstraßen. Erst Montagmorgen sollen die Sperrungen aufgelöst werden. Zu Einschränkungen auf Berlins Straßen aufgrund von Veranstaltungen kommt es regelmäßig. In unserer Redaktion wird deshalb die Frage diskutiert:

Ist es angemessen, Hauptstraßen in Berlin für Großevents zu sperren?

Wer mit Events für Berlin wirbt, muss ihnen einen zentralen Raum geben
PRO von Jessica Hanack

In Berlin kann man manchmal den Eindruck gewinnen, das alles entscheidende Kriterium sei, ob Autofahrer möglichst störungsfrei durch die Stadt fahren können. Das gilt für Diskussionen um Radwege, Busspuren oder Kiezblocks. Das gilt aber auch für die großen Veranstaltungen, für die Straßen gesperrt werden. Ja, auch viel befahrene Hauptstraßen.

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Regelmäßig, wenn ein solches Event ansteht, werden Stimmen laut, die fordern, man könne die Veranstaltungen doch dorthin verlegen, wo sie niemandem im Weg sind. Der Umzug zum Karneval der Kulturen könnte doch durch Nebenstraßen führen, die Teilnehmer des Berlin-Marathons durch den Grunewald rennen und müssen die Demonstrierenden beim CSD wirklich über die Leipziger Straße ziehen? Überhaupt, ständig ist die Straße des 17. Juni für irgendwelche Veranstaltungen gesperrt.

Große Events zeichnen Metropolen aus – nicht, dass man dort besonders gut Autofahren kann

Funke Mitarbeiter
Jessica Hanack, Redakteurin

Aus meiner Sicht: Völlig zurecht. Berlin nutzt Feste wie den Karneval der Kulturen oder auch den Marathon, um für sich zu werben und Besucher in die Stadt zu ziehen. Dann muss man ihnen auch den entsprechenden – zentralen – Raum geben. Erst recht, wenn es nur Sonntage betrifft, an denen kaum Wirtschafts- und Lieferverkehr stattfindet.

Als Berlinerin oder Berliner muss man an solchen Tagen vielleicht mal das Auto stehenlassen. Wenn man denn überhaupt zu den gerade noch gut 50 Prozent der Haushalte gehört, die ein Auto besitzen. Zum Glück gibt es genügend Alternativen: U-Bahn, S-Bahn, das eigene oder ein Leihfahrrad. All das macht eine Metropole aus: ein umfassendes Verkehrssystem, Events mit Hunderttausenden Besuchern und dass immer etwas los ist. Was Metropolen dagegen nicht auszeichnet: dass man dort besonders gut Autofahren kann.

Für solche Großevents braucht es mehr Augenmaß
CONTRA von Pascal Biedenweg

Was als Fest der Vielfalt beginnt, endet jedes Jahr aufs Neue im ganz normalen Berliner Ausnahmezustand: gesperrte Hauptstraßen, umgeleitete Busse, genervte Anwohnerinnen und Anwohner. In Kreuzberg steht wegen des Karnevals der Kulturen rund um den Blücherplatz tagelang alles still – außer dem Bass. Wer in dieser Zeit auf das Auto angewiesen ist, einen Pflegedienst braucht oder einfach zur Arbeit muss, hat verloren. Willkommen im Zwangsurlaub für Nicht-Feiernde. Die einen tanzen, die anderen bleiben stehen.

Auch in diesem Jahr ist es schlimm: Denn der große Umzug findet erneut in Friedrichshain statt, mitten hinein auf die Frankfurter und Karl-Marx-Allee. Eine der letzten halbwegs funktionierenden Ost-West-Verbindungen wird dichtgemacht. Genau dort, wo Berlin noch irgendwie rollt, wird getanzt. Man könnte meinen, die Hauptstadt testet „autofrei“ im Realbetrieb – allerdings ohne Konzept und ohne Rücksicht.

Ein Fest, das Rücksichtslosigkeit zur Folklore erhebt, verspielt seine Legitimation

Pascal Biedenweg
Pascal Biedenweg, Digital Lead

Natürlich darf gefeiert werden. Natürlich soll Berlin laut, offen, bunt sein. Aber ein Fest, das Rücksichtslosigkeit zur Folklore erhebt, verspielt seine Legitimation. Vielfalt heißt nicht, den öffentlichen Raum einfach zu okkupieren – und schon gar nicht, andere dabei auszubremsen.

Feiern ja, aber bitte mit mehr Augenmaß. Wer Inklusion möchte, darf gleichzeitig nicht ausblenden, wen man dabei ausschließt. Es geht nicht um Verbote, sondern um ein deutlich besseres Gleichgewicht. Ein gutes Fest sorgt für Freude, ohne dabei andere unnötig zu behindern. Rücksicht ist kein Luxus, sondern eine Grundbedingung dafür, dass städtisches Leben für alle funktioniert.

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