In Berlin stehen viele Brücken unter besonderer Beobachtung, weil sie mit demselben Material wie die im September vergangenen Jahres in Dresden plötzlich eingestürzte Carolabrücke gebaut worden sind. Laut Lutz Adam, Brückenexperte in der Senatsverwaltung für Verkehr, sei in insgesamt 70 Berliner Brücken „spannungsrisskorrosionsgefährdeter Spannstahl“ verbaut – jenes Material, dessen Versagen die Carola-Brücke zum Einsturz brachte.

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„Wir waren in einem Schockzustand und haben sofort geprüft, ob in Berlin irgendetwas Vergleichbares droht“, erinnerte sich Adam am Mittwoch im Mobilitätsausschuss des Abgeordnetenhauses an den Einsturz der Dresdener Brücke.
Äpfel und Birnen: Berliner Brücken und die Carolabrücke in Dresden
Der Großteil der bauähnlichen Berliner Brücken, 57 von 70, steht im ehemaligen Ostteil der Stadt. Prominentestes Beispiel einer betroffenen Brücke im Westen sei die Brücke über den Breitenbachplatz. Adam stellte aber grundsätzlich klar: Es sei wie mit den sprichwörtlichen Äpfeln und Birnen, die Berliner Brücken könnten nicht mit der Carola-Brücke in Dresden verglichen werden.
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Denn für die Beurteilung des Brückenzustandes sei nicht allein das verwendete Material, sondern auch das statische System ein maßgeblicher Faktor.
Experte erklärt, warum die Brücken in Berlin sicher sind
Entscheidend sei, dass bei den Berliner Brücken „Lastenumlagerungen“ möglich seien, wenn einzelne Spannglieder versagen, erklärte Senatorin Ute Bonde (CDU). Genau das war bei der Carola-Brücke nicht möglich. Ohne eine Vorwarnung stürzte sie auf einmal in sich zusammen.

Adam erklärte am Mittwoch, woran das liegt, indem er seine beiden Zeigefinger senkrecht in die Luft streckt und auf den Fingerkuppen seinen Kugelschreiber balanciert. „Das ist ein statisch bestimmtes System, ein Träger auf zwei Stützen.“ Wenn in der Mitte etwas reiße, breche die ganze Brücke zusammen, so wie bei der Carola-Brücke. Dann umfasste Adam die beiden Enden seines Kugelschreibers fest mit jeweils einer Hand. „Ein statisch unbestimmtes System ist ein Träger, der auf beiden Seiten eingespannt ist. Wenn in der Mitte etwas passiert, können sich Lasten umlagern.“ Die Berliner Brücken seien ein solches statisch unbestimmtes System: Sobald Spannglieder versagen, werden Risse sichtbar und es kann sofort reagiert werden.
Berlin: betroffene Brücken können nicht saniert werden
Für Panik sieht Adam also keinen Grund, seine Mitarbeiter hätten ihre Brücken im Griff. Lange bevor die Carola-Brücke eingestürzt ist, sei bei allen Berliner Brücke, in denen derselbe Stahl verbaut worden ist, außerdem der Prüfrhythmus deutlich erhöht worden. Seit 2019 laufen auf den betroffenen Brücken jährliche Sonderprüfungen. Üblicherweise werden Brücken in Berlin nur alle drei Jahre geprüft. Die aktuellen Maßnahmen hält Adam für ausreichend, um die Sicherheit zu gewährleisten.
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Allgemein gilt aber: Brücken aus spannungsrisskorrosionsgefährdetem Spannstahl können nicht saniert werden. „Der ist ja innen drin und wir kriegen den nicht raus“, so Adam. Mittel- bis langfristig müssen die 70 Brücken, in denen dieser Stahltyp verbaut ist, also abgerissen und ersetzt werden. Die Verkehrsverwaltung arbeite mit Hochdruck an einem Masterplan, „um wesentlich schneller in die Sanierung und den Abbau des Infrastrukturrückstandes zu kommen“. Gelinge das nicht, sei die Lebensfähigkeit der Stadt mittelfristig gefährdet, warnte Adam.
Brückenexperte warnt: Infrastrukturrückstau muss schneller behoben werden
Klar ist: Man könne nicht alle Brücken gleichzeitig sanieren, auch das ginge schließlich auf Kosten die Lebensfähigkeit der Stadt. „Wir müssen genau priorisieren“, unterstrich Adam. Aktuell werden bereits etwa die Mühlendamm- und die Breitenbachbrücke rückgebaut. In Pankow soll die Dunckerbrücke bis spätestens 2027 einen Ersatzneubau erhalten. Noch in diesem Jahr soll außerdem die Planung für einen Neubau der Kniprodestraßenbrücke beginnen. Dafür muss das Projekt aber zunächst noch in die Investitionsplanung des Landes Berlin aufgenommen werden.
Adam mahnte am Mittwoch allerdings zur Eile. Abläufe müssten gestrafft werden, um den Infrastrukturrückstau schneller beheben zu können. Nicht nur im Bau, sondern insbesondere in der Planung. Hier seien die Verfahren momentan noch „viel zu lang und viel zu verwaltungsaufwendig“. Denn nicht nur die 70 Brücken aus dem auch in Dresden verbauten Spannstahl seien problematisch. Von den insgesamt knapp 900 Berliner Brücken seien auch andere „nicht in Ordnung“ oder „mit erheblichen Mängeln versehen“. Ziel des Masterplans sei deshalb insbesondere, die Abläufe zu beschleunigen.






