Freier Verkauf von Cannabis in vier bis sechs Geschäften in Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln: Das haben die Bezirke jetzt beschlossen. Ein fünfjähriges Modellprojekt soll Erkenntnisse über Konsumverhalten liefern und Käufer davon abhalten an den einschlägigen Orten wie Hasenheide und Görlitzer Park die dort erhältliche, mehrheitlich verunreinigte Ware zu kaufen. „Unser gemeinsames Ziel ist, der Organisierten Kriminalität den Cannabis-Handel zu entreißen“, sagt Clara Herrmann (Grüne), Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, am Mittwoch.

Die beteiligten Partner bei der Unterzeichnung der gemeinsamen Absichterklärung in Friedrichshain-Kreuzberg: (v.l.) Clara Herrmann (Grüne), Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Hannes Rehfeldt (CDU), Bezirksstadtrat für Soziales und Gesundheit von Neukölln, Finn Hänsel, Geschäftsführer Sanity Group GmbH, Prof. Dr. Dr. Christian Ulrichs, Humboldt-Universität.
Die beteiligten Partner bei der Unterzeichnung der gemeinsamen Absichterklärung in Friedrichshain-Kreuzberg: (v.l.) Clara Herrmann (Grüne), Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Hannes Rehfeldt (CDU), Bezirksstadtrat für Soziales und Gesundheit von Neukölln, Finn Hänsel, Geschäftsführer Sanity Group GmbH, Prof. Dr. Dr. Christian Ulrichs, Humboldt-Universität.© Patrick Goldstein | Patrick Goldstein

Die Ambitionen der Beteiligten sind groß. Angesteuert wird eine Zielgruppe von rund 63.000 Menschen. Läuft alles nach Plan könnten die ersten Kiffer im Juli kommenden Jahres in den neuen Geschäften Portionen unterschiedlicher Stärke shoppen.

Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln geben grünes Licht für Cannabis-Verkauf

Partner der Bezirke sind die Humbold Universität (HU) sowie die Berliner Sanity Group GmbH. Gemeinsam unterzeichtete man am Mittwoch die Absichtserklärung zum in Deutschland bislang noch nicht umgesetzten Verfahren. Der Moment hätte nicht besser geplant sein können. Denn wenige Stunden später teilte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf Nachfrage mit, dass Minister Cem Özdemir (Grüne) die für derlei Vorhaben erforderliche Verordnung, die Konsumcannabis-Wissenschafts-Zuständigkeitsverordnung, unterzeichnet hat. Auch die Städte Frankfurt/Main und Hannover beabsichtigen, mit Sanity schnellstmöglich Cannabis-Läden zu etablieren. Ein weiteres Projekt plant Wiesbaden. In Berlin hatten die Bezirksverordneten von Pankow im September mehrheitlich den Start eines vergleichbaren Vorhabens beschlossen.

Denn seit April 2024 ist Cannabis teillegalisiert. Wer über 18 Jahre alt ist, darf sich seine Pflänzchen zum Eigenkonsum züchten, alternativ tritt man einem Anbauclub bei und erhält seinen Stoff von dort.

Was die Käufer wählen wird genau beobachtet

Was in Berlin kommen soll, erprobt Sanity seit dem vergangenen Jahr in Zürich. In Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln will Geschäftsführer Finn Hänsel je zwei bis drei Läden eröffnen. Kunde wird nur, wer sich als Proband registriert. Experten des Cannabis-Forschungslabors der HU erfassen in den folgenden fünf Jahren ihr Kaufverhalten – kaufen sie mehr oder weniger? Wählen sie Portionen mit höherem oder geringerem Anteil des Wirkstoffs THC? – und lassen sich Detasils in regelmäßigen Befragungen berichten. Wer da nicht mehr mitmacht, wird erst vorübergehend, dann komplett gesperrt. Fünf Prozent der einnahmen will Sanity an die Bezirke weitergeben, die die Mittel in Drogenhilfsprojekte investieren wollen.

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Hänsels kühne Schätzung geht davon aus, dass in den Testbezirken jeder Zehnte kifft. Das wären rund 63.000 Menschen. HU-Professor Christian Ulrichs wünscht sich mindestens 2000 Probanden mit Wohnsitz im Bezirk. Die Ergebnisse veröffentlicht die HU als Leitfaden für eine zukünftige Drogenpolitik.

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Die gesamte Bandbreite von Cannabiskonsumenten wird das Projekt allerdings kaum erreichen. Der Handel im Görlitzer Park etwa lebt stark von Touristen. Zudem hat nicht jeder Lust, sich registrieren zu lassen. Dabei ist den Projektpartnern wichtig, so Neuköllns Gesundheitsstadtrat Hannes Rehfeldt (CDU), dass jene, die Cannabis wollen, nicht mehr auf den Schwarzmarkt angewiesen sind. In den geplanten Sanity-Shops gäbe es medizinisches Cannabis, das qualitätiv weit entfernt ist, vom Straßenprodukt. Von zehn Testproben, die das Unternehmen untersuchte, waren sieben verunreinigt, etwa mit Haarspray , Pestiziden und sogar Fäkalien.

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