Um 5:08 Uhr wird der Geschäftsführer der Firma Putzteufel Berlin von einem Anruf aus dem Schlaf gerissen. Der Alarm seiner Geschäftsstelle in einem Industriegebiet in Marzahn-Hellersdorf sei ausgelöst worden, so erzählt er es. Die Geschäftsstelle liegt direkt neben der Firma Heidelberg Materials, einem Baustoffunternehmen. Er verständigt die Polizei und fährt sofort los. Der Verursacher des Alarms: die Feuerwehr Berlin. Die versuchte laut dem Geschäftsführer einen Zugang zum Gelände von Heidelberg Materials zu finden.

Brände Marzahn-Hellersdorf
Das Gelände von Heidelberg Materials in Marzahn-Hellersdorf.© BM | Oskar Paul

Das Industriegebiet liegt am Pyramidenring. Ein Netto und ein Getränkemarkt stehen darauf, ein DHL-Zentrum, Paletten türmen sich meterhoch auf. Am Montagmittag ist es kalt, 5 Grad, der Wind schneidet durch die Dezember-Luft. Die Türme der Firma Heidelberg Materials ragen hinter einer Mauer in den Himmel. Es ist laut eigener Auskunft eines der größten Baustoffunternehmen der Welt, das mit Zement, Beton, Sand und Kies sein Geld verdient. Auf dem Gelände kann man die ausgebrannten Betonmischer erkennen, die Führerhäuser sind schwarz vor Ruß, die Mischtrommeln sind giftig gelb verfärbt.

Feuerwehr: Löscharbeiten waren „Herausforderung“

In der Nacht von Sonntag auf Montag brannte es nicht nur hier in Marzahn-Hellersdorf, sondern auch auf dem Gelände des Betonherstellers Cemex in Lichtenberg. Die beiden Orte liegen nur acht Autominuten voneinander entfernt. Wie die Feuerwehr Berlin auf dem Kurznachrichtendienst X mitteilte, hatten insgesamt 17 Fahrzeuge Feuer gefangen. Am Pyramidenring brannten neun Lkw und ein Förderband, in der Gehrenseestraße im Lichtenberger Ortsteil Alt-Hohenschönhausen waren es acht Lkw. Die Polizei sprach insgesamt von 16 brennenden Fahrzeugen.

„Mehrere Brandherde auf beiden Einsatzstellen stellten eine Herausforderung dar. Ebenso war die Löschwasserversorgung begrenzt. Aufgrund dessen musste in Marzahn die Wasserversorgung über eine lange Wegstrecke mit Schläuchen eingeleitet werden. In Alt-Hohenschönhausen unterstützten zwei Tanklöschfahrzeuge im Pendelbetrieb“, erklärte die Feuerwehr. Bei beiden Bränden waren jeweils 50 Kräfte vor Ort. Die Einsätze dauerten mehr als zwei Stunden.

Wer steckt hinter dem Brand?

Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Auch eine politische Motivation könne nicht ausgeschlossen werden, sagte ein Sprecher der Polizei der Deutschen Presse-Agentur. Der Staatsschutz ermittelt. Es sei unbekannt, ob die beiden Brände in einem Zusammenhang stehen, hieß es. Bei den Feuern sei niemand verletzt worden. Auf einer einschlägigen Internetseite tauchte am Montag ein angebliches Bekennerschreiben auf. Der Anschlag habe sich gegen die Betonindustrie gerichtet, die für Naturzerstörung und Kolonialismus verantwortlich sei. Die Angriffe wurden als „wohlverdient“ bezeichnet. Ein Sprecher der Polizei Berlin sagte auf Morgenpost-Nachfrage, das Schreiben sei der Fachdienststelle bekannt und fließe in die Ermittlungen ein. Diese dauern noch an.

Brand Feuer Brandanschlag Anschlag CEMEX Gehrenseestraße Hohenschönhausen Alt-Hohenschönhausen, Bezirk Lichtenberg
Lkw des Betonherstellers Cemex brannten aus.© Pudwell | Pudwell

Die anonymen Verfasser des Schreibens beziehen sich darin auch auf einen Brandanschlag von vor einem Jahr. Im Dezember 2023 brannte es in der Cemex-Niederlassung in Kreuzberg. Es standen mehrere Zementsilos, fünf Fahrzeuge und das Hauptgebäude in Flammen. Einen Tag nach dem Brand tauchte ein Bekennerschreiben auf. Unbekannte brüsteten sich darin, das Feuer gelegt zu haben, unter anderem als Protest gegen den Weiterbau der A100.

Der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Benjamin Jendro, bezeichnete die Taten als „sinnfrei“ und das Schreiben als „hobbyphilosophisches Pamphlet“. Wer was für das Klima tun wolle, so Jendro weiter, „sollte sich um politische Mehrheiten bemühen, statt Straftaten zu begehen.“

Warum nutzen politisch motivierte Täter Feuer?

Steffen Theel ist Kriminaltherapeut und leitet das Zentrum für Kriminologie und Polizeiforschung in Berlin. Beruflich hat er immer wieder mit Brandstiftern zu tun. Er sagt: „Feuer wird häufig verwendet.“ Warum? Feuer sei für Straftäter eine naheliegende Tatwaffe: Es sei imposant und mache schnell viel kaputt. Und: Täter zerstören damit Beweismaterial.

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So oft brannte es in diesem Jahr bereits in Berlin

Von Januar bis Oktober musst die Polizei Berlin bereits 670-mal wegen Brandstiftung ermitteln. Das sind 2,2 Brandstiftungen pro Tag. 27 dieser Brandstiftungen zählt die Polizei dabei zu den politisch motivierten Brandstiftungen, das bedeutet, dass sich diese Taten zum Beispiel gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung richten oder gegen eine Person, wegen ihrer politischen Haltung oder Hautfarbe.

Am häufigsten ermittelte die Polizei bisher in Neukölln: 109-mal (drei der Taten wurden als politisch motiviert gewertet). Am seltensten ermittelte die Polizei in Steglitz-Zehlendorf: 27-mal (keine politisch motiviert). In Marzahn-Hellersdorf ermittelte die Polizei in diesem Zeitraum 61-mal (eine politisch motiviert) und in Lichtenberg 53-mal (vier politisch motiviert).

Mit dpa

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels publizierten wir falsche Zahlen zu nicht politisch motivierten Brandstiftungen. „Aufgrund eines redaktionellen Versehens“ übermittelte uns die Polizei Berlin „bezüglich nicht politisch motivierter Brandstiftungen Zahlen [...], die korrekturbedürftig sind“. Die Polizei korrigierte ihren Fehler am 02. Dezember. Wir haben die Zahlen angepasst. Insgesamt gab es weniger Brandstiftungen, als in einer ersten Version des Artikels geschrieben wurde. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.