Ein geschützter Radstreifen, eine Busspur plus markierte Lieferzonen und eine Kfz-Spur – für diese Forderungen traten am Montagabend schätzungsweise zwischen 150 und 200 Radfahrende auf der Fahrraddemo auf der Kantstraße in Charlottenburg in die Pedale. Die Konsequenz ihrer Forderung gegenüber dem Senat und Bezirksamt ist, dass es auf der beliebten Wohn- und Einkaufsstraße bald keine Parkplätze mehr geben wird.

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Es war bereits dunkel und der Berufsverkehr rollte über die Kantstraße in beide Richtungen, als sich gegen 17.30 Uhr die Radfahrerinnen und Radfahrer auf der nördlichen Seite des Savignyplatzes versammelten. Das Motto der Protestfahrt in der City West: „Keinen Tausch auf der Kantstraße! Erhalt des geschützten Radstreifens in der Kantstraße!“.

Viele Verkehrsbehinderungen durch Fahrradkorso durch die City West

Angemeldet hatte den Fahrradkorso der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Berlin (ADFC). Dem Aufruf angeschlossen hatten sich auch andere Verkehrsverbände wie beispielsweise Repect Cyclist, Changing Cities, Berlin autofrei und das Netzwerk Fahrradfreundliches Charlottenburg-Wilmersdorf. Gemeinsam starteten die Radfahrerinnen und Radfahrer vom Savygniplatz aus über die Kantstraße und die Neue Kantstraße bis zum Messedamm und dann auf diesem Weg zurück bis zur Budapester Straße fahren. Diese Runde legten sie zweimal zurück. Beendet werden sollte die Demo mit einer Kundgebung auf dem Savignyplatz.

„Die Verhältnismäßigkeit ist überhaupt nicht gegeben, dass jetzt die Kantstraße wieder umgestaltet wird. Mit dem Pop-up-Radweg läuft es seit Jahren wunderbar“, sagt Stefanie Degelmann. „Vielmehr sollte der Brandschutz in Einzelfällen genauestens geprüft werden, und nicht pauschal gesagt werden, der Brandschutz ist nicht mehr gewährleistet.“

Während der Demo kam es auf der West-Ost Tangente immer wieder zu Verkehrsbehinderungen. Betroffen waren auch die zahlreichen Straßen, die die Kantstraße kreuzen, wie etwa die Kaiser-Friedrich-Straße, die Schlüter-, Bleibtreu und Leibnizstraße, um nur einige zu nennen. Hupkonzerte und genervte Autofahrer waren die Folge.

Radfahrer lehnen geplanten Tausch der Fahrspuren ab

Die Demonstration richtete sich gegen den geplanten Tausch der Fahrspuren, der aus Sicht der Radfahrenden keine Lösung sei, sondern eine Gefahr darstellt. Bisher sieht es auf der Kantstraße folgendermaßen aus: Radstreifen, Parkstreifen und Kfz-Spur. Nach dem Tausch soll die Kantstraße in einen Parkstreifen, einen ungeschützten Radstreifen und eine Spur für den Kfz-Verkehr aufgeteilt werden. Doch dieser Vorschlag stößt auf Widerstand bei den Radfahrern. „Diesen Tausch lehnen wir ab, weil er viele Gefahren mit sich bringt“, sagt Karl Grünberg, Sprecher des ADFC. „Statt also über Tauschgeschäfte nachzudenken, fordern wir die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt eine nachhaltige Lösung anzugehen.“

„Wenn nicht ausreichend Platz ist, dann müssen die parkenden Autos weg“, sagt ein Teilnehmer. Er selber sieht diesen Vorschlag als eher unwahrscheinlich. „Wenn es keine andere Lösung gibt, muss auch der Mittelstreifen in die Planungen mit aufgenommen werden.“

Eine Umgestaltung der Verkehrsführung muss aber realisiert werden, denn die Feuerwehr hatte Sicherheitsbedenken geäußert. Sie kämen mit ihren Drehleitern im Falle eines Brandes nicht an die Wohnungen in den oberen Etagen ran. Der Abstand zwischen Haus und der Fahrbahn, wo die Feuerwehr im Notfall stehen würde, sei zu groß, hieß es. Trotz der Warnung der Feuerwehr wurden bei mehreren Ortsterminen keine Lösungen für den rechtswidrigen Zustand gefunden. Baustadtrat Christoph Brzezinski (CDU) drohte schließlich damit, in der Kantstraße die Nutzung von Wohnungen ab dem dritten Obergeschoss von November an zu untersagen.

Ladeninhaberin Julia Gröning
Julia Gröning hat ihr Geschäft an der Kantstraße. Der Wegfall von Parkplätzen würde sie Kunden kosten. Radfahrer und Busse sollen sich eine Spur teilen.© Andreas Gandzior | Andreas Gandzior

Wenn Parkplätze wegfallen, kommen weniger Kunden

„Der Pop-up-Radweg wurde schon 2020 völlig undurchdacht umgesetzt. Während Corona waren so wenig Autos auf der Kantstraße unterwegs, da hatten Radfahrer und Autofahrer ausreichend Platz“, sagt Geschäftsinhaberin Julia Gröning. Ihrer Meinung nach sollen sich Radfahrer und Busse eine Spur teilen. „Die Parkplätze müssen auf jeden Fall erhalten bleiben, ich habe damals schon etliche Kunden verloren.“

Aus der Sicht eines Radfahrers, der seinen Namen nicht nennen möchte, hat die Feuerwehr oberste Priorität. „Dieses Konkurrenzdenken zwischen Autofahren und Radfahrern muss aufhören“, sagt er. Es könne nur ein Miteinander geben und kein Gegeneinander. Eine einfache Lösung für die Kantstraße sehe er nicht. „Entweder muss der Mittelstreifen zu Parkplätzen umgebaut werden oder die Radfahrer können auf dem Mittelstreifen fahren“, schlägt er als Lösung vor. Er selber sei viel mit dem Rad auf der Kantstraße unterwegs. Die größte Gefahr sieht er beim „Dooring“, also wenn Radfahrende von einer plötzlich geöffneten Tür eines Kraftfahrzeugs erfasst werden und stürzen.

Christoph Hingst aus Moabit ist sich sicher, dass nur ein Umdenken helfen kann. „Weg vom Auto“, sagt er. „Ich bin auch Autofahrer, lege aber die meisten Wege auf dem Fahrrad zurück. Ich habe mein großes Auto schon gegen einen Kleinwagen eingetauscht und überlege immer zweimal, ob ich das Auto brauche oder nicht. Die Stadt verkraftet auf lange Sicht nicht mehr so viele Autos.“ Er sei sehr glücklich als Radfahrer. Eine schnelle Lösung auf der Kantstraße für alle Verkehrsteilnehmer sieht er nicht.

CDU und Grüne arbeiten an Verkehrskonzept für die Kantstraße

Etwa zur gleichen Zeit am Montagabend trafen sich Vertreter und Vertreterinnen der schwarz-grünen Zählgemeinschaft von Charlottenburg-Wilmersdorf. Wie die Morgenpost erfahren hatte, verhandelten CDU und Grüne aktuell über ein zukunftsfähiges Verkehrskonzept für die Kantstraße, das dem Brandschutz gerecht wird und auch das Mobilitätsgesetz berücksichtigt. Die Ergebnisse der Verhandlungsrunde sollen am kommenden Donnerstag vorgestellt werden.