Ein Fall hat in Berlin großes Entsetzen ausgelöst: Ein Mann vergewaltigte im Februar 2024 eine Frau in der U3 in Steglitz-Zehlendorf. Anschließend stieg er aus und fuhr mit dem Bus weiter. Der Tatverdächtige konnte nach einer Öffentlichkeitsfahndung ermittelt werden.

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Die Grünen wollen nun Frauen im öffentlichen Nahverkehr besser schützen. Sie fordern U-Bahn-Waggons für weibliche Fahrgäste. Das berichtete zuerst die „B.Z.“ Demnach soll es diese Waggons außerhalb von Stoßzeiten geben. „Entweder direkt hinter dem Fahrer oder am Ende des Zuges, wenn es wie in Tokio einen zweiten mitfahrenden Fahrer gibt“, sagte Verkehrsexpertin Antje Kapek der Zeitung. Zudem schlägt sie extra markierte Zonen mit Notrufsäulen und Videoüberwachung auf den Bahnsteigen, um auch dort das Sicherheitsgefühl zu erhöhen.

Plenarsitzung Berliner Abgeordnetenhaus
Antje Kapek (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Abgeordnetenhauses.© DPA Images | Fabian Sommer

Die Grünen orientieren sich dabei an einem Modell aus Tokio. In der japanischen Hauptstadt sind einige Waggons morgens bis 10 Uhr sowie von 17 bis 21 Uhr für Frauen reserviert. Außer der Reihe dürfen nur Rollstuhlfahrer und Jungen bis zum Höchstalter von zwölf Jahren einsteigen. Auch in Mexiko-Stadt gebe es solche Frauenabteile. „Es gibt einen Bedarf für mehr Sicherheit von Frauen und andere marginalisierte Gruppen“, sagte Kapek der Berliner Morgenpost. Je leerer die Züge seien, was vor allem abends oder am Stadtrand der Fall sei, desto größer sei das Problem. Wichtig sei deshalb nun, dass öffentlich über das Thema und mögliche Lösungsansätze debattiert werde, so Kapek, die dabei auch auf Zahlen der Polizei verweist.

Tatsächlich hat die Polizei hat im Zeitraum vom 1. Januar bis 30. September 2024 insgesamt 287 Sexualdelikte in Bus, U-Bahn und Tram der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) erfasst. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr zuvor waren es 259 solcher Straftaten, 2022 gab es insgesamt 313 Fälle und im Vor-Corona-Jahr 2019 waren es 245. Die Straftaten sind also auf einem traurigen Rekord-Hoch. Bei der S-Bahn erfasste die Polizei im Zeitraum vom 1. Januar bis 31. August 2024 33 Sexualdelikte in Zügen und 66 Sexualdelikte an Bahnhöfen.

Waggons nur für Frauen? BVG weist auf Sicherheitsmaßnahmen hin

Den Vorstoß zu speziellen Abteilen für Frauen sieht Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) dennoch kritisch. Sie glaube nicht, dass es diese brauche, so Bonde, „und ehrlich gesagt, widerspricht das auch meiner Vorstellung von einer, unabhängig von meiner Genderzugehörigkeit, gleichberechtigten Gesellschaft.“

Bonde benennt auch verschiedene Ansätze, die von den Verkehrsunternehmen bereits verfolgt werden, um für Sicherheit zu sorgen; diese würden das Thema „sehr ernst“ nehmen. „So befinden sich auf jedem S- und U- Bahnhof Notruf- und Informationssäulen über die zu jeder Tages- und Nachtzeit ein direkter Kontakt zu Mitarbeitenden der Unternehmen und damit zur jeweiligen Sicherheitsleitstelle sofort Kontakt aufgenommen werden kann. Und natürlich gibt es auch in den Fahrzeugen Alarm- und Notrufanlagen“, schildert sie, und: „Tausende Videokameras sowohl auf den Bahnhöfen als auch in den Fahrzeugen dienen der Prävention, unterstützen das schnelle Eingreifen und unterstützen die Aufklärung.“

Und was sagt die BVG zum Grünen-Vorstoß? „In den Bussen und Bahnen sind alle Menschen willkommen. Wir arbeiten mit vollem Einsatz daran, dass alle Fahrgäste jederzeit sicher und mit einem guten Gefühl ans Ziel kommen. Das ist unser Anspruch“, erklärte eine Sprecherin gegenüber der Zeitung. Sie wies ebenfalls darauf hin, dass man auf jedem Bahnhof über die Notruf- und Infosäulen direkt Kontakt mit der BVG-Sicherheitszentrale aufnehmen könne. Die Fahrzeuge hätten zudem Alarmknöpfe, die direkt mit dem Fahrer verbinden.

FDP: „Es darf keine No-Go-Areas geben“

Der Fahrgastverband Igeb sieht durchaus, dass die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Nahverkehr noch verbessert werden muss. „90 Prozent der sexuellen Übergriffe passieren gegenüber Frauen. Dass es da einen Handlungsbedarf gibt, ist nicht zu bestreiten“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Allerdings äußerte er Zweifel daran, dass die Idee von reinen Frauen-Waggons auch umsetzbar wäre. Eine andere Option, meint er, könnte es sein, das Sicherheitspersonal gerade abends und nachts aufzustocken und stärker für das Sicherheitsbedürfnis von Frauen zu sensibilisieren.

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Kritik am Vorschlag der Grünen kommt auch von der FDP, außerparlamentarische Opposition in Berlin. „Jeder muss sich in Berlin frei bewegen können. Es darf keine No-Go-Areas geben. Statt Extra-Waggons zu schaffen, müssen alle U-Bahn-Wagen durchgängig sein. Zusätzliches Sicherheitspersonal muss vor allem in den Abend- und Nachtstunden vor Ort zur Verfügung stehen. An Bahnhöfen darf es keine dunklen Ecken geben. Es braucht noch mehr Notfallsäulen“, sagte Generalsekretär Peter Langer. Zudem müsse man stärker auf Prävention setzen, damit Straftaten nicht geschehen.

Die AfD nannte den Grünen-Vorschlag „absurd“. „Sicherheit schafft man nicht durch Separierung der Opferkategorien, sondern durch konsequentes Durchgreifen gegenüber Straftätern sowie schnellere Verurteilungen unter Ausnutzung des Strafmaßes“, so der verkehrspolitische Sprecher Rolf Wiedenhaupt.

Mitteldeutsche Regiobahn hat Frauenabteile vor Jahren eingeführt

Auf Frauenabteile wird aber nicht nur im Ausland gesetzt, auch in Deutschland hat ein Verkehrsunternehmen solche bereits vor Jahren eingeführt. 2016 startete die Mitteldeutsche Regiobahn mit solchen Abteilen auf der Zugstrecke zwischen Chemnitz und Leipzig. „Die speziell gekennzeichneten Frauenabteile waren, wie die besonders ausgewiesenen Ruhezonen, eine zusätzliche Serviceleistung in den Zügen der MRB auf der Linie RE 6“, heißt es aus dem Unternehmen auf Nachfrage.

Aber: „Frauenabteile im öffentlichen Personennahverkehr sind allerdings seit Jahren kein relevantes Thema mehr und werden von unseren Fahrgästen nicht explizit nachgefragt.“ Wenn ab dem Jahresende neue Züge mit Großraumbereichen statt klassischen Abteilen eingeführt werden, werde es auch „keine besonders gekennzeichneten Frauenabteile mehr geben“, so die Pressestelle.

Wie finden Sie den Vorschlag der Grünen, in Berliner S- und U-Bahnen Waggons nur für Frauen zur Verfügung zu stellen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung unter leserbriefe@morgenpost.de.