Die beigen Hosenträger glänzen auf dem weißen Hemd, der Hut ist dazu farblich passend abgestimmt – ein breites Grinsen ist kurz oberhalb von seiner braunen Fliege zu sehen, der Handfächer liegt griffbereit. Adrett eben, typisch Günther Krabbenhöft, um es genau zu sagen. Serviert wird dem 79-Jährigen wie immer „ein klassischer Cappuccino ohne Schnickschnack“. Er fühlt sich sichtlich wohl in seinem „zweiten Wohnzimmer, im selben Kiez“, in Kreuzberg natürlich. Nach Hause läuft er von hier nur ein paar Minuten, mit den Angestellten ist er seit Jahren per Du. Was auf den ersten Blick wie ein klassischer Rentneralltag klingt, ist eher eine Verschnaufpause für den Berliner.

Ein Foto eines Touristen am Kottbusser Tor ging um die Welt

Sein Terminkalender ist nämlich ziemlich voll, denn Günther ist weit hinaus über die Grenzen Berlins bekannt: „Mein Antrieb war es schon immer, anders als die anderen zu sein. In der Masse unterzutauchen, wäre das Schlimmste für mich.“ Er ist in den sozialen Medien unterwegs, besonders gerne auf Instagram. Da folgen ihm aktuell über 310.000 Menschen aus aller Welt. Den ganzen Trubel hätte ein Bild von ihm, das ein schottischer Tourist vor zehn Jahren am Kottbusser Tor geschossen hat, ausgelöst. Die Aufnahme entstand in seiner wilden Zeit, wie er sagt.

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„Tanz, Bewegung und Rhythmus waren schon immer in meinem Blut. Einer muss immer die Tanzfläche eröffnen und das bin heute oft ich“, sagt der gebürtige Niedersachse. In jungen Jahren hat er das Tanzbein auf Volks- und Schützenfesten in der Nähe von Hannover geschwungen, heute sieht man ihn das ganze Jahr über in Berlins bekanntesten Clubs. Eine Begegnung an einem Sonntagnachmittag, an dem er wie gewohnt durch die Kieze gezogen ist, hat sein Leben gewissermaßen verändert: „Zwei Mädels haben mich am Kotti angesprochen und meinten, ich würde cool aussehen. Sie haben mich ins Berghain mitgenommen und ich bin erst nach acht Stunden wieder herausgekommen.“

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Nicht nur im Berghain: Günther tanzt überall in Berlin

In den sozialen Medien findet man zahlreiche Aufnahmen des 79-Jährigen, die ihn beim Tanzen zeigen. Seinen Account auf Instagram bespielt er selbst: „Ich möchte keine Ware sein, sondern machen, was ich will. Authentisch ist mir sehr wichtig.“ Medial wurde seine Berghain-Geschichte oft aufgegriffen – so oft, dass es ihn fast schon stört: „Hinter Herr Krabbenhöft steckt mehr als nur diese eine Geschichte“, sagt Günther, der überall gerne tanzt. Im Sommer finde man ihn eher unter freiem Himmel und nicht in geschlossenen Räumen – zum Beispiel im Sisyphos oder im Kater Blau. Aber auch auf Dachterrassen oder Festen ist er anzutreffen, „Hauptsache die Musik stimmt.“

„House und Techno höre ich besonders gerne, da kann man nämlich seinem Tanz freien Lauf lassen. Diese ganze Mainstream-Radiomusik hört sich doch nur noch gleich an“, übt der Kreuzberger Kritik. Für ihn ist die Musik mehr als nur ein netter Wegbegleiter: „Ich denke nicht über Dinge nach, ich tanze über sie nach. Techno ist für mich eine Energiequelle und eine Möglichkeit den Kopf freizubekommen zugleich.“ Das Abtanzen ist aber nicht das einzige, was er mit seinen Followern teilen möchte. Seit 58 Jahren lebt Günther Krabbenhöft inzwischen in Berlin und hat viel Alltägliches beobachten können. Er betitelt seine Beziehung zur Hauptstadt sogar als Hassliebe.

Andersartigkeit ist die Quelle zum Glück

„Ich wünsche mir ganz viel Andersartigkeit, weil doch jeder irgendwie anders ist. Es macht Spaß hinzuschauen, wenn die Stadt und so auch der Alltag bunter sind. Seid vielfältig“, sagt der Berliner. Er schlendere gerne zu jeder Tages- und Nachtzeit durch seinen Kiez, sei es auf ein Stück Eierlikörtorte oder auf ein gutes Gespräch. Dabei bleibe er selten unerkannt, selbst auf Reisen in Italien sei er manchmal ein Zuschauermagnet. „Wir sind alle Selbstdarsteller in unserem eigenen Leben. Wichtig ist es, keine Rolle zu spielen, sondern man selbst zu sein. Das ist die Quelle, um glücklich zu sein“, da ist sich Günther sicher.

Im kommenden Jahr steht sein 80. Geburtstag an – das macht dem junggebliebenen Kreuzberger aber nichts aus: „Manchmal wundere ich mich darüber, was da in meinem Ausweis steht. Ich bin immer noch voller Neugier und habe viel vor.“ Obwohl er nicht raucht und Alkohol maximal in Kuchenform zu sich nimmt, hatte er vor fünf Jahren einen Infarkt. Kurz vor dem Einsetzen der Stents hatte er eine wichtige Botschaft an die Ärzte: „Ich habe ihnen gesagt, dass sie mir kein billiges Zeug einsetzen sollen. Es musste tauglich genug für das Berghain sein.“ Alles sei wie vorher, „auch wenn die Teile in mir sind.“

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Günthers Formel, um jung zu bleiben

„Ich bin kein Opa, der zu Hause darauf wartet, dass er besucht wird. Manchmal wache ich morgens auf und sage mir ‚Günther, fahr doch mal an die Ostsee‘ und das mache ich dann auch“, erzählt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Um jung zu bleiben, müsse man auch mal positiv denken: „Ich miste in meinem Kopf auch mal aus. Warum sollte man sein Leben damit füllen über Ängste nachzudenken, es ist kurz genug. Dafür habe ich keine Zeit.“ Man solle Vertrauen in den Lauf der Dinge haben und auch im Chaos einen Funken Hoffnung bei sich tragen.

Unter dem Bild des schottischen Touristen wurde Günther als 104-Jähriger betitelt, wobei er zu dem Zeitpunkt erst etwa 70 Jahre alt war. Eine Challenge, die er gerne annimmt: „Jetzt muss ich ja 104 Jahre alt werden. Das passt mir ganz gut in den Kram, denn mein Terminkalender ist voll genug.“