Silvia ist sauer. Verärgert schaut sie auf den vor sich stehenden Laptop und drückt alle möglichen Tasten. „Das verdammte Ding ging geht schon wieder nicht. Am liebsten würde ich den Kasten aus dem Fenster werfen“, sagt die 67-jährige. Die neben ihr sitzende Marie beruhigt sie. „Das wird schon wieder, den lassen wir jetzt mal eine Weile an der Steckdose“, sagt die 25-jährige.

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Die Studentin der Mathematik ist die Digital-Patin der Rentnerin. Die beiden treffen sich regelmäßig einmal in der Woche im Paul Gerhardt Stift in Wedding und versuchen gemeinsam, die digitale Welt zu verstehen. Marie erklärt geduldig und ohne die üblichen englischen Begriffe die Funktionsweise von Laptop und Smartphone und wie man im Internet Informationen herausfinden kann. „Am Anfang haben wir vor allem viel geredet. Ich will Silvia die Angst vor der Technik nehmen und ihr zeigen, wie man sie sich zunutze machen kann“, berichtet die 25-jährige.
Die Idee zu den Digital-Patenschaften ist unter dem Dach des „Zukunftshauses“ im Paul Gerhardt Stift entstanden. „Generationen bewegen“ lautet das Anfang des Jahres gestartete Projekt, um Senioren in der Nachbarschaft des Parkviertels zu unterstützen. Der Anteil älterer Menschen im Parkviertel liegt mit 16,3 Prozent an zweithöchster Stelle im Bezirk Mitte. Auch liegt der Bezirk bei den Empfängern von Altersgrundsicherung auf dem zweithöchsten Platz in Berlin. Der Senat erwartet laut seiner aktuellen Bevölkerungsprognose bis 2030 für Mitte einen Anstieg um 18 Prozent bei den 65- bis 80-Jährigen und einen Anstieg von fast zwölf Prozent bei den über 80-Jährigen.
„In der Corona-Zeit haben sich viele ältere Menschen an uns gewandt und geklagt, dass sie ja nirgends mehr hinkämen oder sich informieren könnten ohne Internet. Sie fühlten sich ausgeschlossen und gezwungen, sich damit zu beschäftigen - ob sie wollen oder nicht“, sagt Irma Leisle, die Leiterin des Zukunftshauses. Aktuelle Studien zu Lebensqualität, Interessen und Selbstständigkeit im Alter zeigen, dass sich durch die Corona-Pandemie Einsamkeit, mangelnde Bewegung, psychische Belastung und unzureichende Digitalkompetenz drastisch verschärft haben.
Diese Gefahr sieht auch Studentin Marie und hat sich deshalb für dieses Ehrenamt entschieden. „Ich wollte etwas machen bei dem man Menschen unterstützen kann, die in ihrem Umfeld keine entsprechende Hilfe haben“, sagt die 25-Jährige. Auch sie wohnt in der Nähe in Wedding – möglichst kurze Wege sind ein Prinzip der Patenschaftsaktivitäten, die sich nicht nur auf die Unterstützung am Computer beschränken.
Viele ältere Menschen leiden unter Bewegungsmangel, deshalb gibt es bei dem Projekt „Generationen bewegen“ auch Patenschaften zum Spazierengehen oder für gemeinsame Aktivitäten im Kiez. „Junge und ältere Menschen können sich mit ihren Stärken und Fähigkeiten einbringen und neue soziale Kontakte knüpfen“, sagt Anne Bieberstein vom Paul Gerhardt Stift.
Rentnerin Silvia schätzt die Patenschaft mit Studentin Marie sehr: „Man sieht die Dinge mal aus ganz anderer Sicht und es ist schön, miteinander zu reden. Sonst tippen ja alle immer nur noch auf ihren Handys herum“, sagt die 67-Jährige. „Aber dabei reden sie ja auch miteinander“, widerspricht Marie. „Bei meinem Auslandssemester in Italien konnte ich so Kontakt zu meinen Freunden halten“, sagt sie.
Geduldig versucht sie, Silvia für die digitale Technik zu erwärmen, hat mit ihr gemeinsam den Internetanschluss für ihre Wohnung bestellt, nachdem die Seniorin Preise und Anbieter vorher sorgfältig recherchiert hat. Silvia hat früher im Wohnungsamt gearbeitet und Gesetzestexte oder Verordnungen in den entsprechenden Büchern herausgesucht und nicht im Computer.
So ganz überzeugt ist sie von den Vorteilen der digitalen Technik immer noch nicht. „Vor allem, wenn sie nicht funktioniert“, sagt Silvia. Marie lacht: „Analog funktioniert ja auch nicht immer alles. Nur von der Technik erwarten wir immer Perfektion“, sagt die Mathematik-Studentin.
Paul Gerhardt Stift in Wedding
Das Paul Gerhardt Stift zu Berlin ist eine sozial-diakonische Einrichtung mit 145 Jahren Tradition. Das Stift ist in Wedding zu Hause. Ursprünglich wurde es als Diakonissenmutterhaus gegründet. Seit Anfang 2017 ist das Stift eine nichtoperative Förderstiftung. Es unterstützt aktuell vornehmlich seine sozialen Projekte in der Stadtteil-, Familien- und Flüchtlingsarbeit.
Auf dem Gelände des Paul Gerhardt Stifts befindet sich das Stadtteil- und Familienzentrum – das sogenannte Zukunftshaus Wedding und die Flüchtlingsunterkunft Refugium. Wer sich für eine Digitale oder andere Patenschaft interessiert, kann sich an die Projektkoordinatorin Dovile Babeckaite wenden unter der Telefon-Nummer 030-45005-241.




