Behutsam legt Archäologin Claudia Melisch mit Schaufel, Kelle und Besen Stück für Stück eines riesigen Steins frei. „Das hier ist der Kopf“, sagt sie und deutet auf einen bereits freigelegten Teil, „der ist allerdings abgebrochen“. Für die Archäologin ist diese Ausgrabung etwas ganz Besonderes: Nach mehr als 70 Jahren wurde im Volkspark Humboldthain in Mitte die Skulptur „Der weiße Stier vom Humboldthain“ gefunden – erschaffen im Jahr 1901 vom Hitler-Bildhauer Ernst Moritz Geyger.

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„Dieser Fund ist sehr bewegend. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, den Stier zu finden und ihn den Berlinerinnen und Berlinern wiederzugeben. Wer hätte denn wirklich geglaubt, dass er dort noch liegt“, sagt Claudia Melisch.

Über den Verbleib des Stieres, der 1945 in den letzten Kriegsjahren zerstört wurde, war nämlich nichts bekannt. Eher durch Zufall hat Dietmar Arnold, Vorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten, der für die Ausgrabung verantwortlich ist, von der Skulptur im Weddinger Brunnen-Magazin gelesen. „Also ging ich auf Spurensuche“, sagt Arnold. Er fand ein altes Foto aus dem Jahr 1930 mit der Bildunterschrift „Humboldthain – 1930: Stier (Geyger), zerstört, an derselben Stelle vergraben“. Geophysiker haben daraufhin den Boden untersucht und eine Anomalie entdeckt.
Vermutete der Verein Berliner Unterwelten zunächst eine Skulptur aus Bronze, wurde schließlich nach einer aus Marmor gesucht. „Bronze wäre sehr wahrscheinlich eingeschmolzen worden“, ist sich Arnold sicher. Man sei demnach davon ausgegangen, dass der Stier einfach verbuddelt worden sei. Auch wenn die Ausgrabungen erst am vergangenen Montag begonnen haben, ist Archäologin Claudia Melisch mit ihrer Recherche schon einen Schritt weiter: Der Stier wurde übererdet, das heißt: Die komplette Anlage Humboldthain wurde mit Millionen Tonnen Erde überschüttet.
Die Zukunft des Marmorstiers ist noch unklar
Bis Ende der Woche werden die Arbeiten wohl noch andauern, so der Verein Berliner Unterwelten. Wer sich das mal aus der Nähe ansehen möchte, kann den Archäologen durch den Bauzaun in der Nähe des Rosengartens zusehen. Wer aber denkt, dass man den Marmor einfach mit einem Besen freilegt, der irrt. „Wir müssen sehr vorsichtig sein. Der Stein ist durch die lange Zeit in der Erde sehr brüchig“, weiß Claudia Melisch. Drei Tonnen soll der vier Meter lange und mehr als zwei Meter große Stier in Gänze gewogen haben.
Was mit der verschwunden geglaubten Skulptur passiert, ist noch nicht geklärt. „Wir wünschen uns ein archäologisches Fenster im Humboldthain. So kann jeder unseren Fund sehen“, sagt Arnold. Das würde schlussendlich aber die Verwaltung entscheiden, schließlich müsse auch möglicher Vandalismus bedacht werden. Im Laufe der Woche wird sich auch entscheiden, ob der Stier in Einzelteilen bleibt oder komplett aufgestellt werden kann. Das liegt an der Beschaffenheit des Materials.

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