Pizza, Blätterteigröllchen, Couscoussalat, Suppe und ein ganzer Tisch voller süßem Gebäck. In der Mensa der Gottfried-Keller-Schule, einem Gymnasium in Charlottenburg, bekommen auch Nicht-Fastende beim Anblick des üppigen Buffets Appetit. Es ist der dritte Abend im Ramadan, dem Fastenmonat im Islam. Über hundert Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte sind der Einladung zum gemeinsamen Fastenbrechen gefolgt – doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Als erste Speise darf nach dem Muezzin-Ruf, diesmal vom Handy abgespielt, um Punkt 18.14 Uhr eine Dattel verspeist werden, gefolgt von einem Schluck Wasser.

Die Datteln isst Alim im Ramadan am liebsten. Nicht etwa, weil sie das erste sind, was man nach 13 Stunden ohne Nahrung zu sich nehmen darf, betont der 13-Jährige, der schon den ganzen Ramadan durch fastet, wie er sagt. Er mag die getrockneten Früchte einfach so gern.

Schulsozialpädagogin Gülnur Başgöl und Amina Avdovic, islamische Religionslehrerin, haben zum zweiten Mal am Gottfried Keller Gymnasium in Charlottenburg zum gemeinsamen Iftar eingeladen.
Schulsozialpädagogin Gülnur Başgöl und Amina Avdovic, islamische Religionslehrerin, haben zum zweiten Mal am Gottfried Keller Gymnasium in Charlottenburg zum gemeinsamen Iftar eingeladen.© Jana Treffler | Jana Treffler

Trotz der Vorfreude auf den Ramadan ist der Gaza-Krieg präsent

Die Stimmung in der Gottfried-Keller-Schule ist familiär und fröhlich. „Katastrophen und Kriege gibt es leider jedes Jahr, der Ukraine-Krieg, das Erdbeben in der Türkei und Syrien vor einem Jahr“, sagt Schulsozialpädagogin Gülnur Başgöl, die das Iftar gemeinsam mit der islamischen Religionslehrerin Amina Avdovic initiiert hat. Dass auf der anderen Seite des Mittelmeers Menschen in Gaza während dieser für viele Muslime eigentlich besinnlichen Zeit großes Leid erleben, ist dennoch präsent.

Davon zeugt ein Plakat, das drei Stockwerke über der Mensa in einem Flur hängt. Darauf steht „Free Palestine“, neben Bildern, die von der Hamas entführte Israelis zeigen, überschrieben mit „Bring them home“ – „Bringt sie nach Hause“. So nah beieinander sind diese Forderungen selten zu sehen. Die Schülerinnen und Schüler der Gottfried-Keller-Schule konnten an der „Klagemauer“ frei ihre Gedanken zum Gaza-Krieg zum Ausdruck bringen. Manchmal ist das einfach ein: „Ich finde Krieg sehr blöd.“

Der Umgang der Gottfried-Keller-Schuler mit dem Nahost-Konflikt findet Anklang bei Eltern und Schülern.
Der Umgang der Gottfried-Keller-Schuler mit dem Nahost-Konflikt findet Anklang bei Eltern und Schülern.© Jana Treffler | Jana Treffler

Ramadan wird für interreligiösen Ausstausch genutzt

Der Ramadan ist für viele Muslime ein Monat des Zusammenkommens und gerade deswegen auch des Dialogs. Viele Moscheen, aber auch Botschaften, christliche Organisationen oder das Studierendenwerk veranstalten offenes Fastenbrechen. Oft interreligiös, mit jüdischen und christlichen Teilnehmenden.

Die Khadija-Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde in Heinersdorf in Pankow lädt sogar täglich zum gemeinsamen Fastenbrechen. Dass die Strömung ihren Ursprung in Indien und viele Anhänger in Pakistan hat, merkt man dem Iftar-Mahl an. Nach der Dattel und dem Becher Wasser gibt es hier Pakora, frittiertes Gemüse in Kichererbsen-Teigmantel.

Die Männer beten im Erdgeschoss, die Frauen im fast gleich gebautem Obergeschoss der Khadija-Moschee in Pankow-Heinersdorff.
Die Männer beten im Erdgeschoss, die Frauen im fast gleich gebautem Obergeschoss der Khadija-Moschee in Pankow-Heinersdorff.© Florian Boillot | Florian Boillot

Ramadan: Gebete für den Frieden

Dann geht es in die Moschee zum Beten. Zwei kleinen Jungen, die mit den Männern in einer Reihe das Gebet verrichten, ist die Aufregung anzumerken. Sie können kaum stillhalten, kichern und schubsen sich. Nachdem Imam Scharjil Khalid das Gebet beendet hat, wartet draußen in einem Zelt das eigentliche Abendessen. Hühnchen-Curry, Reis mit Rosinen, dann Pudding und Chai-Tee zum Nachtisch.

Männer beim Essen nach dem Gebet

Fastenbrechen am Khadija-Moschee im Ramadan
Männer beim Essen nach dem Gebet Fastenbrechen am Khadija-Moschee im Ramadan© Florian Boillot | Florian Boillot

Der Krieg in Gaza beschäftige die Gemeindemitglieder, sagt der 29-jährige Imam. Ob der Ramadan dadurch weniger feierlich begangen werde, könne er nicht sagen. Denn aus theologischer Sicht gehe es beim Ramadan ohnehin nicht ums Feiern, sondern ums Innehalten, um Bescheidenheit und Kontemplation. „Viele schließen die Menschen in Gaza jetzt besonders in ihre Gebete ein“, so Khalid. Die gefühlte Verzweiflung könne so kanalisiert werden.

Beim Fastenbrechen am Khadija-Moschee gibt es Hähnchen-Curry, Reis und Fladenbrot.
Beim Fastenbrechen am Khadija-Moschee gibt es Hähnchen-Curry, Reis und Fladenbrot.© Florian Boillot | Florian Boillot

Im Gemeindehaus neben der Moschee treffen wir noch den bei Ahmadiyya für interreligiösen Dialog beauftragten Abdulrahman Chafi. Er ist 1982 vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Europa geflohen und lebt seit Jahrzehnten in Berlin. Als Libanese hat er einen persönlichen Bezug zum Nahen Osten. Der Gaza-Krieg habe aber nichts mit dem Ramadan zu tun. Ramadan sei eine religiöse, der Krieg eine weltliche Angelegenheit. „Natürlich tut es einem weh“, sagt Chafi, „kein Mensch soll getötet oder entführt werden, egal auf welcher Seite.“ Er bete in diesem Ramadan für Frieden für alle. „Es hat zwischen Frankreich und Deutschland geklappt, warum sollte es bei uns nicht auch gehen?“

Ramadan gehört dazu wie Weihnachten

Zurück in der Gottfried-Keller-Schule herrscht nach dem Fastenbrechen reges Treiben. Manche gehen beten – Männer bitte Raum 103, Frauen Raum 105 – und die Familien kommen ins Gespräch. „Unser Sohn Husam besucht die Schule im ersten Jahr. Wir freuen uns, hier andere Familien kennenzulernen“, sagt Nour A., die aus Syrien kommt, „im Ramadan geht es ums Zusammensein“. An den Tischen stellen Nicht-Muslime Fragen: Wie wird das Zuckerfest, also Eid gefeiert? Ist das ein Feiertag? Wie läuft das mit dem Fasten? Der Austausch scheint zu funktionieren.

Der 13-jährige Husam sagt, er faste schon, seit er zehn Jahre alt ist. Der Gaza-Krieg sei gar kein so großes Theme zwischen ihm und seinen Freunden. Eine Mutter lobt den Umgang der Schule mit dem Thema. Den Ansatz beschreibt Schulleiter Uwe Kany so: „Wir drücken keine Meinungen weg, denn dann können wir sie auch nicht bearbeiten.“

Das sei durchaus eine Herausforderung, denn in Lerngruppen komme es nun mal vor, dass jemand für das Existenzrecht Israels eintrete und daneben ein Schüler sitze, der gerade einen Verwandten in Gaza verloren habe. „Wir verlangen von allen Empathie für die andere Seite.“ Das gemeinsame Fastenbrechen sei in diesen Zeiten ein wichtiges Signal für muslimische Communitys. „Mit dem Iftar zeigen wir, dass der Ramadan genauso selbstverständlich dazugehört, wie Weihnachten“, sagt Kany.