Kaum ein Baum in den gemäßigten Breiten wächst so schnell wie die Pappel. Nach fünf Jahren steht sie schon Haushoch in den Himmel. Dazu kommen guten Brenneigenschaften. Die seien deutlich besser als etwa bei der Weide, berichtet Jan Grundmann, Geschäftsführer des Unternehmens Energy Crops. „Die Pappel ist unschlagbar energieeffizient“, betont der studierte Landwirt.
Vor ihm auf dem Feld läuft die Ernte auf Hochtouren. Ein Häcksler mäht Baumreihe für Baumreihe nieder. Rund acht Meter hoch stehen die Pappeln auf diesem Acker im brandenburgischen Stahnsdorf. Pro Stunde mäht der Häcksler einen Hektar. Vier Stunden braucht er für das Feld hier in der Regel. Die Ernte: Mehrere Traktor-Anhänger voll mit Pappel-Hackschnitzel, die als Biomasse schlussendlich Fernwärme-Energie für Berliner Haushalte liefern.
Vattenfall baut auf rund 2000 Hektar Agrarhölzer an
Vattenfall setzt seit einigen Jahren auf die Pappeln. Die Unternehmenstochter Energy Crops organisiert den Anbau. Auf rund 2000 Hektar lässt das Unternehmen Agrarhölzer anbauen. Rund 1600 davon befinden sich laut Grundmann in Brandenburg, die restlichen 400 in Polen. Es seien vor allem kleinere Flächen, so der Geschäftsfürher. Seine Firma habe sich dazu entschlossen, die Flächen weder zu kaufen noch zu pachten. Stattdessen gebe es rund 180 Kooperationsverträge mit den Eigentümern mit einer Laufzeit von 20 Jahren. Danach könnten die Bauern entscheiden, ob sie weiter Pappeln anbauen wollen, erläutert Grundmann. Er hofft allerdings auf zahlreiche Anschlussverträge. Denn Vattenfall will in Zukunft verstärkt auf Biomasse setzen.
Der Energiekonzern will im Jahr 2030 zwischen 450.000 und 480.000 Tonnen trockene Biomasse für die Energieversorgung verwenden. Verarbeitet wird sie schon jetzt im Vattenfall-Heizkraftwerk im Märkischen Viertel. In den nächsten Jahren sollen auch an den Standorten Reuter West (Siemensstadt) und Klingenberg (Rummelsburg) Biomasse-Heizkraftwerke entstehen. Die beiden Neuanlagen will Vattenfall als Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen errichten. Wie das Unternehmen betont, werde die eingesetzte Biomasse dort optimal ausgenutzt, erzeugt werde damit gleichzeitig Wärme und Strom.
Biomasse vor allem an windarmen Wintertagen wichtig
In einem Analysepapier des Unternehmens zum Agrarholzanbau wird vor allem der Vorteil der Lagerfähigkeit betont. So sorge Biomasse auch an kalten Wintertagen ohne Wind für Strom und Wärme in Berlin. Ihr Anteil am Erzeugungsmix wird auf 17 Prozent im Jahr 2030 steigen, heißt es in dem Papier. Langfristig soll der Anteil dann im Einklang mit der Berliner Wärmestrategie bei etwa 15 Prozent liegen.
„Insgesamt setzen wir mit unserem Dekarbonisierungsfahrplan auf einen breiten Mix an Brennstoffen und Technologien mit integrierten, sektorübergreifenden Lösungen”, betont Marko Voß, Manager bei der Vattenfall Wärme Berlin AG. Dazu zähle die Elektrifizierung der Wärme, etwa durch strombetriebene Großwärmepumpen. Wasserstoff, Biomasse und Geothermie sollen die Versorgung absichern, wenn erneuerbare Energien im Winter nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Zudem will das Unternehmen Abwärme nutzen, etwa von großen Rechenzentren. Bis zum Jahr 2030 will Vattenfall 40 Prozent der Fernwärmeenergie aus erneuerbaren Energien und unvermeidbarer Abwärme gewinnen. Zu Beginn dieses Jahrzehnts lag der Anteil noch bei weniger als 10 Prozent. Der Rest entfällt vor allem auf Gas und Kohle. Die Stadt Berlin plant einen Kauf des Fernwärmenetzes des schwedischen Konzerns, auch um die Wärmewende zu beschleunigen.

Zum Ernte-Termin von Vattenfall in Stahnsdorf ist auch Martin Müller gekommen. Er ist Imker im brandenburgischen Briesen. Für die Bienen sei die Pappel an sich uninteressant, sagt Müller. „Weiden wären besser“, betont er mit Verweis auf die Bestäubung. Positiv am Pappelanbau sei jedoch, dass in der Regel kein Pflanzenschutzmittel oder Dünger benötigt werde. Außerdem wachse nach dem Schnitt eine Wiese auf dem Pappelfeld. „Das ist besser als Mais“, sagt Müller, „unter dem Mais wächst gar nichts“.
Vattenfall will Pappelanbau deutlich ausbauen
Bis zur Erntereife der Pappel vergehen in der Regel nur wenige Jahre. Im Jahr 2014 hat die Vattenfall-Tochter Energy Crops mit dem Pappelanbau auf dem Feld in Stahnsdorf begonnen. Nun konnte das Unternehmen zum zweiten Mal ernten. Das Pappel-Hackschnitzel wird danach auf einen Lagerplatz nach Wustermark zum trocknen gefahren. Grundmann erwartet etwa 80 Tonnen Trockenmasse vom Acker in Stahnsdorf, rund 20 Tonnen pro Hektar. In den kommenden Jahren werde der Ertrag dann zunehmen, betont der Energy-Crops-Chef. Denn die Pappel bildet immer mehr Äste aus. In zehn Jahren soll der Ertrag in Stahnsdorf doppelt so hoch sein.
Rund 15.000 Tonnen Hackschnitzel will Energy Crops in diesem Jahr ernten. Damit liefert das Unternehmen aktuell rund 20 Prozent des Biomassebedarfs von Vattenfall. Der Rest der Biomasse sind laut Vattenfall hauptsächlich Hölzer aus der Waldbewirtschaftung, welche die Holzindustrie nicht verwerten könne. Um die Zielmarke von mindestens 450.000 Tonnen Biomasse im Jahr 2030 zu erreichen, will das Unternehmen auch Althölzer aus der Möbel- oder Bauindustrie und Schnittholz aus der Landschaftspflege verwenden.
Dazu setzt das Unternehmen weiter auf Pappeln. „Angesichts des steigenden Bedarfs werden wir den Agrarholzausbau in Brandenburg und in den angrenzenden Bundesländern stark ausweiten“, sagt Grundmann. Rund 100.000 Tonnen Biomasse will Energy Crops im Jahr 2030 ernten. Genutzt werden soll dann auch der Schnitt von Gräsern und Schilf in Moorgebieten, erläutert Grundmann.


