Oliver Waack-Jürgensen muss derzeit viel rechnen. Der 60-Jährige ist Vorsitzender des Cannabis-Social-Clubs HighGround Berlin und bereitet sich auf den Start des eigenen Anbaus vor. Sein Verein hat derzeit 80 Mitglieder im Alter von 23 bis über 60 Jahren. Bis zu 130 sollen es mal werden. „Interessenten gibt es viele“, sagt der Aktivist, der gegen chronische Gelenkschmerzen seit Jahren legal medizinisches Cannabis konsumieren darf. Die Themen, die die Szene nach dem bei aller Kritik an weiterhin bestehenden Auflagen als historisch angesehenen Beschluss zur Teil-Legalisierung umtreiben, sind vor allem betriebswirtschaftlicher und gärtnerischer Natur.

Waack-Jügensens Verein hat eine Anbaufläche von 150 Quadratmetern am Rande von Berlin in Aussicht, wo man gemeinschaftlich Hanfpflanzen ziehen möchte. Man rechnet damit, fünf bis sechs Kilo Gras pro Monat ernten zu können. Bei erlaubten maximal 50 Gramm pro Person ist die Produktionsfläche der limitierende Faktor, um mehr Mitglieder aufnehmen zu können.

Anbau-Fachleute sollen ihr Wissen aus Illegalität in die Cannabis-Vereine bringen

Wie in anderen Cannabis-Clubs auch setzt HighGround auf Fachleute, die sich mit Aufzucht und Pflege der Pflanzen auskennen. Die Experten, die ihre Expertise bisher in illegalen Verhältnissen gewonnen haben, sind in einem „Anbaurat“ innerhalb des Vereins organisiert. Geplant ist, ihnen auch ein Gehalt zu bezahlen, auch um sie von möglichen Lieferungen an organisierte Kriminelle abzuhalten. Manche seien deswegen schon im Gefängnis gewesen. Dabei sei die Grower-Szene, sagen viele an diesem Nachmittag im Keller-Café des Hanf-Museums in Mitte, ein natürlicher Feind der Mafia, weil sie sich durch Eigenanbau von profitorientierten Dealern unabhängig mache.

Wie viel die Mitglieder am Ende für ihr Gras zahlen müssen, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

  • Wie viel verdienen die Anbauer oder auch der vorgeschriebene Suchtpräventions-Beauftragten?
  • Wie teuer ist die Miete für den Vereinsraum, wo die Mitglieder ihr Cannabis abholen müssen?
  • Und wie viel kostet die Anbaufläche, drinnen oder draußen?

Clubs kalkulieren mit Preisen deutlich unter dem Schwarzmarkt-Niveau

Im viel größeren Cannabis Social Club Berlin rechnet der Vorsitzende Torsten Dietrich aktuell mit rund vier Euro Kosten für ein Gramm Gras. Das wäre weniger als die Hälfte der rund zehn Euro, die Dealer heute auf dem Schwarzmarkt verlangen. Dabei kann der Preis auch variieren, je nach Qualität und Sorte. Ein anderer Cannabis-Club geht von einer Summe von 70 Euro für monatlich zehn Gramm aus, zusätzlich wird ein Grundbeitrag von 12,50 Euro erhoben.

Dietrich geht davon aus, später bis zu zwei Dutzend Sorten anbieten zu können. Denn Gras sei nicht gleich Gras. Manches sei gut, um ruhig in der Ecke zu sitzen, anderes eigne sich zum Tanzen, wieder anderes mache gesprächig, es gibt Cannabis mit hohem THC-Gehalt und leichtere Sorten. Die Bedürfnisse der Mitglieder sollten entscheiden, was angepflanzt werde. Dietrich geht davon aus, dass sich nach der Legalisierung eine ganz neue Konsumkultur herausbilden werde.

Warum in den Clubräumen das Kiffen verboten bleibt, versteht die Szene nicht

Im Sommer 2023 demonstrierten auf der Hanfparade in Berlin noch Hunderte für die Legalisierung von Cannabis – auch mit diesem übergroßen Joint auf einem Wagen.
Im Sommer 2023 demonstrierten auf der Hanfparade in Berlin noch Hunderte für die Legalisierung von Cannabis – auch mit diesem übergroßen Joint auf einem Wagen.© dpa | Annette Riedl

Wirklich zufrieden mit dem neuen Cannabis-Gesetz der Ampel-Koalition ist die Szene nicht. Vor allem stört sie, dass man im Clubraum nicht rauchen darf. In Spanien, wo es seit vielen Jahren Cannabis-Vereine gibt, sei das anders. Der gemeinsame Konsum sei gut für die Geselligkeit und ermögliche, Leute auf ein problematisches Verhalten anzusprechen. Außerdem sieht Waak-Jürgensen Probleme mit dem Datenschutz, weil Informationen über Mitglieder unter Umständen auch an Behörden weitergegeben werden müssten. Dass keine Minderjährigen Zutritt haben sollen, ist für ihn selbstverständlich.

Die Höchstgrenze von 50 Gramm hält der Aktivist für willkürlich und unrealistisch. Weil jeder Erwachsene künftig drei Pflanzen ziehen darf, werde diese Menge zur Erntezeit auch bei Leuten ohne grünen Daumen wohl überschritten. Man werde weiter für Erleichterungen kämpfen. Es gebe „mutige Mitglieder“, die bereit seien, sich bei Verstößen erwischen zu lassen, um dann gegen verhängte Strafen klagen und so das Gesetz verändern zu können.

Viele Cannabis-Konsumenten hoffen auf eine weitere Liberalisierung

Mit einem Schild und der Aufschrift "Hanf auf die Felder" gehen Demonstranten bei der Hanfparade durch die Berliner Innenstadt. (Archivbild)
Mit einem Schild und der Aufschrift "Hanf auf die Felder" gehen Demonstranten bei der Hanfparade durch die Berliner Innenstadt. (Archivbild)© picture alliance / Jörg Carstensen | Jörg Carstensen

Nicht jeder Gelegenheitskiffer wird sich aber in einen solchen Vereinen organisieren. „Ich werde wohl beitreten und auch selbst anbauen“, sagt Christoph, 42, der im Online-Marketing arbeitet. Er wünscht sich aber, dass die im Gesetz vorgesehene zweite Stufe mit lokalen Versuchen für eine weitergehende Freigabe bald kommt. „Ich hoffe, dass wir dann auch Fachgeschäfte für Cannabis kriegen.“