Jäger und Sammler waren nicht sesshaft. Siedlungen und feste Wohnstätten gibt es erst seit dem Aufkommen der Landwirtschaft – diese Aussagen sind eigentlich eine fest verankerten Wissensgrundlagen in der Geschichte der Menschheit. Aber neue Funde der Freien Universität in Sibirien stellen diese jetzt infrage.

Inmitten der Taiga von Sibirien haben Forscherinnen und Forscher einen sensationellen Fund gemacht – die älteste befestigte Siedlung der Welt. Ein Team aus deutschen und russischen Forschenden aus Berlin, Kiel und Jekaterinburg hat die 8000 Jahre alten Anlagen erforscht. Geleitet wurde das Team von den Wissenschaftlerinnen Henny Piezonka und Natalia Chairkina.

Eine 8000 Jahre alte Hausgrube bei einer geomagnetischen Untersuchung.
Eine 8000 Jahre alte Hausgrube bei einer geomagnetischen Untersuchung.© Svetlana Lips | Svetlana Lips

Ergebnisse stellen Verständnis der frühen menschlichen Gesellschaft infrage

„Diese Erkenntnis verändert unser Verständnis der frühen menschlichen Gesellschaften“, sagt Piezonka vom Institut für Prähistorische Archäologie der Freien Universität Berlin. Die Untersuchungen rund um die befestigte Siedlung Amnya, die als nördlichste steinzeitliche Wallanlage Eurasiens gilt, stellen infrage, dass Menschen erst mit der Landwirtschaft anfingen, dauerhaft sesshaft zu werden und komplexe soziale Strukturen zu entwickeln, so die Forscherin. Die Studienergebnisse ihres Teams sorgten für Aufmerksamkeit als sie Anfang Dezember in der Fachzeitschrift „Antiquity“ veröffentlicht wurden.

8000 Jahre – das sensationelle steinzeitliche Alter der Siedlung wurde mithilfe der sogenannten Radiokohlestoffdatierung belegt, erklärt FU-Archäologin und Doktorandin Tanja Schreiber. So konnte die Stätte als das älteste bekannte Fort der Welt ausgewiesen werden.

„Unsere neuen paläobotanischen und stratigraphischen Untersuchungen zeigen, dass die Bewohner Westsibiriens einen hoch entwickelten Lebensstil führten, der auf den reichhaltigen Ressourcen der Taiga basierte“, erläutert Schreiber, die Mitautorin der Studie ist. Demnach fingen die prähistorischen Bewohner der Gegend Fische im nahegelegenen Fluss Amnya und jagten Elche und Rentiere mit Knochen- und Steinspeeren. Außerdem stellten sie verzierte Töpferware her, um ihre Vorräte an Fischöl und Fleisch zu konservieren.

Testgraben in der 8000 Jahre alten Siedlung Amnya. 
Testgraben in der 8000 Jahre alten Siedlung Amnya. © Henny Piezonka | Henny Piezonka

Siedlung weist überraschende Verteidigungsanlagen auf

Die vor Ort entdeckten Bauten belegen zudem fortschrittliche architektonische und defensive Fähigkeiten der Taiga-Gesellschaft, heißt es aus dem Forschungsteam. Gestützt wird dieses Ergebnis durch zehn Festungsanlagen mit Grubenhäusern, die von Erdwällen und Holzpalisaden umgeben waren. Diese zeigen zudem, dass es bereits vor der Entwicklung von bäuerlichen Gesellschaften dauerhafte Siedlungen mit Verteidigungsanlagen gab. Gleichzeitig würde damit die bisherige Auffassung infrage gestellt werden, dass Ackerbau und Viehzucht eine Voraussetzung für diversifizierte Gesellschaftsstrukturen waren.

Die Ergebnisse können demnach als bahnbrechend bezeichnet werden, weil diese das bisherige Menschheitsverständnis widerlegen. „Die sibirischen Funde tragen zusammen mit anderen weltweiten Beispielen wie etwa Göbekli Tepe in Anatolien zu einer umfassenderen Neujustierung bisheriger evolutionistischer Vorstellungen bei“, sagt Archäologin Piezonka.

Sie zeigen außerdem, dass eine allmähliche Entwicklung von einfach zu komplexen Gesellschaften stattgefunden haben muss. „In verschiedenen Teilen der Welt, von der koreanischen Halbinsel bis nach Skandinavien, entwickelten Jäger-Sammler-Gemeinschaften große und oftmals sesshafte Siedlungen, indem sie vor allem aquatische Nahrungsquellen nutzten“, sagt die Forscherin.

Archäologin Henny Piezonka bei einer Forschungskampagne in der Mongolei.
Archäologin Henny Piezonka bei einer Forschungskampagne in der Mongolei.© privat (A.W.) | Privat

8000 Jahre alte Siedlung diente als strategischer Standort

Gerade die Vielfalt der natürlichen Ressourcen der sibirischen Taiga, wie den fischreichen Fluss Amnya in der Nähe und die wandernden Herden in der Gegend hätten eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Siedlung gespielt, so Piezonka. „Die befestigten Siedlungen mit Blick auf die Flüsse dienten möglicherweise als strategische Standorte zur Kontrolle und Ausbeutung der ergiebigen Fischgründe“, erläutert sie.

Zusätzlich widerlege der Fund von Lebensmittellagern und die sichtbare Zunahme der Bevölkerung, das Verständnis, dass es in Jäger- und Sammlergesellschaften keine größeren Konflikte gegeben habe, so die Expertin.

Inwiefern noch andere für selbstverständlich gehaltene Annahmen über den Menschen nun infrage gestellt werden müssen, muss jetzt weiter erforscht werden. Deutlich sei jedoch jetzt schon, dass die lokalen Umweltbedingungen eine entscheiden Bedeutung in der Entwicklung von menschlichen Gesellschaften haben.