In diesem Jahr hat Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) einen ganz besonderen Ort gewählt, um einen Ausblick auf das kommende Woche beginnende neue Schuljahr zu geben: Statt in die funktionalen Räume der Bildungsverwaltung am Alexanderplatz lud sie in die Maria-Leo-Grundschule in Prenzlauer Berg. Sie ist eine der ersten fertiggestellten modernen Compartmentschulen, die am Montag von den Schülerinnen und Schülern bezogen wird. Helle, offene Räume, große Mehrzweckbereiche, ein ideales Lernumfeld mit modernster Ausstattung. „Das ist ein bildungsinnovativer Ort“, lobte Günther-Wünsch. Im Rahmen der Schulbauoffensive entstehen in Berlin gerade 19 Schulen dieser Art. Doch Günther-Wünsch hatte nicht nur gute Nachrichten zu verkünden. Der Anfang des Schuljahres ist der Zeitpunkt, an dem man den Realitäten ins Auge schauen muss“, sagte sie. „Wir haben einen sinkenden Lehrkräftebestand bei einer gleichzeitig steigenden Schülerzahl.“

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Die Herausforderungen bleiben auch im neuen Schuljahr hoch. Günther-Wünsch kündigte an, sich auf das Wesentliche fokussieren zu wollen. Eine gute Schule benötige vor allem auskömmlich Platz und möglichst gut qualifizierte Lehrkräfte, Schulleitungen sowie gutes und engagiertes weiteres Schulpersonal. „Ich möchte zum Start des neuen Schuljahres nicht ungeordnet verschiedenste Projekte ankündigen, die womöglich nebeneinander herlaufen“, sagte sie. „Ich bekenne mich vielmehr klar zu den herausfordernden Kernaufgaben, die wir Anfang Mai 2023 übernommen haben: Wir werden sukzessive deutlich mehr Schulplätze schaffen und zahlreiche neue und zeitgemäße Schulgebäude eröffnen.“
Schülerrekord an Berlins Schulen
Keine einfache Aufgabe. An den Berliner Schulen lernen mehr Schülerinnen und Schüler als je zuvor. An den allgemeinbildenden Schulen stieg die Zahl um rund 6500 auf 395.110. Hinzu kommen 80.180 Berufsschüler, rund 1100 mehr als vor einem Jahr. Der Zuwachs hänge auch mit der Zuwanderung ukrainischer Kriegsflüchtlinge zusammen. Nach Angaben der Senatorin lernen mittlerweile rund 7500 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine an Berliner Schulen, darunter etwa 7000 an allgemeinbildenden Schulen. Insgesamt werden 11.175 geflüchtete Schüler in 914 sogenannten Willkommensklassen unterrichtet – ein Plus von gut sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Weitere rund 1100 junge Flüchtlinge stehen noch auf Wartelisten, wie es hieß. Für diese Kinder und Jugendlichen wolle man die Wartezeit möglichst sinnvoll überbrücken und sie durch tagesstrukturierende Maßnahmen und Deutschunterricht in ihren Unterkünften gut auf die Schule vorbereiten.
Der Lehrkräftemangel ist in Berlin – wie in anderen Bundesländern auch – weiter ein drängendes Problem. Wie Günther-Wünsch erläuterte, wurden auf 2444 Vollzeitstellen 3225 Lehrerinnen und Lehrer eingestellt, viele von ihnen arbeiten jedoch in Teilzeit. Das sind aber 144 Pädagogen mehr als im vergangenen Jahr und „mehr als zunächst erwartet“, so Günther-Wünsch. Im Mai hatte sie das Defizit an Lehrkräften mit 1460 Vollzeitstellen angegeben. Zwar stehe die genaue Zahl erst im September fest, Günther-Wünsch hoffe aber, dass das Defizit etwas unter der seinerzeit erwarteten Zahl liege.
Nachteilsausgleich ab September
Dass sich mehr Pädagoginnen und Pädagogen in Berlin beworben haben, liege auch an der Verbeamtung, zu der Berlin vor einem Jahr zurückgekehrt ist. 774 der neu eingestellten Lehrkräfte seien Beamte, das sei fast eine Verdopplung zum Vorjahr. Außerdem wurden bis Ende Juli 400 Lehrkräfte, die schon an den Schulen arbeiten, verbeamtet. Weitere 9500 bisher angestellte sogenannte Bestandslehrkräfte wollen Beamte werden und haben einen entsprechenden Antrag gestellt. Für die Lehrkräfte, die aus Altersgründen nicht verbeamtet werden können, kündigte die Senatorin an, dass voraussichtlich schon im September der Nachteilsausgleich gezahlt werde.
Um zukünftig noch mehr Lehrkräfte für Berlin zu gewinnen, will die Senatorin den Beruf attraktiver machen. Es werde gerade geplant, den Studiengang zu reformieren. „Wir sind mit den Hochschulen im Gespräch, dass wir auch in Berlin das duale Lehrerstudium einführen wollen“, sagte Günther-Wünsch. Hier werde es so bald wie möglich einen Modellversuch geben.
Problematische Ergebnisse bei Vergleichsarbeiten
Um die Lehrkräfte an den Schulen von administrativen Aufgaben zu entlasten, soll die Zahl der Verwaltungsleiter erhöht werden. Auch im Technikbereich bekommen die Schulen Unterstützung: An zwei Tagen in der Woche erhalten sie einen IT-Support – darum kümmern sich aktuell noch die Lehrkräfte.
Ein weiteres zentrales Ziel der Bildungssenatorin ist eine bessere Bildungsqualität. Momentan sind Berlins Schüler davon jedoch weit entfernt. Jeder dritte Drittklässler kann kaum lesen und rechnen, wie aktuell gerade die Vergleichsarbeiten in der dritten Jahrgangsstufe im vergangenen Schuljahr ergaben. Laut Bildungsverwaltung erreichten in Deutsch-Lesen knapp 35 Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht die Mindeststandards. In Deutsch-Sprachgebrauch waren es sogar 46 Prozent. In Mathematik kamen 37 Prozent nicht auf das Mindestniveau.
Bildungsqualität erhöhen
Ebenfalls hochproblematisch sind Ergebnisse von Vergleichsarbeiten in der achten Klassenstufe. Hierbei gelang es 61 Prozent nicht, simpelste Aufgaben in Deutsch im Zusammenhang mit Lesen zu lösen. In Mathematik kamen 77 Prozent beim Thema Messen und 65 Prozent beim Thema funktionaler Zusammenhang nicht auf die Mindeststandards. An den Gymnasien waren die Ergebnisse laut Bildungsverwaltung etwas besser.
„Diese Ergebnisse sind für mich nicht hinnehmbar“, erklärte Günther- Wünsch zu den Vera 3 und Vera 8 genannten, bundesweit regelmäßig erhobenen Vergleichstests. Das Erreichen von Regelstandards in Lesen, Schreiben und Rechnen in den ersten Grundschuljahren für alle Schüler müsse oberstes bildungspolitisches Ziel in Berlin werden, so Günther-Wünsch. Um dieses Ziel zu erreichen, plant die Senatorin unter anderem Fachleitungen an Grundschulen für Mathematik und Deutsch. Kurzfristig greifen sollen Maßnahmen wie Projekttage, in die Inhalte des Deutsch- und Mathe-Unterrichts integriert werden. Geplant ist auch, die Mindestanzahl an Klassenarbeiten in Deutsch und Mathematik von drei auf vier pro Schuljahr zu erhöhen.




