Es war der perfekte Klangraum für 2200 kreischende Grundschüler. Schauspielstar Elyas M’Barek las auf Initiative der gemeinnützigen Becker-Kerner-Stiftung am Dienstagvormittag in der Berliner Philharmonie aus Erich Kästners „Emil und die Detektive“. Das renommierte Musikkorps der Bundeswehr untermalte die Lesung musikalisch. Schon vor Beginn erfüllte eine elektrisierende Stimmung den Konzertsaal, erwartungsvoll und aufgeregt fieberten die Schüler aus elf Berliner Stadtteilen und 18 Berliner Grundschulen der Tondichtung entgegen. Dabei wussten sie noch gar nicht, wer kommen würde, um ihnen vorzulesen. Das blieb bis zuletzt geheim.
Lampenfieber gab es auch hinter den Kulissen. „Ich bin ein bisschen aufgeregt, dass auch alles funktioniert“, sagte Moderator Johannes B. Kerner. Zusammen mit Britta Becker hat er die Stiftung ins Leben gerufen, um Kindern den Zugang zu Musik und Sport näherzubringen. Auch Britta Becker, Ex-Frau von Kerner und einstige Hockey-Nationalspielerin, ist in der Philharmonie dabei. Um elf Uhr betritt Moderator Kerner die Bühne, die Schüler kreischen, obwohl die wenigsten den Mann aus dem Fernsehen kennen dürften. Kerner heizt die Stimmung weiter an: „Lass uns mal schreien und einen ganz wunderbaren Vormittag verbringen.“ Die Philharmonie bebt.
Bei Elyas M’Barek parieren die Schüler sofort

Jubel auch, als das Musikkorps der Bundeswehr unter Leitung von Oberstleutnant Christian Weiper die Plätze einnimmt. Dann fragt Johannes B. Kerner scheinheilig ins junge Publikum, ob jemand den Film „Fack ju Göhte“ kenne. Viele, viele Arme gehen hoch. Ob sie denn auch Herrn Müller kennen? Den spielte Elyas M’Barek in dem Kinohit. Die Schüler und besonders die Schülerinnen kreischen. Dann lässt Kerner die Katze aus dem Sack: „Hier kommt euer Vorleser. Hier kommt Herr Müller.“ Und dann kommt er. Natürlich wieder Gekreische, nun besonders schrill, andere schauen fassungslos oder schlagen überwältigt die Hände vor das Gesicht.
Während das Musikcorps zur Einstimmung – und wohl um das Publikum etwas zur Ruhe zu bringen – eine Fanfare spielt, winken die Schüler M'Barek zu, er winkt in alle Richtungen zurück, hält den Zeigefinger vor den Mund, als es wieder Gekreische gibt. Die Schüler parieren sofort. Sie kenne ja die unorthodoxen Methoden des Lehrers Herrn Müller in „Fack ju Göhte“, um Jugendliche zu disziplinieren.
Dann geht die Lesung los. Der Kinderklassiker aus dem Jahr 1929 fesselt noch immer. Die Handlung: Der zwölfjährige Emil Tischbein reist aus der heimatlichen Kleinstadt erstmals nach Berlin, um Verwandte zu besuchen. Die 140 Mark, die ihm seine Mutter für die Großmutter mitgegeben hat, werden ihm von einem gesuchten Bankräuber im Zug geraubt, den Emil schließlich mit Hilfe seiner neuen Berliner Freunde an die Polizei ausliefert. Der gebürtiger Österreicher M´Barek brilliert in den Dialogen mit astreinem Berliner Dialekt. Als das Orchester an den spannenden Stellen laut und dramatisch aufspielt, muss der Schauspieler fast schon gegen die Musik anschreien. Langweilig wird dabei keinem.
Einige Schüler wollen nicht gehen: „Wo ist Herr Müller?“
Als gegen Ende der Lesung Emil und seine Detektive den Dieb pfiffig überführen, klatscht das Publikum anerkennend. Zum Schluss dürfen zwei Schülerinnen aus der Schule am Falkplatz aus Prenzlauer Berg auf die Bühne. Die Fünftklässlerinnen Liselotte und Hadiel, sie schwingen abwechselnd den Dirigentenstab des letzten Liedes: Der Shanty „The Wellerman“ von Nathan Evans, der sich 2021 monatelang auf Platz 1 der deutschen Single-Charts hielt. Der ganze Saal klatscht mit. Als einem der Mädchen vor Aufregung der Stab aus der Hand fällt und Elyas M´Barek ihn aufhebt, wieder Gekreische, dieses Mal von den Klassenkameradinnen.
Dann ist Schluss und Elyas M’Barek plötzlich ganz schnell wieder weg. Auf die Frage, wie es denn war, geben fast alle Schüler die gleiche Antwort: „Cool“. Einige wollen nicht gehen: „Wo ist Herr Müller?“, versuchen sich Leonie und Leon (beide 12) von der Marzahner Wilhelm-Busch-Grundschule durchzufragen. In der Hamburger Elbphilharmonie hat das Konzept dieser besondere Konzertlesung inzwischen Tradition, dort lasen Stars wie Sido oder die Sängerin Zoe Wees aus „Emil und die Detektive“. Nun also zum ersten Mal Berlin. Und da gehört die Geschichte schließlich auch hin.


