Berliner Museen

Lernen trotz Krieg und Elend: Berührende Fotos in Kreuzberg

| Lesedauer: 5 Minuten
Katrin Starke
„Zuflucht zu den Büchern“ heißt das Gewinnerfoto von Eduardo Soteras.

„Zuflucht zu den Büchern“ heißt das Gewinnerfoto von Eduardo Soteras.

Foto: Eduardo Soteras, Argentinien, AFP (Agence France Press)

Die Siegerarbeiten des Wettbewerbs „Unicef-Foto des Jahres 2022“ sind im Willy-Brandt-Haus zu sehen. Sie zeigen Kinderschicksale.

Berlin. Die zerstörte Bibliothek einer Grundschule in der Region Tigray im ­Norden Äthiopiens. Überall liegen Bücher verstreut umher. Durch einen schmalen Fensterschlitz fällt Licht in den düsteren Raum – und auf zwei Kinder. Ein Mädchen und ein Junge sitzen da, auf ihren Knien aufgeschlagene Bücher. In ihren Gesichtern ein flüchtiges ­Lächeln, Ausdruck eines seltenen ­Moments der Glückseligkeit. Der argentinische Fotograf Eduardo Soteras hat diesen Moment mit der Kamera festgehalten. Sein Foto, überschrieben mit dem Titel „Zuflucht zu den Büchern“, ist das Siegerbild des Wettbewerbs um das Unicef-Foto des Jahres 2022.

Seit Beginn dieses Jahrtausends prämiert Unicef Deutschland jährlich Bilder und Bildreportagen professioneller Fotografen, die die Persönlichkeit und Lebensumstände von Kindern weltweit auf herausragende Weise dokumentieren. „Hochwertige dokumentarische Fotografie kann Augen öffnen“, sagt Georg Graf Walder­see, Vorstandsvorsitzender von Unicef Deutschland. Den ausgezeichneten Arbeiten gelinge genau das: „Sie öffnen die Augen für die Lage der Kinder in unserer Welt. Die Bilder zeigen Kinderschicksale, ehrlich und aufrichtig, manche schonungslos, manche voller Hoffnung. Sie sind ein eindringlicher Appell an Empathie und Mitgefühle und erinnern uns an unsere gemeinsame Aufgabe – für das Wohl der Kinder weltweit einzutreten.“

Die Fotos zeigen Kinder und Jugendliche in schwierigsten Lebenslagen: im Krieg, in materieller oder seelischer Not. Aber auch Momente der Zuversicht sowie Facetten unterschiedlicher Alltagswelten werden abgebildet.

Das Thema Bildung steht 2022 im Fokus des Wettbewerbs

Das verbindende Element in diesem Jahr ist das Bedürfnis der Kinder, sich auch unter widrigsten Umständen zu bilden. Eduardo Soteras’ Foto des Jahres steht dafür geradezu beispielhaft. Es zeige die Widerstandskraft von Kindern und ihre Neugierde und ihr Streben nach Bildung, begründet die Jury unter Vorsitz des Kunsthistorikers und Publizisten Klaus Honnef ihre Wahl. Die Gewinner der ersten drei Plätze des Fotowettbewerbs fangen solche Momente im äthiopischen Bürgerkrieg, in der Ukraine und in Afgha­nistan ein. Diese – sowie die Fotos aus sieben weiteren Reportagen – sind von morgen an bis zum 26. Februar im Willy-Brandt-Haus zu sehen. „Die Siegerbilder zeigen das Positive im gegenwärtigen Chaos der Welt“, sagt Honnef. „Die Kinder auf diesen Fotos symbolisieren die Kraft und den ­Willen durchzuhalten und weiter nach einer besseren Zukunft zu streben.“

Der Argentinier Soteras dokumentiert sei 2020 die Situation von Kindern in der äthiopischen Region Tigray – in Flüchtlingslagern, Krankenhäusern, Auffangstationen für ­sexuell misshandelte Mädchen. Seine Bilder sind ein Aufruf, dass die Zivilbevölkerung im Norden Äthiopiens humanitäre Hilfe braucht. Denn: Die Mehrheit der rund 5,2 Millionen Menschen in der Region leidet infolge des bewaffneten Konflikts mit der Zentralregierung unter Gewalt, Vertreibung, Unterernährung und Trinkwassermangel. Viele Gesundheitseinrichtungen und Schulen wurden zerstört.

Bilder aus dem Krieg und aus einer heimlichen Mädchenschule

Mit dem zweiten Preis wurde ein Foto des US-amerikanischen Fotografen Ron Haviv ausgezeichnet. Es zeigt eine Gruppe von Kindern, die in einem Souterrain der ukrainischen Hauptstadt Kiew vor den Angriffen Zuflucht gesucht hat. Die Jungen und Mädchen blicken aufmerksam auf ein Kinderbuch, das ihnen gezeigt wird. In seiner Reportage zeigt Haviv ­Bilder von Abschied und Flucht. Er hat verlassene Kinderwagen ebenso abgelichtet wie zerstörte Brücken, zerschossene Wohngebäude, Keller und Metrostationen, in denen Kinder geboren werden, in denen sie spielen und lernen.

Den dritten Preis hat der deutsche Fotograf Daniel Pilar erhalten. Seine Reportage begleitet Schülerinnen in einer heimlichen Mädchenschule in Kabul. Pilar, einige Jahre lang festangestellter Fotograf bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und seit vielen Jahren freier Fotograf und Fotobuchautor, hat sie in einem behelfsmäßig hergerichteten Gebäude am Rande der afghanischen Hauptstadt ­entdeckt – verborgen in einem Hinterhof. Denn seit die Taliban im August 2021 erneut die Macht in Afghanistan übernommen haben, ist Mädchen der Besuch weiterführender Schulen wieder verboten.

Nicht weniger berührend als die Siegerfotos sind die sieben weiteren Fotoreportagen, die von der Jury mit ehrenvollen Erwähnungen bedacht wurden. Zu sehen ist da beispielsweise das Foto des zwölfjährigen Rifki Firman­syah aus der indonesischen Millionenstadt Depok, der sich Tag für Tag mit Silberfarbe anmalt, um als menschlicher Roboter „Silver Kid“ an Verkehrskreuzungen Geld für sich und seine Familie zu verdienen. Fotograf Agoes Rudianto hat ihn dabei mit der Kamera beobachtet. Tief beeindruckend ist auch das Foto des dänischen Fotografen Mads Nissen. Es zeigt den 15-jährigen Khalil Ahmad aus Afgha­nistan, der sein Hemd hebt und damit den Blick auf eine lange Narbe ­freigibt. Der Junge musste auf Geheiß seiner Eltern seine linke Niere opfern. Das Geld, das die Eltern dafür erhielten, benötigten sie dringend zur Ernährung ihrer elf Kinder.

Museums-Info

  • Willy-Brandt-Haus Stresemannstr. 28, Kreuzberg, Telefon 25 99 37 00, Di.–So. 12–18 Uhr, Eintritt frei. Einlass nur unter Vorlage eines ­gültigen Personalausweises, www.fkwbh.de
  • Ausstellung Unicef-Foto des Jahres 2022 bis 26. Februar