Demo in Berlin

Tausende Menschen demonstrieren für Agrarwende

| Lesedauer: 6 Minuten
Clara Andersen

Parallel zur Grünen Woche gingen wieder Tausende Menschen aus ganz Deutschland für eine umweltschonendere Landwirtschaft auf die Straße

Berlin. Anlässlich der Grünen Woche haben Tausende Menschen in Berlin für die Agrarwende, für mehr ökologische Landwirtschaft und Gerechtigkeit in der Lebensmittelversorgung demonstriert. Veranstalter war ein Bündnis aus Bauern, Klima- und Tierschützern sowie weiteren Verbänden. Im Vorfeld waren 10.000 Teilnehmer für die Demo angemeldet worden.

Am Samstag hatten sich nach Schätzungen der Polizei zunächst bis zum Mittag gut 1000 Menschen am Brandenburger Tor zur Auftaktkundgebung versammelt. Mit 55 Traktoren waren auch Bäuerinnen und Bauern zum Berliner Wahrzeichen gefahren.

"Unverbindliche Bilder von einem Minister, wie er Kühe streichelt, und leere Versprechungen brauchen wir nicht", hieß es in einer Auftaktrede. Währenddessen schallte es von allen Seiten: "Alle, alle Dörfer bleiben", und "Lebensmittel auf den Teller, nicht in den Trog." Zahlreiche Banner und Plakate wurden in die Höhe gehalten.

"Der Wandel geht nur mit uns Bäuerinnen und Bauern!", erklärte eine weitere Rednerin. "Es ist ein riesiges Erfolgserlebnis, dass wir mit über 100 verschiedenen Organisationen hier vertreten sind", fuhr sie fort. "Wir wollen gutes Essen für alle. Essen ist keine politische Waffe. Essen ist kein Profit. Essen ist ein Grundrecht."

Demo zur Grünen Woche in Berlin: Erst singen, dann demonstrieren

Nachdem bei der Auftaktkundgebung "Heal the World" von Michael Jackson gesungen wurde, setzte sich der Demo-Zug zusammen mit den Traktoren in Bewegung. "Massentierhaltung braucht kein Schwein", hieß es auf einer Schweinefigur, die Demonstranten über die Straße zogen. "Agrarindustrie Tötet!, Insekten schützen" und "Für Gentechnik fliege ich nicht" lauteten andere Slogans. In der Luft schwebten große Ballone und auch eine Insektenfigur. Vom Brandenburger Tor aus liefen die Demonstranten ins Regierungsviertel. Über die Straße des 17. Juni ging es dann wieder zurück zum Tor.

Anton, der mit seiner Freundin Jari bei der Demo mitlief, war beeindruckt, wie viele Menschen sich für den ökologischen Landwirtschaftswandel einsetzten: "Ich glaube gerade jetzt in einer Zeit von so vielen Krisen ist es wichtig, laut zu werden und für seine Werte einzustehen."

Nicht nur Jugendgruppen, Tierschutzorganisationen und Bauern waren unter den Demonstranten, sondern auch Gewerkschaften und Privatpersonen solidarisierten sich. Demonstrantin Hanna schwenkte eine Flagge mit der Aufschrift "Insekten schützen!" und erklärte: "Indem wir hier heute auf die Straße gehen, setzen wir ein Zeichen und dass so viele Menschen gekommen sind, zeigt ja auch, dass wir eine andere Politik wollen."

Veranstalter: Rund 10.000 Menschen nahmen an der Demo zur Grünen Woche teil

Gegen 15 Uhr erreichte die "Wir haben es satt"-Demo das Ende ihrer Route am Brandenburger Tor. "Das Ende unseres Protestes ist das aber lange noch nicht", rief ein Demonstrant. Er fand, dass die Demo ein voller Erfolg war: "Gemeinsam mit so vielen Leuten für gemeinsame Ziele zu kämpfen, bedeutet unheimlich viel. Ich glaube, dass Veränderung nur stattfindet, wenn wir da sind, wenn wir laut sind und wenn wir protestieren."

Mit dieser Meinung schien er nicht der Einzige zu sein, denn laut Christian Rollmann, dem Pressesprecher von "Wir haben es satt", nahmen rund 10.000 Menschen an der Demo teil. Bei "klirrender Kälte für die sozial gerechte Agrarwende und gutes Essen für alle zu kämpfen" sei, so Rollmann, "ein klares Signal an Minister Özdemir, an Tempo beim gesellschaftlich gewollten Umbau der Landwirtschaft zuzulegen".

Die Berliner Polizei sprach am Nachmittag auf Nachfrage der Berliner Morgenpost von 7000 Menschen, die an der Demonstration teilnahmen. Zwischenfälle gab es einem Polizeisprecher zufolge bislang keine.

Cem Özdemir bekommt Sechs-Punkte-Plan

Im Vorfeld der Demonstration hatten die Organisatoren einen Sechs-Punkte-Plan erstellt, der mit Stand von Mittwoch von 123 Initiativen und Vereinen unterstützt wird – darunter etwa die Berliner Tafel, Brot für die Welt oder der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Dieser Plan wurde am Samstagvormittag am Rande einer kleineren Demo, an der auch Traktoren teilnahmen, dem Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) übergeben. Während der Demo wurde am Auswärtigen Amt eine Zwischenkundgebung abgehalten. Dort findet die Berliner Agrarministerkonferenz statt. Zum 15. Mal lud das Bundeslandwirtschaftsministerium Ressortchefs aus aller Welt ein.

Mit Schildern wie „Honig könnt ihr importieren. Bestäubung nicht!“ und Parolen wie „Hopp, hopp, hopp, Höfesterben Stopp“ machten die Demonstranten auf ihre Forderungen aufmerksam. Zunächst ließ Özdemir jedoch auf sich warten. Doch er zeigte sich dann noch. "Wir erwarten, dass Sie als Landwirtschaftsminister dafür sorgen, dass diese aggressive Agrarexportpolitik aufhört"- mit diesen Worten übergab Georg Janßen, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, den Sechs-Punkte Plan an Özdemir.

Cem Özdemir: "Auch ich habe es satt"

"Danke, dass ihr heute hier seid", erwiderte dieser. "Auch ich habe es satt", fuhr er fort. Er sprach sich für die Forderungen der Landwirte aus: "Wer Klimaschutz, Ernährung und Ökologie gegeneinander ausspielt, wird alles drei verlieren". Er betonte dabei, dass die Bauern nicht nur mit ihm, sondern auch mit allen anderen Parteien und Politikern reden müssten. "Ich entscheide leider nicht alleine", meinte er.

Die Demonstrantinnen und Demonstranten zeigten sich daraufhin zwiegespalten: Sie sind zwar froh, dass Özdemir ihre Forderungen mit offenen Armen empfing, doch sie wollen endlich Taten sehen. Eine Bäuerin erklärte: "Es dürfen nicht immer nur leere Versprechen gemacht werden, die Politik findet ja immer Ausreden. Das muss aufhören und wir hoffen, dass Herr Özdemir sich dafür starkmacht."