Berlin

Schrottfahrräder: Neujahrsputz am Hauptbahnhof

| Lesedauer: 6 Minuten
Birgit Lotze
Ist ein Fahrrad zur Entsorgung bestimmt, wird der Besitzer auf gelben Banderolen oder Stickern darauf aufmerksam gemacht. Hier am Berliner Hauptbahnhof steht eine Aktion gegen Schrottfahrräder an.

Ist ein Fahrrad zur Entsorgung bestimmt, wird der Besitzer auf gelben Banderolen oder Stickern darauf aufmerksam gemacht. Hier am Berliner Hauptbahnhof steht eine Aktion gegen Schrottfahrräder an.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Am Montag sollen Fahrradleichen am Europaplatz zur Entsorgung freigegeben werden. Der Hauptbahnhof ist Hotspot herrenloser Fahrräder.

Berlin. Bald sollen am Hauptbahnhof wieder mehr Fahrradbügel frei sein. Die für das Ordnungsamt zuständige Bezirksstadträtin in Berlin-Mitte, Almut Neumann (Grüne), will am Montagvormittag „Neujahrsputz“ machen, eine Schwerpunktaktion gegen Schrotträder und aufgegebene Fahrräder – am Berliner Hauptbahnhof. „Der Hauptbahnhof ist leider ein Hotspot für Schrottfahrräder in Mitte“, sagt Neumann. „Das ist ärgerlich für die Menschen, die dort mit dem Fahrrad unterwegs sind, weil viele Fahrradstellplätze dauerhaft blockiert sind.“

Platte Reifen, Knick in der Felge, die Kette hängt durch, im Korb liegt braunes Laub: Schrottfahrräder erkennt man meist sofort. „Es werden immer mehr“, sagt Oliver Friederici, verkehrspolitischer Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus. „Das fällt auf im Stadtbild.“ Er fordert, dass man Fahrradleichen schneller abräumt, „nicht irgendwann“. Eine zentrale Stelle zur Beseitigung könne da Abhilfe schaffen. Viele dieser Räder, darunter viele, die gestohlen wurden, seien nicht einmal abgeschlossen und auch sonst leicht zu erkennen.

Pandemie und Personalmangel haben den Wildwuchs noch verstärkt

Die Pandemie und der Personalmangel haben den Wildwuchs noch verstärkt. Zahlen belegen zwar den steigenden Trend zum Einsammeln – doch das gilt nur für den Bezirk Mitte. 2019 hat das Ordnungsamt hier noch 449 Schrottfahrräder zur Entsorgung gemeldet, 2020 waren es 755 und im Jahr 2021 bereits 896.

In anderen Bezirken sind die Räumungen zurückgegangen. 2019 nannte der Senat die Zahl von 3946 Rädern, die in allen zwölf Bezirken entsorgt wurden. Damals fielen die meisten, 1200 Räder, in Friedrichshain-Kreuzberg an. Auf dem zweiten Platz folgte Neukölln mit 683 Fahrrädern, kürzlich meldete der Bezirk rund 500 abgeholte herrenlose Räder für das Jahr 2022. In einigen Bezirken reichten in Coronazeiten die Kräfte kaum aus, um sich des Problems anzunehmen. So besteht es nach wie vor: In Charlottenburg-Wilmersdorf stellte die CDU am Mittwoch den Antrag, ein Konzept zur schnelleren und effizienteren Beseitigung der „zahllosen Schrottfahrräder“ im Bezirk zu erstellen.

Bis ein Rad weggeräumt wird, können Monate vergehen

Meldet man in Steglitz-Zehlendorf ein Schrottfahrrad, bittet das Straßen- und Grünflächenamt um Verständnis. Nicht alle Fahrräder, die längere Zeit an gleicher Stelle auf der Straße stehen, könnten „zeitnah“ entfernt werden. Erst wenn das Rad „nachweislich komplett funktionsuntüchtig über einen Zeitraum von mehreren Monaten“ dort stehe, könne angenommen werden, dass der Besitzer sein Eigentum aufgegeben habe. Dann beauftrage das Amt eine Firma, diese Schrotträder entfernen zu lassen. Solche Aufträge erteile man – aus wirtschaftlichen Gründen – zwei bis dreimal pro Jahr. Bis zur Beseitigung der Räder könne „so einige Zeit vergehen“. Das heißt: auch mehr als ein halbes Jahr.

Etwas zügiger werden herrenlose Räder auf Bahn und S-Bahnanlagen entsorgt, dort, wo die Deutsche Bahn (DB) als Grundeigner auftritt. Sie macht vergleichsweise kurzen Prozess: Ist ein Rad länger als zwei Wochen ununterbrochen abgestellt, bekommt der Besitzer über eine Banderole eine Zwei-Wochen-Frist gesetzt, sagt ein Bahnsprecher. Räder, die eindeutig nicht mehr nutzbar seien, würden danach als Abfall behandelt. Rund 200 Schrotträder würden jedes Jahr an den Berliner S-Bahnhöfen abgeräumt. Das Entsorgen koste etwa 50 Euro je Fahrrad. Funktionstüchtige Räder versteigere die DB – aber erst nach Rückfrage bei der Polizei, ob das Fahrrad als gestohlen gemeldet wurde.

Das Projekt Good Bikes macht aus alten Rädern neue

Schrottfahrräder gelten als Müll, daher ist die Berliner Stadtreinigung (BSR) dafür zuständig. Allerdings legen einige Bezirksämter, vor allem dort, wo die Grünen stark sind, seit kurzem bei der Räder-Entsorgung Wert auf Nachhaltigkeit. Seit 2019 organisiert das Bezirksamt Mitte mit den Sozialwerkstätten der Goldnetz gGmbH das Projekt „Good Bikes“, das aus alten Rädern neue macht. Goldnetz sammelt die an das Ordnungsamt gemeldeten Schrotträder ein. Goldnetz-Leiterin Andrea Krebs sagt, im vergangenen Jahr seien 900 Fahrräder in Berlin-Mitte abgeholt worden.

Aus den Fahrrad-Skeletten werden von Langzeitarbeitslosen in den Spandauer Goldnetz-Werkstätten neue Räder gebaut. „Das sind nicht Eins-A-Topp-Räder, aber sie sind verkehrstüchtig“, sagt Andrea Krebs. Rund einhundert verkehrstüchtige Fahrräder seien im vergangenen Jahr im Zuge des Good-Bikes-Projektes an gemeinnützige Organisationen verschenkt worden, an SOS-Kinderdörfer, an Flüchtlingseinrichtungen, an die Lebensmittel-Ausgabestellen von „Laib und Seele“, die von der Berliner Tafel beliefert werden.

Aktuell bereite man Fahrräder für die Ukraine vor, auch die Fahrräder vom Hauptbahnhof könnten dort landen. Den Transport übernehme der Verein „Changing Cities“. „Wir sammeln und reparieren. Was darüber hinausgeht, organisieren andere gemeinnützige Träger.“

Was nicht verwertbar ist, wird im Projekt „Good Bikes“ sortiert. Das könne die BSR nicht leisten, dafür fehlten ihr die logistischen Möglichkeiten, sagt Andrea Krebs. Bislang seien die Räder aus Mitte als Schrott am Westhafen gelandet, jetzt trenne man nach Wertstoffen.

CDU und ADFC fordern gesicherte Abstellmöglichkeiten für Fahrräder

Der verkehrspolitische Sprecher der CDU plädiert für etwas, was auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) schon lange für Berlin fordert: Es sollen mehr gesicherte Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geschaffen werden. Vor allem an Bahnhöfen, wo besonders viele Fahrradleichen liegen blieben, sollten die Abstellplätze überwacht werden. Man müsse Abstellplätze einrichten, sie pflegen und die entsprechende Sicherheitstechnik installieren, sagt Oliver Friederici. „Dann hätte man das zweite Problem ums Rad, die Diebstähle, gleich mitgelöst.“