Lauterbachs Pläne

Was die Krankenhausreform für Kliniken in Berlin bedeutet

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Joachim Fahrun
Ein wichtiger Baustein der Reform: Für Notaufnahmen soll es extra Geld geben. Bisher machen Krankenhäuser damit vielfach ein Minus

Ein wichtiger Baustein der Reform: Für Notaufnahmen soll es extra Geld geben. Bisher machen Krankenhäuser damit vielfach ein Minus

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Gesundheitsminister Lauterbach hat eine Revolution in der Krankenhaus-Finanzierung angekündigt. Die wird auch in Berlin Folgen haben.

Berlin.  Die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) angekündigte „Krankenhausrevolution“ wird auch in Berlin Folgen haben. Noch weiß zwar niemand, ob und in welchem Umfang die Vorschläge der Reformkommission für eine Teil-Abkehr von der Finanzierung der Kliniken über Pauschalbeträge für jeden Krankheitsfall und die Kategorisierung der Häuser in lokale Grundversorger, regionale Zentren und Spitzenhäuser der Maximalversorgung tatsächlich umgesetzt werden. Die starken Lobby-Interessen im Gesundheitswesen haben schon so manche Reform-Idee zermahlen. Aber dass sich etwas ändert, ist absehbar.

Der Berliner Blick war in der Kommission stark vertreten. So gehörten mit Charité-Chef Hejo Kroemer, Charité-Aufsichtsrätin Irmtraud Gürkan, dem Leiter der Rettungsstelle im Charité-Klinikum Benjamin Franklin Rajan Somasundaram, dem TU-Professor für Gesundheitsmanagement Reinhard Busse und dem Kommissionskoordinator Tom Bschor, lange Jahre Chefarzt der Psychiatrie in der Schlossparkklinik, gleich fünf Berliner dem 16-köpfigen Gremium an.

Vivantes könnte von Pauschalen für Notaufnahmen und Kinderkliniken profitieren

Aus Sicht des Vorstandschefs des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes, Johannes Danckert, gehen die Vorschläge in die richtige Richtung. „Es ist sinnvoll, komplexe und schwierige Behandlungen von spezialisierten Kliniken vornehmen zu lassen und gleichzeitig die Grundversorgung zu sichern“, sagte Danckert. Auch mehr ambulante Behandlungen seien gut, denn „niemand liegt gerne im Krankenhaus.“ Vivantes könnte von den angeregten Vorhaltepauschalen für seine sieben Rettungsstellen und zwei Kinderkliniken profitieren. Deren Betrieb ist im derzeitigen Fallpauschalen-System für die Krankenhausträger schon lange ein Zuschussgeschäft.

Die von der Kommission angeregte Spezialisierung findet bei Vivantes bereits statt. Es gibt etwa für Prostata-Behandlungen vier Zentren, Schultern werden vor allem in Spandau und im Humboldt-Klinikum in Reinickendorf gemacht. Einen wenig spezialisierten Standort wie das Wenckebach in Tempelhof hat Vivantes aufgegeben und die Aufgaben in den Neubau am nahen Auguste-Viktoria-Krankenhaus verlagert. Auf dem Wenckebach-Areal soll ein großes Medizinisches Versorgungszentrum als Angebot niedergelassener Mediziner erhalten bleiben.

Schon jetzt legen Berlins Krankenhäuser viele Betten wegen Personalmangels still

Die Reform führe dazu, „dass es in Zukunft weniger Krankenhausbetten geben wird“, ist Danckert überzeugt. Die Zahl der mehr als 22.000 Betten würde also sinken: „Das ist gut, denn wir könnten heute schon mehr Behandlungen ambulant durchführen, wenn dies entsprechend finanziert würde“, sagte der Vivantes-Chef. Zudem fehlten schon jetzt Pflegekräfte, um alle Betten belegen zu können.

Derzeit, so ist aus dem Gesundheitswesen zu hören, seien rund 20 Prozent der Betten in Berlin wegen fehlender Pflegekräfte stillgelegt und würden vermutlich auch nicht mehr wieder in Betrieb gehen. Die Praktiker fordern eine Abkehr von der „Tonnenideologie“, die Berlins 2021 entstandener Krankenhausplan verfolge und der die Bettenzahl um 1300 erhöht hatte.

„Unser Ziel ist der gesunde Mensch, nicht der kranke Patient, an dem wir möglichst viele Fallpauschalen abrechnen. Daher ist es auch der richtige Weg, die Patient*innen und die Qualität der Versorgung in den Fokus zu nehmen“, sagte Danckert.

Auch die Charité hat sich die Prävention von Krankheiten als oberstes Ziel gesetzt

Diese Argumentation gleicht der von Charité-Chef Heyo Kroemer, der im Zukunftskonzept der Universitätsklinik die Prävention als wichtigstes Ziel formuliert hat. Dabei könnte ein solcher Kurswechsel auch die Charité mit ihren noch mehr als 3000 Betten treffen. Schon lange gibt es Kritik, dass der Maximalversorger mit seiner teuren Infrastruktur zu viele Routinebehandlungen durchführt, um die Kassen zu füllen. Mit der nun angestrebten Differenzierung der Aufgaben könnten aber auch die Universitätskliniken etwa für Spezialgeräte, besonders schwere Fälle oder die Behandlung seltener Leiden extra vergütet werden.

Aber der Weg zu einem anderen System ist kompliziert. Ein Krankenhausträger hat errechnet, dass es zwar viele Pflegekräfte sparen würde, wenn mehr Behandlungen ambulant erledigt würden. Aber gleichzeitig hätte das im derzeit geltenden System Erlösausfälle von fast 20 Prozent für die Fall-Gruppen zur Folge, bei denen ambulante Betreuung möglich wäre. Solange das System so bleibt wie es ist, ginge die gewünschte Kostenersparnis der Krankenkassen voll auf Kosten der Kliniken.

Gesundheitssenatorin Ulrike Gote: „Reform ist dringend und überfällig“

Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) bezeichnete die die Krankenhausreform als „dringend notwendig und lange überfällig. In welcher Situation sich die Berliner Krankenhäuser befinden, wird in der aktuellen Situation der Pädiatrien besonders deutlich“, so die Senatorin. Es bedürfe dringend einer Anpassung der Krankenhausfinanzierung. Die Fallpauschalen übten einen erheblichen wirtschaftlichen Druck auf die Krankenhäuser aus und belohnten Quantität statt Qualität. Gote verwies aber auch darauf, das Krankenhausplanung Ländersache sei und bleiben müsse.

Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft, die staatliche, frei-gemeinnützige und private Träger versammelt, forderte, Bundesländer und Krankenhäuser in dem Prozess „besonders zu berücksichtigen, weil sie die Reformen umsetzen werden und für die Planung zuständig“ seien. Nur müsse der Gesundheitsminister auch die kurzfristigen Probleme der Häuser lösen und sie bei den Inflationskosten entlasten.