Gesundheit

An diesen Medikamenten mangelt es in Berliner Apotheken

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Lara Le Claire und Julian Würzer
Medikamente aus dem Netz // IMTEST

Medikamente aus dem Netz // IMTEST

Während der Pandemie war der Zutritt zur Arztpraxis oft nicht möglich. Viele bestellen seitdem rezeptfreie Medikamente aus Versandapotheken.

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Ob Antibiotika oder Fiebersäfte für Kinder: Viele Medikamente sind derzeit knapp. Was das für Patienten und Apotheken bedeutet.

Berlin.  In ihren vier Jahren als Apothekerin hat Stephanie Bräuer so etwas noch nicht erlebt. Lieferengpässe für Medikamente und Arzneimittel hätten sich in den vergangenen Jahren zwar angebahnt, aber in diesen Tagen sei es besonders schlimm. Von Antibiotika über Fiebersäfte für Kinder bis hin zu Aspirin: Überall fehlt es, Bestände werden knapp, oder Lieferungen fallen aus. „Das habe ich noch nie gesehen“, sagt sie. Doch nicht nur ihre Apotheke am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte hat mit den Problemen zu kämpfen.

„Alle sind betroffen“, sagt Laila Nabwani. Auch in ihrem Geschäft am Moritzplatz im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg fehle es an vielem. Ebenfalls Fiebersäfte, aber auch Zäpfchen für Kinder zählt sie zu den Arzneien, die derzeit kaum geliefert werden. Immerhin habe sie kurzfristig Antibiotika und Nasenspray erhalten. Wenigstens ein kleiner Lichtblick in diesen grauen Tagen.

Apotheken in Berlin: Manchmal wird nur ein Bruchteil der Medikamente geliefert

Doch es ist ein Ausmaß, das Sorgen bereitet. „Es ist eine problematische Situation, die bislang nicht annähernd so dramatisch war“, sagt der Sprecher des Berliner Apotheken-Vereins, Stefan Schmidt. Zwar stehe eigentlich alles zur Verfügung, sagt er. Doch die Lieferungen seien nicht verlässlich. Bei 50 bestellten Packungen könne es vorkommen, dass nur ein Bruchteil geliefert werde.

Für die Apotheken, so Schmidt, bedeute das einen großen Mehraufwand. „Wenn ein Patient mit einem Rezept für ein Medikament kommt, das derzeit nicht auf Lager und nicht lieferbar ist, dann will die Apotheke diesen kranken Patienten dennoch versorgen.“ Also müssten die Kolleginnen und Kollegen telefonieren, den Großhandel abfragen, bei anderen Apotheken im Umfeld nachfragen.

Arzneimittelversorgung in Deutschland läuft auf Sparflamme

Sollte das Medikament nicht verfügbar sein, was durchaus in diesen Tagen vorkommen könne, müsse man Rücksprache mit den behandelnden Ärzten halten und sich unter Umständen auf einen anderen Wirkstoff oder eine andere Packungsgröße einigen. Andere Wirkstoffe können aber auch deutlich mehr Nebenwirkungen mit sich bringen, was sich wiederum auf die Versorgung des Patienten auswirkt.

Olaf Behrendt ist Vorsitzender des Apothekerverbands Brandenburg und hat selbst eine kleine Landapotheke in Fehrbellin. Die Mehrkosten, die durch die Lieferengpässe entstehen, beziffert er auf einen fünfstelligen Betrag pro Jahr. Er kritisiert, dass seit Jahren in Deutschland die Arzneimittelversorgung auf Sparflamme laufe. „Es geht nur darum, wie billig es ist.“ Die Folgen dieser Politik seien nicht Betracht gezogen worden, würden aber nun spürbar.

Apotheker müssen auf andere Wirkstoffe zurückgreifen

Als Beispiel nannte er den Wirkstoff Pantoprazol, der gegen Magenprobleme eingesetzt wird. Nur alle 14 Tage gebe es unter Umständen eine Packung. Deshalb müsse man nun oft auf andere Wirkstoffe ausweichen, in diesem Fall etwa Omeprazol. Dieser Wirkstoff aber habe mehr Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, was Folgen für die Patienten haben kann.

Die Engpässe könnten in der aktuellen Situation fast jede Patientin und jeden Patienten betreffen. Einen Teil der „Dramatik“, wie Schmidt die derzeitige Entwicklung beschreibt, bildet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ab. Mit Stand vom 6. Dezember gibt es dort 299 Meldungen zu Lieferengpässen – bei rund 100.000 zugelassenen Arzneimitteln für Deutschland.

Aufgeführt wird beispielsweise Infectomox 500 Saft, ein Antibiotikum, um etwa Magengeschwüre zu behandeln. Als Grund für den Lieferengpass, der Ende November gemeldet wurde, wird auf der Webseite „Lieferunfähigkeit von Mitbewerbern“ und eine „erhöhte Nachfrage“ genannt. In der Liste wird auch Penicillin V-ratiopharm 1,5 Mega genannt. Bei der Lieferung des Antibiotikums soll es noch bis Mitte des Jahres 2023 zu Engpässen kommen. Der Grund hierfür sind „Probleme in der Herstellung“.

Kosten für Hersteller oftmals nicht gedeckt

Christof Weingärtner, Sprecher des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller, sieht für die aktuelle Situation vielfältige Gründe: die Preissteigerungen für Energie und Verpackungsmaterialien wie auch Probleme in der Logistik und bei Lieferketten. Gerade höhere Preise könnten aber durch gesetzliche Regulierungen oder Rabattverträge von Krankenkassen kaum durch die Hersteller kompensiert werden. Bei einem Rabattvertrag bekommt eine Krankenkasse einen Preisnachlass für ein Medikament, im Gegenzug sichert die Krankenkasse zu, dass alle Versicherten nur dieses Präparat erhalten.

„Wenn die Kosten steigen, kann es sein, dass Unternehmen aussteigen“, sagt Weingärtner – also dass diese nicht mehr produzieren. Da es bei der Herstellung von Arzneimitteln oft eine Konzentration auf wenige Hersteller gebe, sei der Rückzug eines Unternehmens oftmals gravierend. Als ein weiteres Problem nennt Weingärtner die Verlagerung von Lieferketten aus Europa nach Asien. Vor allem patentfreie Arzneimittel werden beispielsweise in China oder Indien produziert. Kommt es dort zu Ausfällen, etwa durch die derzeitige Covid-Strategie Chinas, können in der Folge weltweite Lieferengpässe entstehen.

Weniger Bürokratie als Lösung?

Doch wie kann man gegensteuern? Schmidt sagt, den Apotheken würde der Abbau bürokratischer Regelungen in dieser angespannten Situation helfen. Gerade wenn Arzneimittel hergestellt werden müssten, da sie nicht lieferbar sind, ziehe dies einen riesigen Schreibaufwand nach sich, der viel Arbeitszeit koste.

Fragt man Weingärtner, fordert er einen Inflationsausgleich für die Arzneimittelhersteller bei Rabattverträgen. So könnten Unternehmen auch unter diesen schwierigen Umständen weiterhin produzieren.

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