Energieversorgung

Vattenfall startet Bieterverfahren für Berlins Fernwärme

| Lesedauer: 4 Minuten
Joachim Fahrun
Ein Knotenpunkt des Berliner Fernwärmesystems ist das Heizkraftwerk Reuter West mit dem Kühlturm für die beiden Kohlemeiler

Ein Knotenpunkt des Berliner Fernwärmesystems ist das Heizkraftwerk Reuter West mit dem Kühlturm für die beiden Kohlemeiler

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Früher als erwartet hat der schwedische Konzern die Weichen gestellt, um Kraftwerke loszuwerden. Was das für Berlins Politik bedeutet.

Berlin. In Berlins Landespolitik waren die entscheidenden Leute davon ausgegangen, noch etwas mehr Zeit zu haben für eine wirklich epochale Entscheidung. Der schwedische Vattenfall-Konzern würde das avisierte Verkaufsverfahren für Berlins Fernwärmesystem frühestens am Jahresende, womöglich auch erst nach der Wiederholungswahl im Februar starten, waren Koalitionspolitiker überzeugt. Insofern hat Vattenfall am Dienstag die Berliner überrascht mit der Ankündigung, das Bieterverfahren für die zehn Heizkraftwerke, 105 Klein-Blockheizkraftwerke, verschiedene andere Anlagen und das 2000 Kilometer lange Wärmenetz jetzt zu starten.

Für den Senat bedeutet das, schneller sprechfähig sein zu müssen mit der Bewertung der Anlagen, der energiepolitischen Unsicherheit und der Investitionsbedarfe in dem riesigen System, das fast 1,4 Millionen Haushalte in der Hauptstadt mit Wärme und Warmwasser versorgt. Die Schweden drängen zur Eile. Schon im ersten Halbjahr 2023 soll in Stockholm über einen Verkauf von 100 Prozent der Aktien an der Vattenfall Wärme Berlin AG mit 1700 Beschäftigten inklusive der 80-Prozent-Anteile am Fernheizwerk Neukölln entschieden werden, wenn entsprechende Angebote vorliegen.

Der Senat hat sich festgelegt: Berlin möchte die Fernwärme zurückkaufen

Der Senat aus SPD, Grünen und Linken hat sich klar positioniert. Im Oktober erklärte die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) öffentlich, was intern längst abgesprochen war: das Land will die Berliner Fernwärme übernehmen, um die Energiewende in eigener Verantwortung vorantreiben zu können. Die Opposition aus CDU, FDP und AfD lehnt das ab. Die Fernwärme war in den 1990-er Jahren mit der Bewag privatisiert worden.

Als Minderheitenpartner hat sich Berlin dazu mit den Energiekonzernen Eon aus Essen und Engie aus Frankreich zusammengetan. Beide halten in Berlin bereits zusammen mit Vattenfall jeweils rund ein Drittel am Gasversorger Gasag. Dem Fernwärme-Deal soll darum nach den Wünschen des Senats ein Erwerb der Gasag-Mehrheit durch das Land vorgeschaltet sein. Dann könnte die Gasag die Fernwärme schlucken. Dieser Weg scheint aber versperrt: „Unsere Gasag-Anteile stehen aktuell nicht zur Disposition“, sagte ein Vattenfall-Sprecher der Morgenpost.

Ziel ist ein einziges Unternehmen, das die Wärmewende in Berlin koordiniert umsetzt

Das Ziel des Senats ist es, die Wärmewende, also den Abschied von fossilen Brennstoffen wie Kohle und Erdgas in der Stadt durch ein gemeinsames Vorgehen innerhalb eines Unternehmensverbundes zu bewältigen. Dazu ist es nach Ansicht von Experten wie dem Chef des Landesbetriebes Berlin Energie Wolfgang Neldner notwendig, genau zu planen, welche Stadtteile zusätzlich an die Fernwärme angeschlossen werden, welche dezentral zu versorgen sind und wo entsprechend das bestehende Gasnetz für grünen Wasserstoff genutzt oder eben zurückgebaut werden sollte.

Vattenfall betonte in einer Mitteilung vom Dienstag, man lege im „im Verkaufsprozess insbesondere Wert auf die Bereitschaft und die Eignung der Interessenten, den bereits eingeschlagenen Weg der Dekarbonisierung des Wärmegeschäfts weiterzuverfolgen“. Wie berichtet planten die Schweden bisher mit Investitionen von zwei Milliarden Euro, um in den nächsten Jahren das System auf erneuerbare Quellen wie Grünstrom, Abwärme aus Abwasser, Biomasse, Geothermie und Wasserstoff umzurüsten.

Vattenfall setzt auch auf Interessenten, die gegen das Land und seine Partner antreten

Laut Vattenfall gibt es trotz des offensiv vorgetragenen Interesse des Landes Berlin auch andere Interessenten für das Wärmenetz. Namen werden nicht genannt. In Frage kommen aber internationale Infrastruktur-Investoren ebenso wie Energiekonzerne oder Pensionsfonds. Aufseiten der Berliner hält man es aber eher für unwahrscheinlich, dass sich Bieter auf das viele Millionen Euro teure Verfahren einlassen in dem Wissen, dann gegen die Interessen des auch als Genehmigungs- und Planungsbehörde fungierenden Landes agieren zu müssen.

Finanziell hat die Koalition Vorsorge getroffen und entsprechende Möglichkeiten zur Übernahme von Landesbürgschaften für den Kauf der Fernwärme im Nachtragshaushalt eingeplant. Intern wird davon ausgegangen, dass das Fernwärmenetz wegen des hohen Investitionsbedarfs für knapp eine Milliarde Euro den Besitzer wechseln könnte.