Kriminalität

Gewalt gegen Frauen: Warum Berlin zu wenig unternimmt

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Jana Treffler
Mehr häusliche Gewalt gegen Frauen im Lockdown

Mehr häusliche Gewalt gegen Frauen im Lockdown

Die Zahl der Hilfegesuche von Frauen wegen häuslicher Gewalt ist in der Coronavirus-Pandemie stark gestiegen. Alle 20 Minuten geht ein Anruf mit der Bitte um Hilfe beim Hilfetelefon ein.

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Der besorgniserregende Trend setzt sich fort: Gewalt gegen Frauen in Berlin steigt erneut an. Die Kritik an der Stadt ist scharf.

Berlin.  10.546 Frauen und Mädchen sind in Berlin von Januar bis Oktober 2022 Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Im gleichen Zeitraum 2021 waren es 9.469, so die Polizei Berlin. Das ist ein Anstieg um mehr als tausend Opfer. Obwohl Deutschland vor fünf Jahren die Istanbul Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen unterzeichnet hat und der Berliner Senat entschiedener gegen geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide vorgehen will, ist ein Ende der Gewalt nicht in Sicht.

Damit setzt sich ein langjähriger, besorgniserregender Trend fort. Bereits im Jahr 2020 war ein Anstieg der häuslichen Gewalt in Berlin zu verzeichnen, 2021 ein leichter Rückgang um etwa vier Prozent. Damals sah man den Lockdown und die pandemiebedingte Krisensituation als Auslöser.

Dieser Faktor fällt in diesem Jahr weg. Hinzu kommt, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegen muss. „Fast keine meiner Mandantinnen erstattet Anzeige“, sagt die Berliner Anwältin Asha Hedayati, die gewaltbetroffene Frauen in familienrechtlichen Angelegenheiten vertritt. Je nach Schätzung taucht nur ein Fünftel bis ein Drittel der Fälle in der polizeilichen Kriminalstatistik auf.

„Ich war schockiert, was ich meiner Frau angetan habe“

Zunahme von Gewalt gegen Frauen in allen Bereichen erwartet

Nicht nur im familiären Umfeld wird für 2022 eine Zunahme der Gewalt gegen Frauen erwartet. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus hervor. Doch das Zuhause ist statistisch gesehen ein gefährlicherer Ort für Frauen als der dunkle Park. Nur ein Viertel der schweren und gefährlichen Körperverletzung gegen Frauen in Berlin ereignete sich 2021 im öffentlichen Raum.

Immer wieder kritisieren Fachleute der Mangel an Schutzplätzen in Frauenhäusern in Berlin. Das Land verfügt über 422 Plätze in Frauenhäusern und 30 weitere in Notwohnungen. Das ist nur halb so viel wie von der Istanbul Konvention des Europarats vorgegeben. Darüber hinaus rügte der Europarat Deutschland erst im Oktober für den Umgang mit gewaltbetroffenen Frauen in sorgerechtlichen Fragen. Das bestätigt auch Anwältin Hedayati: „Die Familiengerichte nehmen die Gewalt des Vaters nicht ernst.“

Prävention: Auch in der Täterarbeit fehlen in Berlin Beratungskapazitäten

Zur Gewaltprävention gehört nicht nur der Schutz der Opfer, sondern auch die Täterarbeit. In Berlin bieten nur die Volkssolidarität und seit letztem Jahr auch das Berliner Zentrum für Gewaltprävention (BZfG) Beratungsprogramme für Täter an. „Im Vergleich zu den hohen Fallzahlen ist die Beratungskapazität in der Täterarbeit in Berlin problematisch gering“, sagt Isabel Schneider von der Volkssolidarität.

Bei der Volkssolidarität wurden im Jahr 2021 261 Klienten beraten, in diesem Jahr bis Stand heute 235. Zum BZfG haben 2022 bisher 178 Personen Kontakt aufgenommen. Laut Schneider kommen die meisten Täter aufgrund einer Weisung und nicht aus eigener Motivation zur Beratungsstelle.

Anlässlich des internationalen Tags gegen Gewalt gegen Frauen findet um 14 Uhr am Alexanderplatz ein Flashmob unter dem Motto „FreivonGewaltTag“ statt, zu dem verschiedene Vereine und Institutionen aufrufen. Um 18 Uhr startet zudem am Rosa-Luxemburg-Platz die Demonstration „Rage, Resistance, Revolution“ eines Bündnisses feministischer Gruppen.