Energieversorgung

Das passiert, wenn alle Berliner ihre Heizlüfter anwerfen

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Joachim Fahrun
Alptraum der Stromnetzbetreiber: Alle Berliner schalten gleichzeitig elektrische Heizlüfter ein, das Netz wird überlastet.

Alptraum der Stromnetzbetreiber: Alle Berliner schalten gleichzeitig elektrische Heizlüfter ein, das Netz wird überlastet.

Foto: Svenja Hanusch / FUNKE Foto Services

Berlins Netzbetreiber wappnet sich für den extrem unwahrscheinlichen Fall, dass es gar kein Gas mehr zum Heizen gibt.

Berlin. Auch ein Kreuzfahrtschiff habe Schwimmwesten und Rettungsboote für alle Passagiere an Bord, obwohl nicht damit zu rechnen sei, dass ein solches Schiff in Seenot gerät. Mit diesem Vergleich illustrierte der Chef der landeseigenen Stromnetz Berlin Erik Landeck, was seine Leute seit Monaten tun. Sie bereiten sich vor auf den extrem unwahrscheinlichen Fall, dass Haushalte kein Gas mehr zum Heizen bekommen und dann anderweitig versuchen, ihre Wohnungen warm zu kriegen – mit Heizlüftern, dem Ofen oder dem Staubsauger.

2,3 Millionen Kunden seien angeschlossen ans Stromnetz, rechnete Landeck am Freitag bei einem Pressetermin mit Energiesenator Stephan Schwarz (parteilos, für SPD) vor. Die maximale Last in Berlin, also die zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügbare Strommenge, liege bei 2,3 Millionen Kilowatt. Im Durchschnitt steht also jedem Haushalt ständig ein Kilowatt zur Verfügung. „Dafür ist das Stromnetz geplant“, erklärte Landeck, auch wenn es noch Reserven gebe und die Transformatoren nur zu etwa 50 Prozent ausgelastet seien.

Schon in normaler Lage ist es nicht möglich, dass alle Elektrogeräte gleichzeitig laufen

Schon in einer normalen Lage wäre es kaum möglich, dass alle Berliner gleichzeitig Staub saugen, Backen und ihre Wasch- und Geschirrspülmaschinen laufen lassen. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass das alle machen, ist gering“, so der Stromnetz-Chef.

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Das wäre anders, wenn im Falle einer Gasmangellage selbst die eigentlich geschützten Privatkunden nicht mehr mit Gas zum Heizen versorgt würden. An kalten Tagen würden womöglich alle ihre Heizlüfter anwerfen. Das Netz wäre überlastet. „Das Stromnetz kann nicht ohne Vorbereitung die komplette Wärme einer Stadt übernehmen“, sagte Landeck.

Würden alle Haushalte mehr Strom aus dem Netz saugen, würden Transformatoren überhitzt ausfallen oder Schaden nehmen. Deswegen würde Stromnetz einen Teil der 10.000 Netzstationen abschalten, die das Mittelspannungsnetz mit dem Niederspannungsnetz verbinden. Die Kunden dahinter hätten keinen Strom. Landeck versicherte, dass eine solche Lage maximal vier Stunden dauern werde, bis sich die Anlagen wieder abgekühlt hätten.

Stromnetz Berlin hat zur Sicherheit viel mehr Ersatzteile als sonst angeschafft

Um die Infrastruktur zu stärken, bereitet Stromnetz sich vor. Man ziehe in den Transformatoren „die Schrauben nach“, sagte Landeck. Und man habe kritische Elemente im Netz identifiziert. Dort, wo etwa viele Haushalte mit Öl, Kohle oder Wärmepumpen heizen und kein Gas benötigen, müsse auch niemand Stromabschaltungen befürchten.

Das Unternehmen habe viel mehr Ersatzteile als üblich eingekauft, etwa Sicherungen für Transformatoren. Die Installateure habe man informiert, dass auch Haussicherungen beschädigt werden könnten, wenn die Bewohner eines Hauses gleichzeitig zu viel Strom aus dem Netz ziehen. Aber auch diese Sicherungen habe man bestellt. Im Notfall rechne er aber damit, dass sich etwa Bewohner eines Hauses abstimmen, um nicht gleichzeitig zu viel Strom zu verbrauchen. Man habe auch 100 Transformatoren auf Lager, für alle Fälle. Üblicherweise gingen in einem Jahr nicht mehr als zwei bis fünf dieser Anlagen kaputt.

Senator Schwarz beruhigt: „Eine Gasmangellage tritt nicht plötzlich ein“

Wirtschafts- und Energiesenator Schwarz sagte, solche Szenarien würden sich mit einem Vorlauf ankündigen: „Eine Gasmangellage tritt nicht plötzlich ein“, sagte Schwarz. Es gehe dann darum, das Verhalten der Bevölkerung zu beeinflussen. Wenn eine Überlastung des Stromnetzes drohe, würden neben einer Kommunikation über soziale Netzwerke oder die Presse auch Polizisten mit Lautsprecherwagen durch die betroffenen Stadtteile fahren und die Leute mahnen, ihre Geräte vom Netz zu nehmen. Die Berliner gingen aber schon sehr sorgsam mit Energie um, sagte der Stromnetz-Chef. So sei der Verbrauch im Oktober im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent gesunken. Im September waren es erst fünf Prozent.

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