Ermittlungen

Radunfall in Wilmersdorf: Wenn der Augenzeuge Tesla heißt

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Tesla-Kameras werden in Autos oft auf Autopilot geschaltet.

Tesla-Kameras werden in Autos oft auf Autopilot geschaltet.

Foto: Screenshot/Tesla

Die Kameras eines Teslas unterstützen Ermittlungen zum Radunfall in Wilmersdorf. Wo sie bisher schon halfen – und wo Gefahren lauern.

Berlin. Es sind möglicherweise Bilder von Kameras aus einem Tesla, die für Aufklärung sorgen könnten: Der schwere Unfall auf der Bundesallee in Wilmersdorf, bei dem eine 44-jährige Fahrradfahrerin unter einen Betonmischer geriet und später verstarb, wurde nach Informationen der Berliner Morgenpost von automatischen Kameras eines Teslas gefilmt.

Auch eine Messerattacke auf den Fahrer des Lkw durch einen Obdachlosen soll die Kamera aufgezeichnet haben. Der mutmaßliche Täter wurde inzwischen per richterlichem Beschluss in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht, wie die Staatsanwaltschaft der Berliner Morgenpost am Freitag mitteilte.

Zur Bedeutung der Kamerabilder wollte sich die Berliner Staatsanwaltschaft nicht einlassen. „Zu den laufenden Ermittlungen und den einzelnen Ermittlungsschritten werden wir uns nicht äußern“, hieß es. Um an die Bilder zu kommen, benötigen die Ermittler einen richterlichen Beschluss, erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

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Autoaufnahmen zeigen Tatverdächtigen

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Bilder der modernen Teslas die Polizei auf die richtige Spur führten. So hatte im Januar 2021 eine heftige Explosion in Schöneberg Fensterscheiben und Autos beschädigt und einen großen Polizeieinsatz ausgelöst. Gegen 1 Uhr morgens detonierte ein Gegenstand, der am Fuß eines Baustellenschilds in der Fritz-Reuter-Straße abgelegt war. Ein 60-jähriger Mann wurde durch umherfliegende Teile des Verkehrsschildes leicht am Bein verletzt.

In der Nähe des Explosionsorts soll ein Tesla geparkt haben, hieß es damals aus Sicherheitskreisen. Aufgrund der Erschütterung soll das Auto seine Kameras aktiviert und die Umgebung aufgezeichnet haben. Dann wurde geprüft, ob auf den Aufnahmen Tatverdächtige zu sehen war. Im Februar 2021 wurde der mutmaßliche Täter festgenommen.

Auch bei den Ermittlungen zu illegalen Autorennen und Verkehrsunfällen sind die Computerdaten der Fahrzeuge sowie die Aufzeichnungen der Kameras von sehr großer Bedeutung. Die digitalen Auswertungen der Fahrzeugdaten sind zwar eine große Hilfe, machen die Arbeit der Gutachter aber auch immer komplexer. „Je mehr Daten ausgewertet werden können und müssen, desto länger dauert es“, sagte Oberamtsanwalt Andreas Winkelmann im Zuge der Recherchen zu illegalen Autorennen in Berlin der Berliner Morgenpost.

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„Sehr kooperative Zusammenarbeit mit Tesla“

„Da sind wir auf die Zusammenarbeit mit den Fahrzeugherstellern angewiesen, die aber immer besser wird.“ Besonders der Elektroauto-Hhersteller Tesla sei sehr kooperativ, so der Oberamtsanwalt. Winkelmann berichtete in diesem Zusammenhang von einem Unfall zwischen einem Tesla und einem anderen Autofahrer. Anhand der Kameraaufzeichnungen war deutlich erkennbar, dass das andere Fahrzeug deutlich zu schnell unterwegs war. Ebenso wurde aber auch schon Teslafahrern die eingebaute Kamera selbst zum Verhängnis. Diese dokumentierte das Fehlverhalten des Fahrers.

„Die heutige Technik ermöglicht es Automobilherstellern wie Tesla, Aufnahmen zu generieren, die selbstverständlich einen enormen Mehrwert für die Polizei zur Aufklärung von Straftaten und Verkehrsunfallszenarien haben. Da wäre es fahrlässig, diese Möglichkeit nicht zu nutzen“, sagte der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Benjamin Jendro. „Die Tesla-Daten landen auf einem Server in den Niederlanden und erfüllen nach unserer Kenntnis die Datenschutzrichtlinien der EU, zumal der Halter die Funktion auch abschalten kann und so die Verantwortung trägt.“

Mehr über den Unfall auf der Bundesallee:

Eine schriftliche Anfrage dieser Zeitung bei Tesla zum Thema Datenschutzrichtlinien und Speicherung der Bilder blieb am Freitag unbeantwortet. In die Kritik gerieten die Fahrzeuge mit ihren modernen Möglichkeiten der Aufnahmen im vergangenen Sommer. Autos der Marke Tesla durften bestimmte Gelände der Berliner Polizei nicht mehr befahren, weil die Fahrzeug-Kameras ihre Umgebung filmen. Die Polizei befürchtete dadurch ein Sicherheits- und Datenschutzproblem. Das Verbot galt für die Bereiche des Polizeipräsidiums und des Landeskriminalamtes (LKA), wie es in einem internen Rundschreiben des LKA-Bereichs Sicherheit hieß.

Problem: Autokameras auf Polizeigelände

Das Problem war aus Sicht der Polizei, dass die Kameras der Teslas ständig filmen. Dadurch könnten Polizisten, Polizeifahrzeuge, die Sicherung von Polizeigeländen oder auch andere Menschen auf dem Gelände aufgezeichnet werden. Die Videos werden auf Servern am europäischen Firmensitz in den Niederlanden „dauerhaft gespeichert“, so die Polizei. Wie Aufnahmen weiterverarbeitet werden, sei nicht geklärt.

Moderne Autos haben mehrere Kameras, um etwa beim Einparken zu helfen. In Teslas zeigen acht Kameras eine 360-Grad-Rundumüberwachung der Umgebung des Wagens. Die Systeme dienen der Fahrerassistenz und dem halbautonomen Fahren. Sie fungieren aber auch als sogenannte Dashcams, die permanent filmen, um etwa nach Unfällen den Ablauf nachvollziehen zu können.

Kameras schützen parkende Autos vor Diebstahl und Vandalismus

Außerdem bietet Tesla seit 2019 einen „Wächtermodus“ an, den die Besitzer bewusst einschalten müssen, damit er aktiv ist. Auch bei einem parkenden Wagen erfassen die Kameras dann ständig die Umgebung und zeichnen die Aktivitäten auf, sobald ein Annäherungsalarm ausgelöst wird. Der Modus soll vor Vandalismus und Diebstahl schützen oder zumindest potenzielle Täter abschrecken.

( mit dpa )