In einer Ausstellung über Menstruation und Zyklen erwartet man tiefrotes Regelblut, verschiedenförmige Vulven oder künstlerisch dargestellte Uteri. Die finden Besuchende in den Räumen der Alten Münze am Berliner Molkenmarkt zwar auch, zum Abschied allerdings hängen am Ende der Ausstellung “Menstrualities" aber drei überdimensionale Fotos eines Penis über ihren Köpfen.

“Es war uns wichtig, auch männlich gelesene Körper zu integrieren", erklärt Halea Isabelle Kala. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung und Gründerin des “Menstruation Project", zu dem die Veranstaltung gehört. “Die Thematik geht uns alle etwas an, und auch Männer durchlaufen Zyklen – wenn auch in weniger ausgeprägter Form.” Tatsächlich wissen nur wenige, dass auch männliche Körper einen etwa eintägigen Hormonzyklus durchlaufen. Mehrmals am Tag ändert sich der Testosteronspiegel des Mannes und demzufolge auch seine Empfindungen und Gefühle. Gegen Abend sinkt etwa der Hormonspiegel, was dazu führt, dass der Mann entspannter wird. Am Vormittag ist er dagegen besonders leistungsstark. Durch den Zyklus auftretende Stimmungsschwankungen betreffen demzufolge nicht nur Frauen oder andere Personen mit Uterus.

"Menstrualitäten": Der Penis in seiner Lernfunktion

Der Penis nimmt bei “Menstrualities" neben seiner ästhetischen also auch eine lehrende Funktion ein. In den zweieinhalb Wochen Ausstellungszeit wollen insgesamt 25 Kunstschaffende und Kollektive gängige Denkbilder über die Menstruation aufbrechen, hinterfragen und in ihre Einzelteile zerlegen. Eine Art gemeinsamer Forschungsprozess zwischen inneren und äußeren Geschlechtsorganen, historischen und popkulturellen Referenzen und ja – auch Periodenblut.

Dazu hat die Künstlerin auch eigene Werke beigesteuert, unter anderem einen dokumentarischen Kurzfilm, in dem sie rund 60 Personen aller Geschlechtsidentitäten, Sexualitäten, Alterskategorien und kultureller Hintergründe zum Thema befragt. “Eine Person mit indischem Hintergrund hat von der Menarche erzählt, der ersten Blutung", erklärt Kala. “Sie wurde damals bei einem großen Fest in Milch, Honig und Kurkuma gebadet. Ihr war das damals peinlich.” Gleichzeitig habe sie dadurch gelernt, ihren Zyklus wertzuschätzen und eine Art Heiligkeit darin zu erkennen.

Auf ihrer Reise durch den Unterleib erhalten Besuchende von “Menstrualities" Einblick in weniger bekannte Perspektiven und Historien. Dazu gehören etwa Vergewaltigungen und medizinische Experimente an nicht-weißen Frauen in der Kolonialzeit oder das generelle Verhütungs- und Abtreibungsverbot in Rumänien, das in den 60er und 70er Jahren die Generation der sogenannten “Dekretkinder" hervorbrachte.

"Menstrualitäten" will weg vom Perioden-Klischee führen

Obwohl einige der ausgestellten Kunstwerke Periodenblut thematisieren und sich auch eine Plüschklitoris über einen Stuhl ausstreckt, arbeitet die Ausstellung ohne klischeehafte Bebilderungen der Blutung. Menstruationstassen und blutige Malereien, wie sie viele Aktivistinnen auf Instagram verbreiten, finden Besuchende hier nicht.

Eine Installation von Gery Georgieva in Zusammenarbeit mit Miglena Georgieva.
Eine Installation von Gery Georgieva in Zusammenarbeit mit Miglena Georgieva.© Foto: Damian Griffiths | Gery Georgieva, Full-Bodied Gentle Woman, made together with Miglena Georgieva, silk, polyester, bungee cords, stuffing, installed at Cubitt, London, 2020

“Ich finde es wichtig, dass das in den sozialen Medien passiert, aber ich finde es manchmal performativ und langweilig", sagt Kala. Oft sei die Periode dann nur ein Mittel zum Zweck, etwa, um Produkte zu bewerben und Verkäufe anzukurbeln. “Die Ausstellung ist auch eine Art Aufruf dafür, dass wir uns weiterentwickeln und den nächsten Schritt gehen", erklärt sie. Auch deshalb richte sich die Ausstellung an alle Geschlechter und Altersgruppen.

Ohne Zweifel liegt die große Stärke von “Menstrualities" in den vielseitigen Themen und dem künstlerischen Lerneffekt. Gleichzeitig liegt dort auch die scheinbare Schwäche des Konzeptes: Zumindest auf den ersten Blick scheint der Menstruationszyklus derart in seine Einzelaspekte zerlegt, dass die Zusammenhänge nicht immer klar wirken. Andererseits: Womöglich will die Ausstellung genau diesen Denkprozess anregen. Weg von der Oberfläche, hinein in die Tiefe der Thematik.

“Menstrualities" zeigt, dass Ausstellungsbesuchende auch im Jahr 2022 noch Neues über den Menstruationszyklus lernen können. Oder haben Sie schon einmal eine Kamera dabei beobachtet, wie sie von der Vulva durch die Vagina bis hin zum Muttermund fährt?