Gewalttat

Frau in Flüchtlingsheim getötet: Ehemann in U-Haft

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Ermittler der Berliner Polizei am Sonnabend am Tatort. In der Flüchtlingsunterkunft wurde eine 44 Jahre alte Ukrainerin getötet.

Ermittler der Berliner Polizei am Sonnabend am Tatort. In der Flüchtlingsunterkunft wurde eine 44 Jahre alte Ukrainerin getötet.

Foto: Thomas Peise

Ein 50-Jähriger soll am Sonnabend seine Frau in einem Berliner Flüchtlingsheim getötet haben. Die Frau stammt aus der Ukraine.

Berlin. Der 50-jährige Mann, der am Sonnabend in einem Flüchtlingsheim an der Wollenberger Straße in Alt-Hohenschönhausen (Lichtenberg) seine Ehefrau umgebracht haben soll, ist am Sonntag einem Richter vorgeführt worden. Dieser erließ einen Haftbefehl gegen den Mann. Er stehe im dringenden Tatverdacht des Totschlags, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei.

Er war am Vortag gegen 11.45 Uhr mit seiner Frau in Streit geraten und soll die 44-Jährige dann getötet haben. Die Polizei nahm den 50 Jahre alten mutmaßliche Täter fest. Die beiden sechs und 17 Jahre alten Kinder des Paares wurden in die Obhut des Jugendamtes übergeben.

Bei der Getöteten handelt es sich nach Auskunft eines Polizeisprechers um eine Ukrainerin, die Staatsangehörigkeit des Ehemannes sei unklar. Er könne Georgier oder Ukrainer sein oder beide Staatsbürgerschaften besitzen.

Wie die Frau zu Tode kam, ließ die Polizei zunächst offen. Ersten Informationen von vor Ort zufolge soll sie mit einem Messer niedergestochen worden sein. Nach Angaben des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten mussten die Kinder des Paares die Tat mitansehen. Die 2. Mordkommission des Landeskriminalamtes hat die weiteren Ermittlungen übernommen.

Ukrainerin in Berliner Flüchtlingsunterkunft getötet: Hintergründe noch unklar

Zwar waren die Hintergründe der Tat von Alt-Hohenschönhausen am Sonnabendabend noch vollkommen unklar. Dennoch erinnert der Fall an den gewaltsamen Tod von Zohra G. im vergangenen Frühjahr in Pankow. Die 31-Jährige wurde am Vormittag des 29. April vor den Augen zahlreicher Zeugen an der Ecke Maximilian- und Mühlenstraße mit 13 Messerstichen verletzt und vom Angreifer sterbend zurückgelassen. Sie verblutete auf dem Bürgersteig.

Als ihr Ehemann drei Stunden später zum Tatort kam, wurde er von Zeugen als Angreifer identifiziert und festgenommen. Am Donnerstag gab die Berliner Staatsanwaltschaft bekannt, dass sie Anklage gegen den 42-Jährigen erhoben hat. Dem Afghanen wird unter anderem Mord aus niedrigen Beweggründen vorgeworfen.

Laut Anklage musste Zohra G. sterben, weil sie „immer nachdrücklicher auf ihre Selbstständigkeit gedrängt und schließlich auch die Scheidung gewünscht“ habe, so die Staatsanwaltschaft. Ihr Mann habe hingegen ein „unterordnendes Verhalten“ erwartet, sich durch die Bestrebungen seiner Frau „gekränkt gefühlt“ und beschlossen, ihr Verhalten „letztlich mit ihrer Tötung zu sanktionieren“.

Fall Zohra G. demnächst vor Gericht

Beide heirateten im Jahr 2008 in Afghanistan nach islamischen Recht, als Zohra G. gerade einmal 17 Jahre alt war. Bis 2019 gingen aus der Ehe sechs gemeinsame Kinder hervor – zum Tatzeitpunkt drei bis 13 Jahre alt. Zohra G.’s Familie erhob nach ihrem Tod massive Kritik gegen die Berliner Behörden. Sie habe nicht ausreichend Hilfe erhalten.

Das Paar lebte bereits länger getrennt. In der Unterkunft an der Mühlenstraße nur wenige Meter vom Tatort entfernt hatte der 42-Jährige bereits zwei Monate vor der Tat Hausverbot erhalten, da er gegenüber seiner Frau mehrfach gewalttätig geworden war.

Drei Anzeigen wegen Körperverletzung lagen nach Angaben der Polizei bereits gegen ihn vor. Das reichte offensichtlich nicht, um das Leben der Frau zu schützen. Zohra G. versuchte zwei Wochen vor ihrem Tod, beim Familiengericht Pankow ein Kontakt- und Näherungsverbot zu erreichen, was der Polizei eine weitreichendere Handhabe gegen ihn auch außerhalb der heimischen Wohnung ermöglicht hätte.

Kritik der Familie: Berliner Behörden haben Zohra G. nicht ausreichend geschützt

Normalerweise braucht ein Gericht nach Eingang eines solchen Antrags nur wenige Tage bis zur Entscheidung – besonders dringliche Fälle wurden bereits innerhalb von Stunden entschieden. Warum es in diesem Fall nicht so war, ist bislang offen. Laut eines Sprechers waren Berlins Familiengerichte zu diesem Zeitpunkt nicht überlastet – weder durch personelle Engpässe, noch durch coronabedingte Ausfälle.

Gewalttaten wie der an Zohra G. werden mitunter als sogenannte „Ehrenmorde“ bezeichnet. Täter handeln, um die wie auch immer verstandene Ehre der Familie wieder herzustellen. In feministischen, aber auch in Fachkreisen wird dieser Terminus jedoch als euphemistisch abgelehnt, da er die Tat verharmlose und einen fehlgeleiteten Ehrbegriff der Täter übernehme. Es seien Verbrechen, die schlicht aus Hass gegen Frauen passieren würden.

Dem widersprach zuletzt die Berliner Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ateş. Nur mit dem Begriff „Ehrenmord" könne das Motiv wirklich für Taten verstanden werden, die nicht nur aus Hass auf Frauen sondern aus einer „Mischung aus Tradition, Kultur und Religion“ begangen würden.

Maryam H. musste sterben, weil sie sich neu verliebte

Die Debatte entbrannte im August 2021, nachdem der Mord an Maryam H. bekannt wurde. Die Leiche der 34-Jährigen wurde in Bayern gefunden, wo sie von ihren Brüdern vergraben worden sein soll. Seyed und Sayed H., zum Tatzeitpunkt 22 und 26 Jahre alt, müssen sich seit März wegen Mordes vor dem Berliner Landgericht verantworten.

Den beiden Afghanen wird vorgeworfen, am 13. Juli 2021 ihre Schwester in Berlin zunächst mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen, sie dann gewürgt und erdrosselt und ihr schließlich die Kehle aufgeschnitten zu haben. Anschließend sollen sie mit der Leiche im Zug nach Bayern gefahren sein, wo einer der Brüder damals lebte.

Laut Anklage musste Maryam H. sterben, weil sie sich nach ihrer Flucht nach Deutschland von ihrem gewalttätigen Ehemann lossagte, den sie mit 16 Jahren habe heiraten müssen. 2015 flüchtete sie nach Berlin, 2018 sagte sie sich von ihrem Peiniger los. Sie weigerte sich fortan, ein Kopftuch zu tragen und lernte einen neuen Mann kennen, mit dem sie eine Beziehung einging. Ihre Kinder gaben im Prozess zu Protokoll, dass ihre Mutter deshalb immer wieder von ihren Brüdern bedroht worden sei.