Krebs

Wie man über die Schreckensdiagnose Krebs spricht

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Der Berliner Onkologe Jan Stöhlmacher hat ein persönliches Buch über Krebs und Tod geschrieben.

Der Berliner Onkologe Jan Stöhlmacher hat ein persönliches Buch über Krebs und Tod geschrieben.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Jan Stöhlmacher ist Onkologe und hat zwei Brüder an Krebs verloren. Darüber hat er ein sehr persönliches Sachbuch geschrieben.

Berlin.  Jan Stöhlmacher ist Medizinprofessor, Spezialist für Krebs des blutbildenden Systems. Der 50-Jährige hat unzählige Krebspatienten behandelt, er forschte mit einem Stipendium der Deutschen Krebshilfe in den USA, arbeitete als Onkologe an den Uni-Kliniken in Hamburg und Dresden. Doch als ausgerechnet seine beiden Brüder an Krebs erkranken, geht ein Ruck durch das Leben des Krebsfachmannes – sein Blickwinkel ändert sich. Er ist plötzlich nicht mehr nur der Arzt, sondern auch Angehöriger, der mitleidet, mitfühlt, der hofft und auch hilflos ist. Er begleitet das Leid der Brüder, ist bei Arztterminen dabei, erklärt Sachverhalte. Und ihm wird noch mehr als ohnehin schon bewusst, wie wichtig eine gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist: zwischen Ärzten, Patienten und Angehörigen. Und dass unsensible Sätze wie „Das wird hier nichts mehr“ aus ärztlichem Mund nicht zur Patientenzufriedenheit beitragen. Nun hat er ein Buch geschrieben – ein praktisches wie persönliches.

Frank, der mittlere Bruder, bekommt die Diagnose Prostata-Karzinom im Jahr 2013. Der Krebs hat schon gestreut. Einige Monate später stirbt er mit 48 Jahren an dem bösartigen Tumor. Bei Ralf, dem Ältesten, wird Lungenkrebs im Jahr 2015 festgestellt. Er wird operiert und bekommt Strahlentherapie. Zwischendurch gibt es Hoffnung. Doch auch Ralf stirbt – 2017 – mit 54 Jahren. „Es waren bei beiden sehr dramatische und zügige Verläufe“, sagt Stöhlmacher, gebürtiger Rostocker, der seit vielen Jahren in Berlin-Mitte wohnt. Das Buch über die Situation seiner Brüder und den Umgang mit schwersten Krankheiten heißt: „Damit Vertrauen im Sprechzimmer gelingt“, der Untertitel lautet: „Ein persönlicher Wegweiser für Patienten und ihre Angehörigen“. Genau das soll es sein, etwas Persönliches. Es ist ein erzählendes Sachbuch geworden, „nicht so eine schwere Kost, kein klassischer, trockener Ratgeber, mehr ein Geschichtenbuch“, meint der Autor. Er lässt neben seinen verstorbenen Brüdern noch andere Protagonisten aus seinem Bekanntenkreis auftreten.

Krebserkrankungen in Deutschland zweithäufigste Todesursache

Stöhlmacher weiß selbstverständlich, wie groß die Angst der meisten Menschen vor der Schreckensdiagnose Krebs ist. Jedes Jahr erkranken nach Angaben der Deutschen Krebshilfe in Deutschland 510.000 Menschen neu an Krebs – die Tendenz ist steigend. Zuletzt im Jahr 2020 zählte das Statistische Bundesamt bundesweit rund 240.000 Krebstote. Damit waren Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache – und verantwortlich für nahezu jeden vierten Todesfall in dem Jahr. In der Familie Stöhlmacher gab es zuvor indes keine ihm bekannten onkologischen Erkrankungen. Auch seine Eltern leben heute noch, die Mutter ist gerade 90 geworden. Dass sie Ralf und Frank beerdigen mussten, dass es seine beiden Brüder so kurz hintereinander traf, prägte ihn – und veränderte auch seine Einstellung zum Beruf, sagt Stöhlmacher. Es waren einschneidende Erfahrungen.

Letztlich so einschneidend, dass er, der gute 20 Jahre als Arzt tätig war und auch forschte, mittlerweile einen zweiten beruflichen Abschnitt begonnen hat. Weiter als Arzt zu arbeiten fiel ihm schwer. Manche Kollegen konnten das nicht verstehen. Doch ihm kamen Zweifel, ob er überhaupt weiter am Patienten arbeiten wollte und konnte. Drei Jahre nach Bruder Ralfs Tod entschloss er sich, nicht weiter zu praktizieren und zog sich zurück, behandelte immer weniger Patienten selbst. Er hält nun Vorträge und gibt Lesungen, spricht er vor Selbsthilfegruppen und berichtet auch Studierenden aus seinem Erfahrungsschatz. Als Professor nimmt er noch Prüfungen von Studierenden in Dresden ab. Er will den ärztlichen Nachwuchs dafür sensibilisieren, eine möglichst vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt, Patient und Angehörigen zu schaffen – und einander auf Augenhöhe zu begegnen.

Patienten oft unzufrieden mit der Arzt-Kommunikation

Sein Buch richtet sich vorwiegend an Patientinnen und Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen, solche, die wegen eines chronischen Leidens regelmäßig zum Arzt gehen müssen, nicht nur Krebspatienten – und ausdrücklich auch an ihre Angehörigen. „Das ist mir sehr wichtig“, unterstreicht Stöhlmacher. Seine kleine Sprechzimmerkunde soll Patienten auch mit Ratschlägen helfen, sich beim Arzt Gehör zu verschaffen. Im Vorfeld hat der Autor zahlreiche Interviews mit Betroffenen geführt. Klar sei, dass Betroffene „ganz viele Fragen“ hätten, die sie stellen wollen. „Und das muss man sich auch trauen und sich nicht einschüchtern lassen“, erklärt Stöhlmacher. Es gehe um ein selbstbestimmtes Auftreten. Patienten und Angehörige sollten sich überlegen, so der Mediziner, was sie aus einem Arztgespräch erfahren wollten. Sie müssten notfalls mehrfach nachfragen. Häufig sei die Verständigung mit Ärzten für medizinische Laien indes schwierig. „Ich glaube“, sagt der Autor, „dass viele chronisch Kranke, die regelmäßig einen Arzt aufsuchen müssen, mit der Kommunikation unzufrieden sind.“

Die Mitsprache der Patienten im Behandlungsprozess sowie eine gemeinsame Entscheidungsfindung sind für ihn die zentralen Themen – aber auch, der unterstützenden Rolle der Angehörigen zu größerer Wertschätzung zu verhelfen, war eine wesentliche Motivation für sein Buch. Es soll helfen, „bestimmte Situationen besser zu erkennen“, so der Autor, und auch dabei helfen, „wie die Sprache der Medizin einzuordnen ist.“ Er hat sein Lesebuch in elf Kapitel gegliedert, „jedes behandelt einen anderen Aspekt und ist in sich geschlossen. Ich wollte verschiedene Aspekte thematisieren.“

Über jedem Kapitel stehen Zitate, die für das Kapitel eine besondere Bedeutung haben. Etwa das unsensible „Das wird schon wieder“ im Einleitungskapitel – eine Bemerkung einer Onkologin, die sich als falsch erweisen sollte. Außerdem gibt Stöhlmacher Rat, wie Patienten die Zeit nach der Diagnose meistern, oder erklärt „den richtigen Umgang mit schlechten Nachrichten“ – und, unter dem Punkt „Das wird hier nichts mehr“, wann man einen Arztwechsel in Erwägung ziehen sollte. Auch der eigenen Online-Recherche ist ein Kapitel gewidmet („Kann ich doch alles selbst nachschauen“).

Und wie bespricht man nun die im Internet gefundenen Informationen mit seinem Arzt? Am besten als Frage, rät er: „Davon auszugehen, dass ich als Ihr Arzt alle irgendwie in Zusammenhang mit der Erkrankung stehenden Angebote und Informationen aus der realen und digitalen Welt kenne, ist unrealistisch. Wenn Sie Ihr neuerworbenes Wissen, sei es nun aus dem Internet oder von Freunden und Bekannten, als Frage präsentieren, geben Sie mir die bestmögliche Chance, darauf zu reagieren. Sie dürfen erwarten, dass ich, sollte ich den Sachverhalt nicht kennen, mich zumindest damit beschäftigen werde.“

Eine Lesung von Jan Stöhlmacher findet am 7. Oktober, 17-18.30 Uhr im Survivors Home Berlin, Hildegardstraße 31, 10715 Berlin, statt.

Das Buch: Prof. Dr. med. Jan Stöhlmacher: „Damit Vertrauen im Sprechzimmer gelingt. Ein persönlicher Wegweiser für Patienten und ihre Angehörigen“, KVM – Der Medizinverlag, 204 Seiten, 14,90 Euro