Mehr Zu- als Abwanderung

Diese brandenburgische Gemeinde ist Zuwanderungs-Hotspot

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Alexander Rothe
Stadtbewohner zieht es vermehrt in den ländlichen Raum. Aus Berlin ziehen viele nach Dahme-Spreewald.

Stadtbewohner zieht es vermehrt in den ländlichen Raum. Aus Berlin ziehen viele nach Dahme-Spreewald.

Foto: Rainer Weisflog / Weisflog

Eine Studie belegt deutlich mehr Abwanderungen von der Stadt aufs Land – nicht nur in West-, sondern auch in Ostdeutschland.

Berlin.  Es ist eine Trendwende: Seit den frühen 2000er-Jahren haben deutsche Großstädte einen starken Bevölkerungszuwachs erlebt, während aus den ländlichen Regionen Abwanderung beklagt wurde. Nun aber hat sich die Wanderungsbewegung in das Gegenteil gekehrt, wie aus der Studie „Landlust neu vermessen“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot Stiftung hervorgeht, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Dörfer und Kleinstädte haben in den letzten Jahren an Attraktivität gewonnen. Vor allem Brandenburg profitiert.

„Die neue Landlust begann nicht erst mit der Corona-Pandemie“, betonte Catherina Hinz, geschäftsführende Direktorin des Berlin-Instituts. Sie habe sich schon vorher angedeutet und 2017 an Fahrt aufgenommen. Corona habe den Trend noch einmal verstärkt. Die Studienautorinnen und -autoren haben das Wanderungsgeschehen der Jahre 2008 bis 2010 mit dem Zeitraum 2018 bis 2020 deutschlandweit verglichen und dabei zwischen Binnenwanderung und Zuzug aus dem Ausland sowie zwischen Altersstruktur und Gemeindegröße unterschieden.

„Junge Menschen, die sogenannten Bildungswanderer zwischen 18 und 24 Jahren, zieht es weiterhin in großer Zahl in die Städte“, differenziert Manuel Slupina, der Leiter des Themengebiets Stadt und Land bei der Wüstenrot Stiftung. „Ab 30, das klassische Familiengründungsalter, sehen wir aber, dass viele von ihnen auch wieder rausziehen. Nicht nur in die Speckgürtel, sondern auch in die Peripherie.“

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Hohe Mieten in Berlin, Digitalisierung und Pandemie sind ausschlaggebend

Den Reiz der Großstadt macht vor allem das vielfältige Kultur-, Bildungs- und Jobangebot aus. Doch der große Andrang hat entsprechende Folgen für den Wohnungsmarkt: So sind die Bestands-Mieten in Berlin dieses Jahr um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen – bundesweit entspricht dies der höchsten Preissteigerung. Zwischen 2010 und 2021 haben sich die Mieten verdoppelt, wie aus der Studie hervorgeht. Viele Menschen – darunter Berufseinsteiger und junge Familien – können sich eine Wohnung in der Hauptstadt nicht mehr leisten.

Weiterhin trage die Digitalisierung dazu bei, dass insbesondere Arbeiten im kreativen oder wissensintensiven Branchen ins Homeoffice verlagert und daher auch in entlegeneren Regionen verrichtet werden können.

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Letztlich habe die Corona-Pandemie auch dahingehend zu einer vermehrten Abwanderung aufs Land beigetragen, dass das städtische Leben während der Zeit der Kontaktbeschränkungen zum Erliegen kam und viele aufgrund der Enge der Stadt Angst vor einer Ansteckung gehabt haben. „Im Lockdown ist bei vielen der Wunsch nach mehr Freiraum, Platz und Nähe zur Natur gereift.“

Ohne Zuzüge aus dem Ausland würden Großstädte wie Berlin Wanderungsverluste erleben. „Während die Hauptstadt in den Jahren 2018 bis 2020 im Saldo durchschnittlich jeweils 7,8 Menschen je 1000 Einwohner und Einwohnerinnen aus dem Ausland anlockte, zogen 3,1 je 1000 Einwohner aus Berlin in andere deutsche Regionen“, heißt es in der Publikation.

Auch eine Angleichung zwischen Ost und West wird beobachtet

Große Profiteure dieser Abwanderung aus Berlin sind die Speckgürtelkreise der Hauptstadt wie die Landkreise Barnim und Dahme-Spreewald. 2021 verzeichnete die Gemeinde Schönefeld, auf deren Gebiet der Flughafen Berlin Brandenburg liegt, mit 45 pro 1000 Einwohnern den höchsten Wanderungsgewinn Deutschlands. Mit anderen Worten: Deutschlandweit sind in der Gemeinde die meisten Menschen zu- als abgezogen.

Zuwanderung bedeutet allerdings nicht gleichzeitig auch Bevölkerungswachstum. Die hohe Sterberate kann oft nicht kompensiert werden und die Gemeinden schrumpfen trotzdem. Von den rund 3500 Gemeindeverbänden und Einheitsgemeinden, die zwischen 2018 und 2020 Wanderungsgewinne verzeichneten, verlor etwa ein Drittel dennoch insgesamt an Einwohnern.

Eine weitere Trendumkehr, die die Studienautorinnen und -autoren beobachtet haben, ist die Angleichung des Wanderungsverhaltens in Ost- und Westdeutschland. Zwischen 2008 und 2010 haben viele junge Menschen den ländlichen Raum der ostdeutschen Bundesländer verlassen und sind entweder in den Westen oder in ostdeutsche Städte gezogen. „Aus knapp neun von zehn ostdeutschen Landgemeinden (88,4 Prozent) zogen im Schnitt jährlich mehr Menschen fort als zu.“ Zehn Jahre später erfreuen sich ostdeutsche Landregionen ebenfalls großer Beliebtheit – die seit der Wiedervereinigung anhaltende Abwanderung aus Ostdeutschland ist gestoppt.