Mick Jagger an der Akustikgitarre und herrliche dreckige Soli von Keith Richards und Ron Wood. Dazu steht die Waldbühne Kopf. "You Can't Always Get What You Want" mit seinen rasanten Tempowechseln und grundiert mit einem wehmütigen Blues-Ton hat definitiv das Zeug zum Lieblingssong des Abends. Vielstimmig und textsicher mitgesungen vom gesamten Publikum.

"Was geht, Berlin!", ruft Mick Jagger den Zuschauern zu und erntet dafür ein begeistertes Johlen. Das Stones-Mastermind schwärmt von Berlin und scherzt: "Nach fünf Schnäpsen war mein Deutsch perfekt."

Sichtlich gut aufgelegt rocken die Rolling Stones in der Waldbühne. Es ist das letzte Konzert der „Sixty“-Europa-Jubiläumstour zum 60-jährigen Bandbestehen. Erst Ende Juni haben die Rolling Stones bekannt gegeben, dass sie einen Stopp in Berlin einlegen und hier den krönenden Abschluss ihrer Tour zelebrieren. Und zwar in einem geradezu intimen Rahmen, wenn man bedenkt, dass die Stones alle anderen 13 Konzerte als Stadion-Shows gegeben haben.

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© AFP | Ina Fassbender

Aber natürlich haben die drei Silver Ager auch ein ganz besonderes Verhältnis zur Waldbühne, eingedenk ihres ersten Konzerts 1965 in Deutschlands schönster Open-Air-Location. Damals ging die Freilichbühne bekanntlich komplett zu Bruch. Auseinandergenommen von krawalligen Fans. Damit hinterließ die Band zumindest in Berlin einen bleibenden Eindruck.

Bei ihrem vermutlich letzten Gastspiel im Open-Air-Rund bleibt jedoch alles so friedlich wie bei den letzten Auftritten der Rolling Stones 1982 und 2014 in der Waldbühne.

Die Sixty-Tour ist übrigens die erste ohne Charlie Watts. Eröffnet wird das Konzert daher mit einer Video-Hommage an den 80-jährigen Schlagzeuger, der im vergangenen August seinem Krebsleiden erlag. „Wir vermissen ihn sehr“, sagt Mick Jagger. Und fügt auf Deutsch hinzu: "Diese Show widmen wir Charlie." Bewegende Worte für den Kollegen. Auch mancher Fan wischt sich dabei heimlich die Tränen aus den Augenwinkeln. Schließlich war der sympathische, stille Charlie Watts für viele ein Riesen-Idol. Ein Gentleman mit Drumsticks.

Die Zuschauer applaudieren, als vor Beginn des Konzerts einige Videoaufnahmen des im Jahr 2021 verstorbenen Schlagzeugers Charlie Watts eingespielt wurden.
Die Zuschauer applaudieren, als vor Beginn des Konzerts einige Videoaufnahmen des im Jahr 2021 verstorbenen Schlagzeugers Charlie Watts eingespielt wurden. © dpa | Soeren Stache

Seit dem Tod des Drummers sitzt Steve Jordan am Schlagzeug. Er sorgt für einen satten Sound. Genau wie Bassist Darryl Jones. Das rhythmische Fundament für das mitreißende Gitarrenspiel von Wood und Richards. Kaum einer fängt das Lebensgefühl des Rock'n'Roll so stimmig auf den sechs Saiten ein wie die beiden.

Wie bei ihren Stadion-Shows, deren Bilder um die Welt gingen, setzen die Rolling auch in der deutlich kleineren Waldbühne auf graphische Elemente wie die berühmte rausgestreckte Zunge. Hingucker sind aber vor allem die Musiker selbst. Allen voran Mick Jagger mit seinen coolen, schnellen Moves, die er sich einst bei Tina Turner abgeschaut hat. Auch im hohen Alter noch hochenergetisch und mit viel Sexappeal, der in früheren Jahren reihenweise Frauen schwach machte. Heute noch wichtiger: Auch stimmlich sind Jagger seine Lenze nicht anzuhören

Bestens in Form und voller Spielfreude bieten die Rolling Stones ihren Fans in der ausverkauften Arena denn auch eine grandiose Werkschau aus sechs Jahrzehnten. Mit einem wahren Hit-Feuerwerk. Darunter Songs wie "Honky Tonk Woman", "Jumpin' Jack Flash" und natürlich "Satisfaction". Einfach zeitos gut.

Wohl auch deshalb sieht man beim Konzert alle Generationen. Achtjährige in elterlicher Begleitung und Fans der ersten Stunde. Deren bevorzugtes Outfit: Stones-T-Shirts. Gern mit eigenen Applikationen. Wie etwa dem wunderbaren Spruch "Sons Of Arthritis - Ibuprofen Chapter".

Mick Jagger tritt mit den Rolling Stones am 3. August 2022 in der Berliner Waldbühne auf.
Mick Jagger tritt mit den Rolling Stones am 3. August 2022 in der Berliner Waldbühne auf.© dpa | Ian West

Rolling Stones: Mick Jagger lebt schon lange gesund

Was manch einen überrascht. Es ist zwar bekannt, dass Mick Jagger seit vielen Jahren einen vorbildlichen Lebenswandel führt mit viel Sport und gesundem Essen. Aber das war nicht immer so. Schon gar nicht beim Rest der Band. Gegründet 1962, nahm die Karriere der Rolling Stones zunächst im Windschatten der Beatles schnell an Fahrt auf. Damals noch als Quintett. Der fabelhafte Drummer Charlie Watts stieß 1963 zur Band und ersetzte Tony Chapman. Birds- und Faces-Gitarrist Ron Wood (75) kam sogar erst 1975 zu den Stones.

Anfangs inszenierten sich die Rolling Stones mit längeren Haaren und grimmigen Blicken als Anti-Beatles. Was sich nach dem weltweiten Nummer-1-Hit „Satisfaction“ verselbstständigte. Der Drogenkonsum stieg parallel zum Erfolg. Genau wie die Zahl der Skandale.

Vor allem der exzessive Brian Jones entwickelt sich zur tickenden Zeitbombe. 1969 wird er unter ungeklärten Umständen tot in seinem Swimming Pool aufgefunden. Ende des Jahres folgt auf einer US-Tour die nächste Katastrophe: Bei einem Festival im kalifornischen Altamont kam es nicht nur zu gewalttätigen Ausschreitungen. Während des Auftritts der Stones erstach auch ein Mitglied des berüchtigten Rockerclubs Hells Angels, die von den Stones als Security angeheuert wurden, direkt vor der Bühne einen 18-Jährigen.

Die Rolling Stones 1965 in der Berliner Waldbühne - die Bilder

Die Rolling Stones 1965 in der Berliner Waldbühne

Polizisten und Fans auf der Waldbühne, kurz nach Beginn des Konzert der Rolling Stones am 15. September 1965.
Polizisten und Fans auf der Waldbühne, kurz nach Beginn des Konzert der Rolling Stones am 15. September 1965.© pa
Die Zuschauermassen und ein Teil der Bühne beim Rolling-Stones-Konzert 1965 in der Waldbühne.
Die Zuschauermassen und ein Teil der Bühne beim Rolling-Stones-Konzert 1965 in der Waldbühne.© pa
Einen Bühnengraben, Absperrgitter oder Sicherheitspersonal gab es 1965 noch nicht: Brian Jones,  Mick Jagger und Keith Richards auf der Waldbühne.
Einen Bühnengraben, Absperrgitter oder Sicherheitspersonal gab es 1965 noch nicht: Brian Jones, Mick Jagger und Keith Richards auf der Waldbühne. © pa
Als die Rolling Stones  um 21.30 Uhr die Bühne betraten, spielten sie gerade mal drei Lieder, zogen aber sich schnell verängstigt zurück, weil Dutzende Zuschauer die Bühne stürmten.
Als die Rolling Stones um 21.30 Uhr die Bühne betraten, spielten sie gerade mal drei Lieder, zogen aber sich schnell verängstigt zurück, weil Dutzende Zuschauer die Bühne stürmten. © pa
Es folgte eine regelrechte Schlacht zwischen aufgepeitschten  Zuschauern und der Polizei.
Es folgte eine regelrechte Schlacht zwischen aufgepeitschten Zuschauern und der Polizei. © pa
Schlagzeuger Charlie Watts an seinem Arbeitsgerät.
Schlagzeuger Charlie Watts an seinem Arbeitsgerät.© pa
Im Anschnitt zu sehen: ein Plakat der Jugendzeitschrift "Bravo", die die Rolling Stones als "härteste Band der Welt" ankündigte.
Im Anschnitt zu sehen: ein Plakat der Jugendzeitschrift "Bravo", die die Rolling Stones als "härteste Band der Welt" ankündigte.© pa
Die Rolling Stones während ihres Konzerts in der Berliner Waldbuehne am 15. September 1965, von links Mick Jagger, Brian Jones, Bill Wyman.
Die Rolling Stones während ihres Konzerts in der Berliner Waldbuehne am 15. September 1965, von links Mick Jagger, Brian Jones, Bill Wyman. © pa
Gitarrist Brian Jones posiert auf der Waldbühne für einen Fotografen.
Gitarrist Brian Jones posiert auf der Waldbühne für einen Fotografen.
Frontmann Mick Jagger (r.) und Bassist Bill Wyman (dahinter) verlassen am Nachmittag des 15.09.1965 auf dem Flughafen Tegel das Flugzeug, das sie aus München nach Berlin gebracht hat.
Frontmann Mick Jagger (r.) und Bassist Bill Wyman (dahinter) verlassen am Nachmittag des 15.09.1965 auf dem Flughafen Tegel das Flugzeug, das sie aus München nach Berlin gebracht hat. © pa
Begeisterte  Beat-Fans begrüßen am 15.9.1965 auf dem Flughafen Tegel die  Rolling Stones bei ihrer Ankunft mit Kreischen und Johlen.
Begeisterte Beat-Fans begrüßen am 15.9.1965 auf dem Flughafen Tegel die Rolling Stones bei ihrer Ankunft mit Kreischen und Johlen. © pa

In die Serie skandalumwitterter Auftritte gehört selbstredend auch das legendäre Konzert der Rolling Stones in der Waldbühne im September 1965. Damals zerlegten Fans die Freiluft-Arena. Schon Wochen vor dem Auftritt plakatierte Deutschlands führende Jugendzeitschrift in großen Lettern: „Bravo bringt die härteste Band der Welt“. Heute würde man nur müde darüber lächeln. Seinerzeit heizte man so jedoch die Stimmung an.

Aber auch die Ticketpreise gaben Anlass zum Krawall. Im Vorverkauf kosteten die Karten sechs bis acht, an der Abendkasse 20 Mark. Angesichts der astronomischen Summen, die man mittlerweile für ein Ticket hinblättert, kann man davon nur noch träumen. Mitte der Sechziger konnten sich das viele der jungen Zuschauer nicht leisten. Daher stürmten ein paar hundert Fans das Gelände, um die Stones gratis zu sehen. Sie setzten sich auf reservierte Plätze, was zu heftigem Ärger führte. Dadurch war ein nicht unerheblicher Teil des Publikums bereits vorher auf Krawall gebürstet.

Randale in der Berliner Waldbühne: Die Rolling Stones zogen sich schnell verängstigt zurück

Schon bei den Vorbands flogen Eier und faule Äpfel auf die Bühne. Als die Rolling Stones schließlich um 21.30 Uhr die Bühne betraten, spielten sie gerade mal drei Lieder, zogen aber sich schnell verängstigt zurück, weil Dutzende Zuschauer die Bühne stürmten. Es folgte eine regelrechte Schlacht zwischen aufgepeitschten Zuschauern und der Polizei. Das Resultat neben zahlreichen Festnahmen: 87 Personen wurden verletzt. 28 mussten ins Krankenhaus, darunter vier Polizisten. Der Sachschaden in der Waldbühne betrug rund 400.000 Mark. Die DDR nutzte den Skandal prompt zur propagandistischen Abrechnung. Beatbands wurden als dekadent gebrandmarkt und als negativer westlicher Einfluss verboten.

Die Stones kamen erst 1982, also 17 Jahre nach den traumatischen Ereignissen, zurück in die Waldbühne. Die Stimmung blieb friedlich, die Waldbühne unversehrt. Anders sah es innerhalb der Band aus. Die Rolling Stones standen in die Siebzigern kurz vor dem Aus. Die Relevanz der Band nahm sichtlich ab. Dafür stürzte sich die Boulevardpresse mit sichtlichem Vergnügen auf Jaggers Frauengeschichten. In den Achtzigern schließlich herrschte zwischen ihm und Keith Richards dicke Luft. Die beiden haben sich erst 1989 wieder zusammengerauft, als die Band in die „Rock’n’Roll-Hall Of Fame“ aufgenommen wurde.

Rolling Stones: Aus Skandal- wurden Erfolgsgeschichten

Zum Glück für die Fans und die Rolling Stones selbst. Schlagzeilen schreibt die Band seither mit ihren Erfolgen. So besuchten 4,6 Millionen Menschen die Tour zum Album „A Bigger Bang“ 2005, was 558 Millionen Dollar einspielte und der Band einen Eintrag ins Guinness-Buch bescherte. Die „No Filter“-Tour 2017 erzielte mit mehr als 400 Millionen Dollar noch höhere Umsätze.

Ronnie Wood
Ronnie Wood© picture alliance / Chris Tuite/imageSPACE/MediaPunc | imageSPACE

Welche Songs haben die Rolling Stones in Berlin gespielt?

Wie es sich für das 60. Jubiläum der Band gebührt, hatten die Stones einen mit Hits, Klassikern und persönlichen Lieblingsliedern prall gefüllten Tourkoffer vorbereitet – mit Songs wie "Gimme Shelter", "Paint It Black", "Jumpin' Jack Flash", "Tumbling Dice", "(I Can't Get No) Satisfaction", "Start Me Up" und vielen mehr. Aber es wären keine wirklichen Rolling Stones-Konzerte, wenn es nicht an jedem Auftrittsort auch einige musikalische Überraschungen gäbe. Diese Songs spielte die Band in der Waldbühne:

  1. Street Fighting Man
  2. All Down the Line
  3. Tumbling Dice
  4. Rocks Off
  5. Out of Time
  6. Fool to Cry
  7. You Can't Always Get What You Want
  8. Living in a Ghost Town
  9. Honky Tonk Women
  10. You Got the Silver
  11. Happy
  12. Miss You
  13. Midnight Rambler
  14. Paint It Black
  15. Start Me Up
  16. Gimme Shelter
  17. Jumpin' Jack Flash

Zugabe:

  1. Sympathy for the Devil
  2. (I Can't Get No) Satisfaction