Waldbühne

Rolling Stones: So endete die „Sixty“-Tour in der Waldbühne

| Lesedauer: 9 Minuten
Ulrike Borowczyk

Die Rolling Stones spielten in der Waldbühne. Gekommen waren alle Generationen. Es wurde eine grandiose Werkschau.

Berlin. Mick Jagger an der Akustikgitarre und herrliche dreckige Soli von Keith Richards und Ron Wood. Dazu steht die Waldbühne Kopf. "You Can't Always Get What You Want" mit seinen rasanten Tempowechseln und grundiert mit einem wehmütigen Blues-Ton hat definitiv das Zeug zum Lieblingssong des Abends. Vielstimmig und textsicher mitgesungen vom gesamten Publikum.


"Was geht, Berlin!", ruft Mick Jagger den Zuschauern zu und erntet dafür ein begeistertes Johlen. Das Stones-Mastermind schwärmt von Berlin und scherzt: "Nach fünf Schnäpsen war mein Deutsch perfekt."


Sichtlich gut aufgelegt rocken die Rolling Stones in der Waldbühne. Es ist das letzte Konzert der „Sixty“-Europa-Jubiläumstour zum 60-jährigen Bandbestehen. Erst Ende Juni haben die Rolling Stones bekannt gegeben, dass sie einen Stopp in Berlin einlegen und hier den krönenden Abschluss ihrer Tour zelebrieren. Und zwar in einem geradezu intimen Rahmen, wenn man bedenkt, dass die Stones alle anderen 13 Konzerte als Stadion-Shows gegeben haben.



Aber natürlich haben die drei Silver Ager auch ein ganz besonderes Verhältnis zur Waldbühne, eingedenk ihres ersten Konzerts 1965 in Deutschlands schönster Open-Air-Location. Damals ging die Freilichbühne bekanntlich komplett zu Bruch. Auseinandergenommen von krawalligen Fans. Damit hinterließ die Band zumindest in Berlin einen bleibenden Eindruck.

Bei ihrem vermutlich letzten Gastspiel im Open-Air-Rund bleibt jedoch alles so friedlich wie bei den letzten Auftritten der Rolling Stones 1982 und 2014 in der Waldbühne.


Die Sixty-Tour ist übrigens die erste ohne Charlie Watts. Eröffnet wird das Konzert daher mit einer Video-Hommage an den 80-jährigen Schlagzeuger, der im vergangenen August seinem Krebsleiden erlag. „Wir vermissen ihn sehr“, sagt Mick Jagger. Und fügt auf Deutsch hinzu: "Diese Show widmen wir Charlie." Bewegende Worte für den Kollegen. Auch mancher Fan wischt sich dabei heimlich die Tränen aus den Augenwinkeln. Schließlich war der sympathische, stille Charlie Watts für viele ein Riesen-Idol. Ein Gentleman mit Drumsticks.



Seit dem Tod des Drummers sitzt Steve Jordan am Schlagzeug. Er sorgt für einen satten Sound. Genau wie Bassist Darryl Jones. Das rhythmische Fundament für das mitreißende Gitarrenspiel von Wood und Richards. Kaum einer fängt das Lebensgefühl des Rock'n'Roll so stimmig auf den sechs Saiten ein wie die beiden.


Wie bei ihren Stadion-Shows, deren Bilder um die Welt gingen, setzen die Rolling auch in der deutlich kleineren Waldbühne auf graphische Elemente wie die berühmte rausgestreckte Zunge. Hingucker sind aber vor allem die Musiker selbst. Allen voran Mick Jagger mit seinen coolen, schnellen Moves, die er sich einst bei Tina Turner abgeschaut hat. Auch im hohen Alter noch hochenergetisch und mit viel Sexappeal, der in früheren Jahren reihenweise Frauen schwach machte. Heute noch wichtiger: Auch stimmlich sind Jagger seine Lenze nicht anzuhören


Bestens in Form und voller Spielfreude bieten die Rolling Stones ihren Fans in der ausverkauften Arena denn auch eine grandiose Werkschau aus sechs Jahrzehnten. Mit einem wahren Hit-Feuerwerk. Darunter Songs wie "Honky Tonk Woman", "Jumpin' Jack Flash" und natürlich "Satisfaction". Einfach zeitos gut.

Wohl auch deshalb sieht man beim Konzert alle Generationen. Achtjährige in elterlicher Begleitung und Fans der ersten Stunde. Deren bevorzugtes Outfit: Stones-T-Shirts. Gern mit eigenen Applikationen. Wie etwa dem wunderbaren Spruch "Sons Of Arthritis - Ibuprofen Chapter".

Rolling Stones: Mick Jagger lebt schon lange gesund

Was manch einen überrascht. Es ist zwar bekannt, dass Mick Jagger seit vielen Jahren einen vorbildlichen Lebenswandel führt mit viel Sport und gesundem Essen. Aber das war nicht immer so. Schon gar nicht beim Rest der Band. Gegründet 1962, nahm die Karriere der Rolling Stones zunächst im Windschatten der Beatles schnell an Fahrt auf. Damals noch als Quintett. Der fabelhafte Drummer Charlie Watts stieß 1963 zur Band und ersetzte Tony Chapman. Birds- und Faces-Gitarrist Ron Wood (75) kam sogar erst 1975 zu den Stones.

Anfangs inszenierten sich die Rolling Stones mit längeren Haaren und grimmigen Blicken als Anti-Beatles. Was sich nach dem weltweiten Nummer-1-Hit „Satisfaction“ verselbstständigte. Der Drogenkonsum stieg parallel zum Erfolg. Genau wie die Zahl der Skandale.

Vor allem der exzessive Brian Jones entwickelt sich zur tickenden Zeitbombe. 1969 wird er unter ungeklärten Umständen tot in seinem Swimming Pool aufgefunden. Ende des Jahres folgt auf einer US-Tour die nächste Katastrophe: Bei einem Festival im kalifornischen Altamont kam es nicht nur zu gewalttätigen Ausschreitungen. Während des Auftritts der Stones erstach auch ein Mitglied des berüchtigten Rockerclubs Hells Angels, die von den Stones als Security angeheuert wurden, direkt vor der Bühne einen 18-Jährigen.

Die Rolling Stones 1965 in der Berliner Waldbühne - die Bilder