Umfrage

Rund 1850 Fälle von Frühehen und Zwangsverheiratungen

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dpa

Die Sommerferien sind für Jugendliche in der Regel ein Grund zur Freude. In einigen Familien drohen aber auch Tragödien: Manche Eltern nutzen den Heimurlaub - etwa in der Türkei oder arabischen Ländern - zur Zwangsverheiratung ihrer Kinder.

Berlin. An deutschen Schulen gibt es 1847 Fälle von angedrohten oder vollzogenen Früh- und Zwangsverheiratungen. Das ergab nach Angaben der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes eine bundesweite anonyme Online-Umfrage unter Lehrkräften und Sozialarbeitern. Mit dem Beginn der Sommerferien gewinnt das Thema an Brisanz. Nach Einschätzung der Organisation ist der Heimaturlaub für Familien aus streng patriarchalischen Ländern auch Anlass, Töchter an vorher ausgesuchte Männer zu verheiraten. Gemeinsam mit der Polzei geht Terres des femmes deshalb in der nächsten Woche (27.6. bis 1.7.) in Berliner Schulen, um für die Gefahr zu sensibilisieren.

Bei der Online-Befragung nannten die Schulmitarbeiter 188 Fälle, bei denen sie sich sicher waren, dass eine Frühehe vorliege oder konkret geplant sei, in weiteren 191 Fällen sogar eine Zwangsverheiratung. wie die zuständige Referentin Myria Böhmecke der Deutschen Presse-Agentur sagte. Zudem nannten die Befragten nach Angaben der Organisation 682 Verdachtsfälle von Frühehen und 786 von Zwangsverheiratung. Betroffen seien mit 87,4 Prozent vor allem Mädchen, aber auch Jungen (11,4) oder diverse Personen (1,2).

"Diese Zahlen sind erschreckend. Jede Frühehe oder jede Zwangsverheiratung verletzt das Recht auf ein freies und selbstbestimmtes Leben, vor allem von Mädchen", erklärte Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin der Organisation.

Zwar handele es sich bei den Angaben nicht um eine repräsentative Studie, die Zahlen seien jedoch aufschlussreich. "Wir fordern seit Jahren eine bundesweite Studie", sagte Stolle. Die jüngsten Angaben vom Bundesfamilienministerium stammen nach Angaben der Organisation aus dem Jahr 2008. Damals seien 3443 Fälle von Frühehen oder Zwangsverheiratungen registriert worden. "Wir gehen davon aus, dass das Ausmaß deutlich größer ist als erwartet", so die Referentin.

Lehrkräfte wünschen sich mehr Unterstützung an Schulen zur Verhinderung von Frühehen und Zwangsverheiratungen, wie die Umfrage ergab. Lehrerinnen und Lehrer seien oft der einzige Anlaufpunkt für betroffene Kinder und Jugendliche. "Wir haben dort einen großen Bedarf festgestellt. Lehrkräfte möchten geschult werden, um zu wissen, was sie tun können, um zu helfen, ohne das Mädchen oder den Jungen zu gefährden", schilderte Böhmecke. "Die Politik muss handeln", forderte Geschäftsführerin Stolle. Präventionsarbeit an Schulen und konkrete Hilfsangebote seien erforderlich.

In Berlin versucht die Organisation etwa mit einem Theaterprojekt "Mein Herz gehört mir" an Schulen - etwa in Neukölln - aufzuklären und auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen. In den Tagen vor den Sommerferien verstärkt Terre des Femmes die Präventionsarbeit in der Hauptstadt mit einer "weißen Woche" - in Anlehnung an ein weißes Hochzeitskleid. An fünf Schulen in den Bezirken Marzahn, Mitte, Spandau und Charlottenburg soll es dann Workshops und die Gelegenheit für Gespräche geben. "Diese Aktionen wollen wir künftig bundesweit vor den Sommerferien anbieten", erklärte Böhmecke.

Terres des Femmes gibt Mädchen oder Jungen, die eine Zwangsheirat im Ausland befürchten, den Rat, bei Beratungsstellen Kopien ihres Passes zu hinterlassen und eine eidesstattliche Erklärung abzugeben, dass sie unbedingt zurückwollen. Möglichst sollten sie nicht mit in den Urlaub in Länder wie etwa die Türkei oder arabische Staaten fahren.

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( dpa )