Kreuzberg

GSW-Hochhaus in Berlin: Protest gegen neue Fassade

| Lesedauer: 4 Minuten
Isabell Jürgens
Das ehemalige GSW-Hochhaus in Kreuzberg, das seit 2017 unter dem Namen Rocket-Tower firmiert, wurde durch seine Fassade bekannt.

Das ehemalige GSW-Hochhaus in Kreuzberg, das seit 2017 unter dem Namen Rocket-Tower firmiert, wurde durch seine Fassade bekannt.

Foto: J. Hildebrandt / picture alliance / Arco Images

Mit einer Online-Petition und einem offenen Brief an den Eigentümer kämpfen die Architekten Sauerbruch Hutton um ihr Meisterwerk.

Berlin. Normalerweise sind Fassadensanierungen kein Thema, das für erregte Debatten sorgt. Nicht so beim GSW-Hochhaus, das seit 2017 unter dem Namen Rocket-Tower firmiert. Seit bekannt wurde, dass der Eigentümer des 81-Meter-Turms an der Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg die farbigen Sonnenschutzpaneele durch eine vereinfachte Fassade austauschen will, ist die Architekturwelt in Aufruhr. Bereits knapp 5000 Unterstützer haben die Online-Petition „Rettet die GSW-Fassade“ auf der Plattform Change.org unterschrieben. Zu den Unterzeichnern gehört nahezu die gesamte Prominenz der Zunft, von Daniel Libeskind über Volkwin Marg, Olafur Eliasson und HG Merz bis zur früheren Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher reicht die Liste.

Gestartet haben die Online-Petition die Architekten von Sauerbruch Hutton. Matthias Sauerbruch, Louisa Hutton und Juan Lucas Young haben den Turm in den 1990er-Jahren als Hauptsitz der GSW entworfen. Inzwischen wird das 17-geschossige Hochhaus von Rocket Internet und Amazon genutzt.

Einfache Fassade am GSW-Haus: „Grobe Entstellung des Gebäudes“

„Die Änderung der Fassade stellt eine grobe Entstellung des Gebäudes dar“, heißt es in der Petition. Weiter wird die Sienna Real Estate, die für den Eigentümer des Gebäudes, die Amundi S.A., eine französische Vermögensverwaltung mit Sitz in Paris, agiert, aufgefordert, „diese Pläne aufzugeben, die Fassade anstatt dessen zu reparieren und die Farbgebung zu erhalten und gegebenenfalls durch eine Farbbeschichtung der Bestandspaneele aufzufrischen“.

Konkret geht es bei dem Streit um die Sonnenschutzanlage auf der Westseite des Turmes. Sienna hat nach Angaben des Berliner Architekturbüros Sauerbruch Hutton angekündigt, die sogenannte Konvektionsfassade komplett abzubauen und dadurch nicht nur ihre Funktion, sondern auch die charakteristische Farbgebung zu verändern. „Sie haben vor, die geschosshohen, dreh- und verschiebbaren Sonnenschutzpaneele aus perforierten, in neun Sonderfarben beschichteten Aluminiumblechen zurückzubauen und durch Stoffbehänge zu ersetzen, die am Ort fixiert sind und lediglich vertikal auf- und wieder eingerollt werden können“, heißt es dazu in der Petition. Diese Stoffbehänge sollen demnach in Farben ausgeführt werden, die aus der Farbtabelle eines bestimmten Anbieters ausgewählt werden und von der bisherigen Farbgebung der Fassade vollständig abweichen.

Tatsächlich ist die transparente Fassade, die je nach Lichteinfall in zarten Rosenholztönen schimmert, eine mehrfach preisgekrönte Besonderheit der Architekturikone aus der Berliner Nachwendezeit. Je nach Lichteinfall drehen sich die Lamellen: parallel zur Fassadenebene für starke Verschattung, senkrecht zur Fassadenebene für maximalen Lichteinfall. Dadurch ergibt sich je nach Lichteinfall eine komplett geschlossene Fassade, ein unregelmäßiges Mosaik aus den verschiedenen Farbtönen bis hin zu einer komplett transparenten Glasfassade, wenn alle Lamellen weggeschoben werden, weil keine Sonneneinstrahlung abgehalten werden muss.

Baukollegium befasst sich mit der Fassade – Eigentümer schweigt

Der geplante Austausch des spezifisch für das Gebäude entworfenen Verschattungssystems mit einem banalen Universalprodukt verunglimpfe „die Logik einer Architektur, die ganz in der Reaktion auf das Klima (Wind, Konvektion, Querlüftung, Sonnenstand) hin entworfen ist und den natürlichem Umgebungskomfort am Arbeitsplatz und maximale Flexibilität in der individuellen Licht- und Blicksteuerung ohne verschwenderischen Energieaufwand erzielt“, schreiben die Architekten. Das Gebäude erhalte seine spezifische Erscheinung auf Grund seiner Reaktion auf die natürliche Umwelt und sei deshalb zu dem „ikonischen Pionier des nachhaltigen Bauens geworden, der bis heute weltweit Aufmerksamkeit genießt“.

Sauerbruch Hutton verweist auch auf die hohen Menge CO, die durch die Anbringung einer neuen Fassade entstehen würde. „Leisten Sie dem Klimawandel keinen Vorschub, sondern senden Sie stattdessen mit der Reparatur der Fassade ein zeitgemäßes Signal der Abfallvermeidung und der Ressourcenschonung!“, so der Appell, der immerhin bereits dazu geführt hat, dass sich das Baukollegium von Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt auf der nächsten Sitzung am 4. Juli mit dem Thema beschäftigen wird. Ob Sienna und Amundi ihre Pläne überarbeiten werden, ist dagegen noch offen: Beide Unternehmen wollten sich dazu auf Nachfrage der Berliner Morgenpost am Montag nicht äußern.