Familiengeschichte

Olga aus Charkiw: „Mein Vater hat uns nie im Hass erzogen“

| Lesedauer: 8 Minuten
Sibylle Haberstumpf
Die ukrainische Historikerin Olga Ryabchenko ist wegen des Krieges nach Berlin gekommen und hat ein dreimonatiges Stipendium. Ihr Vater Leonid (rechts) musste im Zweiten Weltkrieg in Berlin Zwangsarbeit leisten. Das Foto von Leonid ist Teil der Ausstellung des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit.

Die ukrainische Historikerin Olga Ryabchenko ist wegen des Krieges nach Berlin gekommen und hat ein dreimonatiges Stipendium. Ihr Vater Leonid (rechts) musste im Zweiten Weltkrieg in Berlin Zwangsarbeit leisten. Das Foto von Leonid ist Teil der Ausstellung des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Olgas Vater war Zwangsarbeiter im Dritten Reich und erlebte Schlimmes in Berlin. Nun hat seine Tochter hier Zuflucht gefunden.

Berlin.  Der Berliner Zoo hat eine besondere Bedeutung für die Ukrainerin Olga Ryabchenko. „Ein wundervoller Zoo, der schönste, den ich kenne“, sagt die 57-Jährige aus Charkiw. „Es war der Lieblingsort meines Vaters.“ Olgas Vater Leonid kam in den Jahren 1943 und 1944 wann immer er konnte in den Zoo am Hardenbergplatz. Am liebsten verweilte er bei den Elefanten. Es ist erstaunlich, aber irgendwie schaffte der junge ukrainische Zwangsarbeiter es immer wieder hinein in den Zoo – selbst wenn er am Eingang mal barsch abgewiesen wurde. Sein Stoffabzeichen mit dem Aufdruck „Ost“, das er eigentlich gut sichtbar tragen musste, verbarg der junge Mann damals wohl.

Das Abzeichen war dazu gedacht, ähnlich wie der Judenstern für Juden, dass die Nationalsozialisten leicht Diskriminierungen gegen „Ostarbeiter“ durchsetzen konnten. Es war die Zeit des Dritten Reiches in Deutschland und Leonid Ryabchenko war noch minderjährig, als er im Mai 1943 nach Berlin kam. Aus der Ukraine hatte seine deutschsprachige Mutter ihn nach Deutschland geschickt – zwar in Sorge vor den Nazis, aber wiederum noch ängstlicher vor der Roten Armee, weil Leonids Vater 1941 unter Stalin erst spurlos verschwunden und dann getötet worden war.

Vater Leonid ist in Zwangsarbeit-Dauerausstellung verewigt

Olga Ryabchenko, geboren 1964, ist promovierte Historikerin. Seit einigen Wochen wohnt sie in Berlin bei einer Gastfamilie. Sie hat gerade ein Stipendium der Freien Universität Berlin (FU) bekommen. Eigentlich lebt Olga in Charkiw und arbeitet am Historischen Seminar der dortigen Universität in leitender Position, doch die Lage in der Stadt ist seit April gefährlich und bedrohlich – viele Einwohner sind von dort seit Beginn des russischen Angriffskrieges bereits geflüchtet.

Wir treffen Olga im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Schöneweide. In der umfangreichen Dauerausstellung der Einrichtung ist ihr Vater verewigt. Mit großem Foto und Informationstext. Die Leiterin des Dokumentationszentrums, Christine Glauning, Expertin für die Geschichte des Nationalsozialismus, hat sich für das Stipendium eingesetzt und Olgas Lebenslauf an die FU geschickt. „Gleich nach Kriegsbeginn waren wir miteinander in Kontakt und haben uns viel geschrieben“, sagt Glauning. Sie freut sich, dass die ukrainische Historikerin nun in Berlin erst einmal in Sicherheit wohnen und arbeiten kann.

Leonid starb 2015 im Alter von 89 Jahren. Sein Leben war von der Jugend an durch den Zweiten Weltkrieg und seine Erlebnisse als Zwangsarbeiter geprägt. Ab 1948 wurde er auch noch von den Sowjets zu zehn Jahren zu Straflager verurteilt. Seine Tochter ist eine lebensfrohe, mitreißende Person mit einem herzlichen Lachen. So ähnlich muss auch ihr Vater gewesen sein. „Er war sehr kommunikativ und aufgeschlossen, hat immer gerne geredet und viele interessante Menschen kennengelernt“, erzählt sie. Eine weitere Eigenschaft ihres Vaters: „Er war nicht nachtragend und konnte nie böse auf Menschen sein.“ Zwar hatte er traumatische Erlebnisse in der Krieg- und Nachkriegszeit. „Aber er spürte keinen Hass. Er hat mich und meine Brüder niemals im Hass erzogen“, betont Olga.

Vater schrieb als Zwangsarbeiter akribisch Tagebuch

Ihr Vater hatte eine harte Zeit in Deutschland, es waren sicher einige der schwersten Jahre seines Lebens. Er verletzte sich schwer an der Hand beim Arbeiten, bekam so gut wie keinen Lohn, wurde ausgebeutet und musste schließlich unter schwersten Bedingungen Bombentrümmer räumen. Bei Siemens in Spandau musste er zunächst in einer Gießerei schuften. Die Arbeit, die er alleine verrichten musste, war für drei „normale“ Arbeiter gedacht. Leonid führte in Berlin akribisch Tagebuch. Er beschrieb die kleinen Seiten seiner Notizhefte mit besonders kleiner, enger Schrift, um Papier zu sparen – denn alle Arten von Gebrauchsgegenständen oder Rohstoffen waren für Zwangsarbeiter schwer zu beschaffen.

Diese Notizen von Leonid Ryabchenko werden heute in der Dauerausstellung des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Schöneweide gezeigt; sie sind ein großer Schatz, weil sie einen sehr persönlichen Einblick in den Alltag der Zwangsarbeiter geben. „Sein Tagebuch verrät sehr viel“, berichtet Olga. „Er hat zuerst viel geweint, hatte Heimweh und Sehnsucht nach den Eltern.“ Ihr Vater habe in seinem Leben mehrere Gefängnisse kennengelernt, so Olga – und sie habe später einmal von ihm wissen wollen, wo es am schlimmsten war.

Doch so richtig klar äußerte er sich dazu nicht. Er habe einerseits die Nazis gehasst, „weil sie ihm den Frieden und die Heimat genommen haben“, so Olga, aber auch den Kommunismus habe er als riesiges Unrecht angesehen. „Sowohl die deutschen als auch die sowjetischen Lager haben meinen Vater sehr stark geprägt. Er lehnte Gewalt jeglicher Art ab, sowohl von staatlicher Seite als auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Das hat ihn zu einem sehr freigeistigen Menschen gemacht“, berichtet die Tochter. Er habe gesagt: „Wenn das kein Bestandteil meines Lebens wäre, wäre ich nicht der, der ich bin.“ Nach der Lagerhaft wurde Leonid Anfang der 1960er-Jahre rehabilitiert, holte seinen Schulabschluss nach und machte sein Diplom an der Polytechnischen Hochschule.

Jeder Tag beginnt für Olga mit Nachrichten aus der Ukraine

Hätte sie geglaubt, dass es zu einem solchen Kriegsausbruch in ihrer Heimat kommen würde? Olga winkt ab. „Das ist keine Glaubensfrage. Dieser Krieg dauert schon seit 2014.“ Seit Wladimir Putin die Halbinsel Krim völkerrechtswidrig annektierte, besteht der Ukraine-Konflikt – und viele Menschen in der Ukraine befürchteten seitdem auch schon den russischen Einmarsch in weitere Gebiete ihres Landes.

Olga Ryabchenko ist zur Weiterbildung in Berlin, hat ein Büro an der Uni und verbringt viel Zeit in der Bibliothek. Aber jeder Tag beginnt für sie derzeit auch mit den schrecklichen Nachrichten aus ihrer Heimat. Per Handy kommuniziert sie viel mit Verwandten, Freunden, Kollegen, Studenten. Sie hat sich in Berlin bereits mit anderen Ukrainern vernetzt und setzt sich für die Organisation von Spenden- und Hilfsprojekten ein. Bis Ende Juli läuft ihr Stipendium an der FU. Danach wird sie weitersehen. In ihre Heimat möchte sie gerne wieder zurück – wenn es denn sicherer ist. Wenn sie in die Zukunft blickt, ist Olga zumindest von einer Sache überzeugt: „Es ist wie im Zweiten Weltkrieg: Das Böse muss büßen und wird bestraft werden. Alle Kriegsverbrecher müssen zur Verantwortung gezogen werden.“

Info:

Vom 19. Juni bis zum 28. Juni veranstaltete das „Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine“ eine Aktionswoche mit Führungen, Filmen oder Fortbildungen. Das Netzwerk besteht aus 48 Gedenkstätten, Museen, Vereinen, Stiftungen und Erinnerungsorten in Deutschland, die sich mit NS-Verbrechen beschäftigen. Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zeigt am Mittwoch, 22. Juni, im Kino Delphi Lux, Yva-Bogen, Kantstraße 10, 10623 Berlin, den Film „The Sunday in Strasbourg“ über ukrainische Zwangsarbeiterinnen. Danach gibt es ein Filmgespräch mit der Regisseurin. Weitere Infos: hilfsnetzwerk-nsverfolgte.de

Das auf Initiative des Vereins Kontakte-Kontakty gegründete Netzwerk sammelt auch Spenden. Unter den Leidtragenden des aktuellen Krieges in der Ukraine seien auch Überlebende nationalsozialistischer Verfolgung und deren Angehörige, ihnen will das Netzwerk helfen. Rund 300 Menschen habe man bisher bereits mit 62.000 Euro Spendengeld unterstützen können, heißt es. Spendenkonto bei der Berliner Volksbank, Empfänger: Kontakte-Kontakty, IBAN: DE59 1009 0000 2888 9620 02.