Ukraine-Krieg

Berlin soll „Drehkreuz“ für pflegebedürftige Ukrainer werden

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Lea Hensen

Foto: Sergej Glanze/FFS

Giffey will transportunfähigen Ukrainern eine längerfristige Bleibe bieten. Die Hauptstadt nehme mehr Geflüchtete auf als vereinbart.

Berlin. Dass Nadjeda Shyvha die Flucht aus der Ostukraine überlebt hat, gleicht einem Wunder. Die 69-Jährige ist schwer krank, hatte mehrere Schlaganfälle, und wurde bereits in ihrer Heimatstadt Charkiw von ihrer Tochter Ina gepflegt. Den ersten Teil der Strecke im Zug habe ihre Mutter nicht liegen können, sagt Tochter Ina (44). Eine ebenfalls kranke Frau, die mit ihnen unterwegs war, sei auf dem Weg verstorben. Von der Westukraine aus wurden Mutter und Tochter mit einem Krankentransport bis nach Berlin gebracht. Seit etwa einem Monat wohnen sie im Paritätischen Seniorenwohnheim in Lichtenberg.

Dort besuchte sie am Mittwoch die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Sechs Geflüchtete aus der Ukraine wohnen seit Anfang April in der Einrichtung, weitere drei kommen in der kommenden Woche. Schätzungen der Senatskanzlei zufolge haben sieben Prozent der in Berlin ankommenden Ukrainerinnen und Ukrainer eine Behinderung, zehn Prozent sind pflegebedürftig. Inzwischen seien mehr als 60.000 Geflüchtete aus der Ukraine in Berlin registriert.

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Geflüchtete mit schweren Verletzungen und Krankheiten

„Wir sind mittlerweile nicht mehr nur zum Drehkreuz für Geflüchtete aus der Ukraine geworden, sondern auch für Geflüchtete mit schweren Verletzungen, schweren Krankheiten, zum Beispiel abgebrochenen Chemo-Therapien“, betonte Giffey die Bereitschaft der Hauptstadt, sich im Besonderen für die Gruppe der Kranken und Hilfsbedürftigen zu engagieren. „Wir schauen, wer kann in Berlin bleiben, wer geht in andere Bundesländer“, sagte sie. „Wenn jemand nicht transportfähig ist, sorgen wir dafür, dass er hier bleiben kann.“

Dabei gehe es vor allem darum, diesen Menschen eine Unterkunft zu bieten, in der sie länger bleiben können. Giffey will dafür auf die Berliner Pflegeeinrichtungen zurückgreifen und mit Charité und Wohlfahrtsverbänden zusammenarbeiten. „Wir haben darüber gesprochen, dass das nur gemeinsam geht und ich bin dankbar dafür, dass die Hilfsbereitschaft da ist“, sagte sie. Wenn es in den Berliner Pflegeheimen nicht viele freie Plätze gebe, würden eben welche geschaffen. Ein besonderer Erfolg sei es zudem, Pflegebedürftige mit ihren Angehörigen gemeinsam unterzubringen – wie im Fall von Nadjeda Shyvha und ihrer Tochter.

Giffey: Andere Bundesländer sollen unterstützen

Die Regierende Bürgermeisterin betonte auch, dass Berlin deutlich mehr als der zwischen den Bundesländern vereinbarten fünf Prozent der Neuankömmlinge aufnehme. Daher sei es wichtig, auf lange Sicht zu schauen, wie Berlin in der Unterbringung von Pflegebedürftigen mit anderen Bundesländern zusammenarbeiten kann. Geflüchtete Menschen mit Behinderung und Pflegebedürftige aus der Ukraine können sich auch von einer neuen Kontaktstelle des Bundes unterstützen lassen.

Jana Kühn, Leiterin des Lichtenberger Seniorenwohnheims, das zum Wohlfahrtsverband Volkssolidarität gehört, sagte mit Blick auf die neuen Heimbewohner: „Als diese Menschen hier ankamen, konnte keiner von ihnen einen weiteren Schritt gehen.“ Das Ankunftszentrum in Tegel leiste viel, sei aber nicht auf Pflege ausgelegt. Einige Geflüchtete seien auf ihrer Flucht vorübergehend in Krankenhäusern untergekommen, wo ihre Verletzungen nur unzureichend versorgt wurden. „Dazu kommt, dass sie schwerst traumatisiert sind. Wenn der Körper dann hier zur Ruhe kommt, beginnt das Leid im Kopf.“