Bildung

Senatorin Busse mit neuer Strategie gegen Lehrkräftemangel

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Nicole Dolif
Schülerinnen und Schüler sitzen in einem Klassenzimmer (Symbolbild).

Schülerinnen und Schüler sitzen in einem Klassenzimmer (Symbolbild).

Foto: Martin Schutt / dpa

Zum neuen Schuljahr werden 920 Lehrer an den Schulen fehlen. Mit diesen Strategien will die Bildungsverwaltung dem Mangel begegnen.

Berliner Schulen stehen vor einer großen Herausforderung: 920 Lehrerstellen können im kommenden Schuljahr voraussichtlich nicht besetzt werden, räumte die Bildungsverwaltung ein. „Der Fachkräftemangel ist so groß wie nie“, sagte Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD), „wir müssen jetzt mit dem, was wir haben, gut haushalten.“ Die reguläre Stundentafel sei aber trotz der großen Lücke nicht in Gefahr. „Wir haben genügend qualifizierte Lehrkräfte im System, um den Regelunterricht sicherzustellen“, betonte Busse. Auch die zusätzlichen Förderungen und die Profile sollten nach Möglichkeit erhalten werden, es liege aber im Ermessen der einzelnen Schule.

Die Lage ist seit Jahren angespannt. Schon im vergangenen Jahr, am Stichtag 1. November, fehlten in Berlin ganze 613 Lehrer in Vollzeit. Und die Schülerzahlen steigen weiter – die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine noch gar nicht mit eingerechnet –, ältere Lehrkräfte verabschieden sich in den Ruhestand, jüngere Kolleginnen und Kollegen gehen in Elternzeit, und an den Hochschulen werden zu wenig Absolventen fertig und landen tatsächlich im Schuldienst.

„Wir liegen mit unserem Bedarf an Lehrkräften bundesweit an der Spitze“, sagte Busse. Für das kommende Schuljahr braucht Berlin insgesamt 2600 Lehrkräfte – beworben haben sich aber bisher nur rund 900 Lehrer und 600 Quereinsteiger, dazu noch einige Dutzend Seiteneinsteiger. Damit bleibt eine Lücke von 920 Lehrkräften, also noch einmal 50 Prozent mehr als im Vorjahr, in dem die Situation auch schon dramatisch war.

Mehr Verteilungsgerechtigkeit an den Schulen in Berlin

Mit mehreren Maßnahmen will die Bildungsverwaltung nun dem Lehrkräftemangel begegnen, auch wenn man sich von einer flächendeckenden Lehrkräfte-Ausstattung von 100 Prozent zumindest vorerst verabschiedet habe. Neben der Verbeamtung, die Busse als „einen Mosaikstein“ bezeichnete, will sie vor allem für mehr Verteilungsgerechtigkeit an den Schulen sorgen.

Denn derzeit sei die Situation so, dass es in bestimmten Regionen beliebte Schulen gebe, die eine Personaldeckung von mehr als 100 Prozent hätten, an anderen Schulen gebe es hingegen einen großen Mangel. „Das werden wir in Zukunft mit Einstellungskorridoren gerechter steuern“, sagte Busse. Das heißt: Schulen, die bereits über eine gute Ausstattung mit Lehrern verfügen, kommen bei den Lehrercastings dann nicht mehr zum Zuge.

Wo genau die Grenze liegen wird, um am Lehrercasting teilzunehmen, wollte die Bildungsverwaltung nicht benennen, das sei von Einzelfall zu Einzelfall verschieden und werde in enger Zusammenarbeit von Schulaufsicht und Schulleitung entschieden, hieß es. Außerdem sollen Lehrkräften in Teilzeit sofort wieder aufstocken können, wenn sie das wünschen. Bisher sind dazu bis zu acht Monate Vorlauf nötig.

Busse kündigte auch an, dass gut ausgestattete Schulen Lehrkräfte an andere, personell schlechter ausgestattete Schulen abgeben können. „Allerdings nicht mit der Brechstange“, betonte Busse, man könne allenfalls mit den Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch kommen und ihnen vorschlagen, an einer anderen Schule auszuhelfen. „Das Ganze muss auf einer freiwilligen Basis passieren, auch eine Rückkehrgarantie für die Lehrkräfte, die sich dazu bereit erklären, ist denkbar“, sagte Busse.

Auch Logopäden und Ergotherapeuten können angestellt werden

Auch der weitere Ausbau der multiprofessionellen Teams solle helfen, die Lage an den Schulen zu entspannen. Freie Lehrerstellen könnten umgewidmet und anderweitig besetzt werden. „Wir werden diese multiprofessionellen Teams auch noch für andere Berufsgruppen wie Ergotherapeuten, Logopäden und Musiktherapeuten öffnen“, erklärte Busse. „Das kann gerade für Schulen mit besonderem Förderbedarf ein großer Gewinn sein. So sieht für mich auch moderne Schule aus.“

Außerdem wolle man die Zusammenarbeit mit den Universitäten verstärken und die Studenten für ihre Praxissemester an die Schulen holen. Auch Masterstudierende können unterstützen und als Vertretungslehrer eingesetzt werden. „Im besten Fall bleiben sie dann auch nach ihrem Abschluss gleich“, sagte Busse, „da könnte die Verbeamtung einen Anreiz darstellen.“

An der Spandauer Linden-Grundschule hat man sowohl mit Studenten als auch mit Pensionären, die noch für einige Stunden an der Schule bleiben, bereits gute Erfahrungen gemacht. „Auch wenn es nur sechs Stunden pro Woche sind, entlastet es einfach das Kollegium“, sagte Schulleiterin Corinna Dräger. „Wir schauen immer, was es noch für Möglichkeiten gibt, uns selbst zu helfen.“

GEW bezeichnen Bildungssenatorin als ideenlos

All diese Maßnahmen seien überhaupt nicht neu, kritisierte Tom Erdmann, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Er warf Bildungssenatorin Busse angesichts der dramatischen Lage „Ideenlosigkeit“ vor. „Es reicht nicht, für die Gewinnung von Lehrkräften allein auf die Verbeamtung zu setzen und ansonsten den Kopf in den Sand zu stecken. Die Hauptursache für den Fachkräftemangel sind ohnehin die schlechten Arbeitsbedingungen“, sagte er.

Es müssten endlich wirkliche Anreize geschaffen werden, damit die Verteilung an den Schulen besser funktioniere. „Die Kolleginnen und Kollegen, die sich für eine Schule in schwieriger Lage entscheiden, könnten zum Beispiel eine Stundenreduzierung bekommen“, sagte Erdmann.

Man wäre heute in einer deutlich besseren Lage, wenn der Senat seine Vereinbarung aus dem Jahr 2016 ernsthaft verfolgt hätte, an den Berliner Universitäten ab 2022 jährlich 2000 Lehrkräfte zum Abschluss zu bringen, betonte Martina Regulin, Vorsitzende der GEW Berlin. „Das Vorhaben ist grandios gescheitert“, so Regulin, „und es wird nicht einmal hinterfragt, warum die Unis ihre Zielvorgaben nicht erreichen. Berliner Unis bilden weniger als ein Drittel des Lehrkräftebedarfs aus.“