Vorfall in der U-Bahn

Opernsänger verklagt die BVG wegen Rassismus

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Die BVG in Zahlen

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Das sind die Berliner Verkehrsbetriebe: Wissenswertes über die BVG

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Ein Deutsch-Amerikaner soll von Kontrolleuren angegriffen worden sein. Nun geht er in einem Präzendenzfall gegen die BVG vor.

Berlin. Jeremy Osborne ist viel rumgekommen. Er hat in Baltimore gelebt und in New York, in Nizza und in Wien. „Aber in keiner Stadt habe ich mich im öffentlichen Personennahverkehr so unsicher gefühlt wie in Berlin“, sagt Osborne. Die Kontrolleure würden in Berlin offenbar meinen, „sie dürften jeden so belästigen, wie es ihnen gerade gefällt.“

Jeremy Osborne ist 35 Jahre alt und Opernsänger. Sein Bariton war im Chor der Komischen Oper und der Deutschen Oper zu hören. Doch nun erhebt er seine Stimme nicht im Dienste der Musik – sondern weil ihm Unrecht widerfuhr. So jedenfalls sieht er es selbst.

Der britischen Sonntagszeitung „Observer“ berichtete Osborne über einen Fall von Rassismus – und zwar bei der BVG. In der U-Bahn-Linie 2, zwischen den Bahnhöfen Spittelmarkt und Hausvogteiplatz, seien vier Kontrolleure in seinen Waggon gestiegen. Sie trugen Zivilkleidung. Er habe einen von ihnen daher nach einem Ausweis zum Nachweis der Berechtigung für die Kontrollen gefragt. Dann eskalierte die Situation.

BVG wollte sich nicht äußern

Osborne bestätigte der Berliner Morgenpost hierzu die Version, die er bereits dem „Observer“ geschildert hatte. Ein Sprecher der BVG wollte sich am Sonntag nicht dazu äußern.

Der „Observer“ zitiert bezüglich des mutmaßlichen Angriffs aus einem Bericht des Unternehmens, das von der BVG für die Kontrollen beauftragt wurde. Osborne zog sein Ticket demnach „sehr langsam“ hervor. Außerdem habe er die Kontrolleure – drei von ihnen waren dem Bericht zufolge türkische Staatsbürger – als „Ausländer“ geschmäht.

Laut „Observer“ legte die von der BVG beauftragte Firma den Bericht allerdings erst eineinhalb Jahre nach dem Vorfall vor. In Teilen weiche die Darstellung zudem von einem Bericht der Polizei ab.

Fahrgast weist die Darstellung der Kontrolleure zurück

Auch Osborne selbst wies die Darstellung zurück, dass er die Kontrolleure als „Ausländer“ beschimpft habe. Die Kontrolleure hätten vielmehr seinen Ausweis geschnappt und ihn gezwungen, die U-Bahn zu verlassen.

Auf dem Bahnsteig habe einer der Kontrolleure – offensichtlich aufgrund seiner dunklen Hautfarbe – zu ihm gesagt: „Black Lives Matter ist für dich doch nur eine Entschuldigung“. Die Bewegung „Black Lives Matter“ setzt sich gegen Rassismus gegenüber „People of Colour“ (PoC), also Menschen mit dunkler Hautfarbe, ein.

Nach Osbornes Schilderung schubste einer der Kontrolleure ihn außerdem gegen eine Metallbank. Er habe Schürfwunden erlitten, die im Krankenhaus behandelt worden seien.

Klage auf Grundlage des Antidiskriminierungsgesetzes

Der mutmaßliche Übergriff ereignete sich im Oktober 2020. Doch der Fall könnte noch für Aufsehen sorgen. Denn laut „Observer“ hat Osborne die BVG verklagt – auf Grundlage des seit zwei Jahren geltenden Berliner Landesantidiskriminierungsgesetzes (LADG).

Das Regelwerk bietet Bürgern, die von staatlichen Stellen diskriminiert wurden, etwa wegen ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religion oder einer Behinderung, bessere Möglichkeiten für Schadenersatzklagen. Denn die Beweislast liegt laut Gesetz nicht bei den Opfern, sondern den staatlichen Stellen.

Das Gesetz ist in Berlin umstritten

Das LADG hatte in Berlin für Diskussion gesorgt, wurde aber nur selten angewandt. Die Entscheidung über Osbornes Klage könnte somit Präzedenzwirkung entfalten.

Zu klären ist allerdings zunächst, ob das Gesetz in dem konkreten Fall angewandt werden kann. Denn die BVG fällt als Anstalt öffentlichen Rechts zwar in den Geltungsbereich des Gesetzes.

Die Juristen der Verkehrsbetriebe argumentieren laut „Observer“ aber, dass die BVG zwar ein landeseigenes Unternehmen sei. Der Ticketkauf sei aber ein privatrechtlicher Vertrag. Die Aufforderungs zur Zahlung des „erhöhten Beförderungsentgeltes“ sei daher kein behördlicher Akt (der unter das LADG fallen würde), sondern eine privatrechtliche Vertragsstrafe.

Schon zuvor Vorwürfe wegen rassistischer Übergriffe

Die BVG sieht sich nicht zum ersten Mal mit dem Vorwurf rassistischer Übergriffe durch Kontrolleure ausgesetzt. Im Dezember 2020 hatte ein nigerianisch-US-amerikanischer Staatsbürger nach einer Fahrkartenkontrolle mehrere Knochenbrüche erlitten. Die Kontrolleure hatten ihn seiner Aussage nach zu Boden gestoßen. Der Betroffene vermutete eine rassistische Motivation. Zuletzt war das Video einer junger Frau aufgetaucht, die behauptete, aggressive Kontrolleure hätten ihr den Finger gebrochen.

Den Initiatoren einer Social-Media-Kampagne mit dem an den BVG-Slogan „Weil wir dich lieben“ angelehnten Namen „Weil wir uns fürchten“ liegen eigenen Angaben zufolge etwa 60 Berichte über Übergriffe durch Fahrkartenkontrolleure vor.

Osborne selbst schrieb auf Anfrage, die Übergriffe seien keine Einzelfälle. „Sie stellen ein systemisches Versagen dar“, so Osborne. Ein Unternehmen in staatlicher Hand dürfe sich nicht seiner Verantwortung entziehen.

Die „Ausrede“ der BVG, dass viele der „unterbezahlten“ Kontrolleure selbst einen Migrationshintergrund hätten, sei „schlicht beschämend“. „Sie zeugt davon, dass die BVG kaum etwas über die Wirkweise von Rassismus und Diskriminierung begreift“, sagte Osborne.

( mit bee )