Logistiker

Zeitfracht kehrt Berlin den Rücken

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Zeitfracht-Chef Wolfram Simon-Schröter hat große Pläne, kann aber auch „Nein“ sagen. Neun von zehn Firmen, die Zeitfracht zum Kauf angeboten werden, lehnt der Chef ab. Das Wachstum des Konzerns ist trotzdem enorm.

Zeitfracht-Chef Wolfram Simon-Schröter hat große Pläne, kann aber auch „Nein“ sagen. Neun von zehn Firmen, die Zeitfracht zum Kauf angeboten werden, lehnt der Chef ab. Das Wachstum des Konzerns ist trotzdem enorm.

Foto: Sergej Glanze

Wolfram Simon-Schröter machte aus Zeitfracht einen Milliardenkonzern. Ihren Sitz hat die Firma nun von Berlin nach Brandenburg verlegt.

Kleinmachnow. Wolfram Simon-Schröter ist jemand, der in den vergangenen Jahren durchaus auch mal in Kauf genommen hat, zu scheitern. Anders lässt es sich wohl kaum erklären, warum der Zeitfracht-Chef zuletzt vor allem Firmen aufgekaufte, um die es recht schlecht stand: Der Buchgroßhändler KNV, der Elektronikprodukte-Großhändler First Wise Media und zuletzt die Adler Modemärkte befanden sich zum Zeitpunkt des Zeitfracht-Einstiegs in Insolvenzverfahren.

Die vermeintlich günstigen Geschäfte hatten stets Folgen: Zeitfracht baute um, kombinierte neu, befreite von Altlasten. Zum Teil ist das noch nicht abgeschlossen. Ein Darlehen, dass Adler aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds der Bundesregierung erhielt, ist erst zur Hälfte zurückgezahlt. Der Rest soll Simon-Schröter zufolge bis Jahresmitte folgen.

Mittlerweile arbeiten für den Zeitfracht-Konzern 6500 Menschen

Der umtriebige Chef hat durch die Zukäufe in den vergangenen Jahren aus dem Logistiker Zeitfracht mit 90 Millionen Umsatz (2017) und 420 Mitarbeitern einen Konzern geschaffen, der rund eine Milliarde Euro im Jahr bewegt. Mittlerweile sind gut 6500 Beschäftigte für das Unternehmen tätig. Zur Zeitfracht-Gruppe zählen mittlerweile 17 operativ tätige Unternehmen. Neben Lkw und Flugzeugen besitzt die Firma seit Januar dieses Jahres auch den Flughafen Rostock-Laage, der ein wichtiger Teil der Zeitfracht-Strategie werden soll.

Künftige Pläne allerdings schmiedet die Geschäftsführung seit Februar 2022 nicht mehr am einstigen Traditionsstandort am Friedrich-Olbricht-Damm in Berlin-Charlottenburg, sondern im Europarc Dreilinden in der Brandenburger Gemeinde Kleinmachnow. Zeitfracht hat den Firmensitz dahin verlegt und die vorherigen Heimat nach Morgenpost-Informationen an einen Paketdienstleister verkauft. Vorausgegangen waren auch Beschwerden über die häufig zeitaufwendigen Behördenprozesse in Berlin. 2020 hatte der Konzern für das An- und Abmelden von 30 Lkw in der Hauptstadt eigenen Angaben zufolge zehn Monate gebraucht.

Modekette Adler gehört zu Zeitfracht: Filialen wurden modernisiert

„Ich will keine schmutzige Wäsche waschen“, sagt Zeitfracht-Geschäftsführer Wolfram Simon-Schröter im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Für die Verlegung des Firmensitzes nach Kleinmachnow sprachen ihm zufolge auch die gute ÖPNV-Anbindung, das Umfeld mit Blick auf Versorgungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter sowie das dortige Platzangebot für Büroflächen. Rund 80 Mitarbeiter sind mittlerweile in der Zeitfracht-Zentrale tätig. An Berlins Verwaltung allerdings habe sich seitdem aus seiner Sicht jedoch kaum etwas getan. „Das ist nicht besser geworden“, so Simon-Schröter. Und in Kleinmachnow habe zumindest die Gewerbeanmeldung nur wenige Tage gedauert. „Das lief deutlich schneller hier.“ Berlin hingegen entgehen nach Morgenpost-Informationen nun Gewerbesteuer-Einnahmen in mindestes hoher einstelliger Millionenhöhe.

In das Gebäude in Kleinmachnow ist direkt unter der Zeitfracht-Etage auch die zur Unternehmensgruppe gehörende Kreativagentur Coconad eingezogen. In den Räumen entstehen unter anderem auch die Aufnahmen für Katalog und Online-Shop der Adler Modemärkte. Zeitfracht hat die nach der Insolvenz verbliebenen 130 Filialen deutschlandweit inzwischen modernisiert. „Viele unserer Kunden sind nicht mehr gut zu Fuß und sollen auch mal verweilen können während des Einkaufs“, erklärt Simon-Schröter. Auch das Sortiment sei auf Vordermann gebracht worden: Neben Klamotten gibt es mittlerweile auch Bücher und Elektronik in einzelnen Märkten.

Flughafen Rostock-Laage soll auch Umschlagplatz für Waren nach Berlin werden

Für Zeitfracht ergibt der Zukauf so durchaus Sinn. Ohnehin sind die Lkw des Unternehmens deutschlandweit unterwegs, beliefern Buchhandlungen und Elektronikmärkte – und nun eben auch Adler-Filialen. Der Modeanbieter will aber auch neue Kundenschichten erschließen. Mit Edeka soll im Südwesten der Bundesrepublik ein „Shop-in-Shop“-Konzept umgesetzt werden. Bis Ende kommenden Jahres soll es in 15 Edeka-Märkten kleinere Adler-Bereiche geben. Für Zeitfracht ist Adler der erste Ausflug in das Direkt-Geschäft mit Kunden. Bislang war der neue Brandenburger Konzern ausschließlich im sogenannten B2B-Geschäft (Business-to-Business) tätig. Zweifellos macht die wirtschaftliche Gesamtlage nun aber auch vor Zeitfracht nicht Halt. „Im ersten Quartal haben wir eine deutliche Kaufzurückhaltung bemerkt“, sagt der Zeitfracht-Chef mit Blick auf die Adler-Märkte. Der Umsatzrückgang liege bei gut 30 Prozent. Darauf habe man auch mit Kurzarbeit bei den Verkäuferinnen und Verkäufer reagieren müssen.

Die Logistik-Sparte sieht man Zeitfracht hingegen auf Dauer weiter durch den Kauf des Flughafens Rostock-Laage gestärkt. Dort will der Konzern auch ein Logistikzentrum bauen, das als Verbindung zwischen Straßen-, Luft- und auch Seetransport dienen soll. Der Airport, der auch noch militärisch genutzt wird, soll Simon-Schröter perspektivisch vor allem dazu dienen, Waren in der Großstädte Berlin und Hamburg zu bringen. Dafür liege der Flughafen optimal. Darüber hinaus könnten 24 Stunden täglich Starts und Landungen stattfinden. Am BER und auch am Airport Hamburg hingegen gibt es Nachtflugverbote.

Zeitfracht lehnt als Sanierer neun von zehn Firmen ab, die angeboten werden

Eine deutsche Airline, die regelmäßig Frachtflüge von und nach Rostock-Lage abwickele, habe man ebenfalls schon gefunden, so der Zeitfracht-Chef. Die eigenen Flieger von dem zu Zeitfracht gehörenden Unternehmen German Airways kämen dafür wohl auch infrage. Sieben Maschinen gehören aktuell zu German Airways, bis Jahresende sollen zwei weitere hinzu kommen. Die bestehende Flieger sind derzeit für British Airways, den Alitalia-Nachfolger ITA Airways und Luxair tätig. Zeitfracht fliegt aber auch für die Kreuzfahrtanbieter MSC und Aida und befördert auch Sportmannschaften in der Luft von A nach B.

Die Zeitfracht-Geschichte ist derweil noch nicht zu Ende. Konkrete Wachstumsziele gebe es Simon-Schröter zufolge aber nicht. Zukäufe seien aber wenig bis gar nicht planbar. „Wir sehen uns als Sanierer. Aber es gibt ja nichts umsonst. Wenn Sie ein Unternehmen aus der Insolvenz heraus kaufen, ist der Anschaffungspreis zwar geringer, aber Sie müssen auch sehr viel reinstecken, bis es läuft“, erklärt der Chef. Man kaufe aber nicht wild drauf los. Neun von zehn Firmen, die Zeitfracht angeboten würden, kaufe man nicht.

Nur einmal ließ Simon-Schröter das Wirtschaftliche außen vor: Im Januar dieses Jahres half Zeitfracht dem Husumer Krabbenkutter „SU24 Birte“ aus der Insolvenz. Auf Betriebsausflügen weht den Mitarbeitern deshalb nun regelmäßig Küstenwind um die Nase. Und: Im Hause Simon-Schröter gibt es öfter frisch gepulte Krabben.