Energieversorgung

Vattenfall prüft Verkauf der Berliner Fernwärme

| Lesedauer: 7 Minuten
Joachim Fahrun
Noch hängt das Vattenfall-Logo am Heizkraftwerk Moabit. Aber die Schweden erwägen, ihre zehn Berliner Kraftwerke und das Fernwärmenetz zu verkaufen.

Noch hängt das Vattenfall-Logo am Heizkraftwerk Moabit. Aber die Schweden erwägen, ihre zehn Berliner Kraftwerke und das Fernwärmenetz zu verkaufen.

Foto: Christophe Gateau / picture alliance

Die Energieversorgung steht vor einem Umbruch: Kraftwerke und Wärmeleitungen könnten Eigentümer wechseln. Berlin könnte mitbieten.

Berlins Energieversorgung stehen epochale Veränderungen bevor. Das Land Berlin könnte kompletten Zugriff auf die wichtigste Energie-Infrastruktur der Stadt bekommen: das Fernwärmenetz, an dem 1,3 Millionen Wohnungen hängen. Denn der Energiekonzern Vattenfall prüft ernsthaft, sein Fernwärmesystem in der Hauptstadt abzugeben. Das sagte Vattenfall-Chefin Anna Borg der Berliner Morgenpost: „Wir monitoren bei Vattenfall ständig, wie und wo wir am meisten zur Energiewende beitragen können“, sagte die Managerin, die das schwedische Staatsunternehmen seit anderthalb Jahren führt: „Wir haben Investitionsmöglichkeiten und Entwicklungsprojekte im Überfluss. Und wir haben die Optionen, uns aus einzelnen Geschäften auch zurückzuziehen.“

Ein solches Geschäft könnte die Berliner Fernwärme sein. Es geht um zehn Kohle- und Gaskraftwerke, 2000 Kilometer Leitungen, 1700 Beschäftigte und eine knappe Milliarde Euro Jahresumsatz. „Für uns ist die Frage, ob wir als Vattenfall der richtige Eigentümer für das Fernwärmesystem der Zukunft sind“, sagte Borg. Das Unternehmen habe sich verpflichtet, das Ziel einer Erderwärmung von höchstens 1,5 Grad zu unterstützen. Dazu wollen die Schweden, die auf ihrem kleinen Heimatmarkt auf Wasserkraft und Kernenergie setzen, sich auch in Deutschland verstärkt in Solarenergie, Windkraft und spezielle Industriepartnerschaften engagieren. Da käme ein sicherlich in die Milliarden gehender Verkaufserlös aus Berlin gelegen.

Nicht nur das Land Berlin kommt als Käufer in Frage

„Für Vattenfall geht es um eine Priorisierung unserer Aktivitäten“, sagte Borg und beruhigt: „Wir werden aber die Fernwärme nur an einen Eigentümer geben, der die gleichen Ziele der Dekarbonisierung verfolgt wie wir.“ Klar ist aber auch, dass nicht nur das Land Berlin als Käufer der Kraftwerke und Leitungen ins Auge gefasst wird. Auch andere Energieunternehmen kämen in Frage. „Wir müssen das Interesse des Marktes ermitteln“, so die Vattenfall-Chefin im Videogespräch mit der Morgenpost. Dass mögliche Übernehmer einen komplett anderen Kurs steuern würden, sei aber nicht zu erwarten. Denn fast alle Energiekonzerne verfolgten derzeit eine Dekarbonisierungsstrategie. „Das ist eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit“, so die Vattenfall-Chefin.

Das Land Berlin versucht schon lange, seine in den 1990-er Jahren privatisierte Energie-Infrastruktur der früheren Bewag wieder in die Hand zu bekommen. Jahrelang stritt der Senat mit Vattenfall über die Konzession für den Betrieb des Stromnetzes. Nach mehreren Gerichtsentscheidungen war klar, dass Berlin das Netz nicht wie geplant an den Landesbetrieb Berlin Energie vergeben durfte. Nachdem sie gewonnen hatten, machten die Schweden eine Kehrtwende und boten das Stromnetz dem Land zum Kauf an. Vergangenes Jahr wechselte das Netz für rund zwei Milliarden Euro den Besitzer. Die Betreiber GmbH arbeitet nun als landeseigener Betrieb und soll den Kaufpreis über die Jahre aus ihren Gewinnen abstottern.

Vattenfall ist Eigentümer der Fernwärme

Ähnlich könnte es auch bei der Fernwärme laufen. Denn auch hierfür hatte der Senat versucht, einen konzessionsähnlichen Anspruch zu erheben. Im Sommer 2021 urteilte das Oberverwaltungsgericht jedoch in letzter Instanz, dass die Stadt kein Anrecht auf die Herausgabe der Fernwärme habe. Nun folgt auch hier womöglich der Sinneswandel in Stockholm. Hintergrund könnte sein, dass Vattenfall die eigene CO2-Bilanz auf einen Schlag aufhübschen könnte, wenn sie die noch im Wesentlichen aus fossilen Energiequellen erzeugte Berliner Fernwärme los wäre. Rechtlich sei aber klar, dass Vattenfall Eigentümer der Fernwärme sei. Ihr sonstiges Geschäft als Stromlieferant und -erzeuger in Deutschland sei davon unberührt. Deutschland soll laut Borg ein „zentraler Markt“ für Vattenfall bleiben.

Die Konzern-Chefin versicherte aber, dass auch die zweite Option, also die Fernwärme weiter im Portfolio zu halten, untersucht werde. „Wir haben einen Plan für die Dekarbonisierung des Fernwärmesystems in Berlin und um die Ziele der Stadt Berlin zu erreichen. Wir setzen diesen Plan um, wir investieren, wir treffen die nötigen Entscheidungen“, sagte Borg. Man habe dem Land Berlin zugesagt, bis 2030 aus der Kohle auszusteigen. „Und wir als Vattenfall haben uns vorgenommen, 2040 CO2-neutral zu sein. Das bedeutet, wir müssen davor aus dem Gas raus“, beschrieb Borg den eigenen Anspruch. Die Berliner Tochterfirma Vattenfall-Wärme unter Führung der früheren BSR-Chefin Tanja Wielgoß arbeite an diesem Ziel: „Wir glauben, dass der Plan der Berliner Kollegen machbar ist,“ sagte ihre Vorgesetzte.

Entscheidung über Verkauf fällt wohl erst nächstes Jahr

Bis klar ist, ob Vattenfall auf Verkaufen oder Behalten setzt, wird es einige Monate dauern. „Wir werden wahrscheinlich dieses und ein Stück des nächsten Jahres brauchen, um zu entscheiden“, sie die Vattenfall-Chefin. Für die Berliner Politik eröffnet diese Zeit die Möglichkeit, zu einer politischen Meinungsbildung zu kommen und Finanzierungsmöglichkeiten zu suchen. „Das ist ein sehr attraktives Geschäft, und ich weiß, dass die Stadt Berlin Interesse an der Fernwärme gezeigt hat. Ich freue mich darauf, diese Themen mit den verantwortlichen Politikern zu diskutieren“, so die Managerin. Die Stadt sei auf jeden Fall ein wichtiger Stakeholder, habe also berechtigte Interessen an dem Thema. Wie viel das Land oder andere Interessenten für das Berliner Kraftwerkssystem bezahlen müssten, ist offen. „Wir versuchen herauszufinden, was der Marktwert unseres Fernwärmesystems ist. Eine Zahl werde ich nicht sagen. Aber es ist das interessanteste Fernwärme-Geschäft in Europa. Wir halten es für sehr wertvoll“, so Borg.

Ukraine-Krieg erhöht Unsicherheiten

Sie räumte ein, dass angesichts des Ukraine-Krieges und der steigenden Preise vor allem für Gas die Unsicherheiten erhöht hätten. Zu einem geforderten oder drohenden Lieferstopp von russischem Erdgas sagte sie, technisch sei es sicher möglich, den Import von russischem Erdgas nach Europa zu beenden. „Aber praktisch und finanziell würde das riesige Auswirkungen haben, vor allem kurzfristig.“.

Borg äußerte sich auch zum Bestreben von weiten Teilen der Koalition aus SPD, Grünen und Linken, auch den Gas- und Energiekonzern Gasag zu kaufen. Vattenfall besitzt Gasag-Anteile, ebenso wie die deutsche Eon und der französische Konzern Engie. „Gespräche über die Gasag können nur gemeinsam mit allen Eigentümern stattfinden“, sagte Borg: „Bisher hat es keine Gespräche zwischen der Stadt und Vattenfall über irgendwelche Transaktionen gegeben.“ Aber die Fragen Gasag und Fernwärme seien zwei unterschiedliche Prozesse.