Berlin-Mitte

Friedrichstraße soll zur reinen Fußgängerzone werden

| Lesedauer: 5 Minuten
Jessica Hanack und Julian Würzer
Bislang verläuft mitten durch den autofreien Abschnitt der Friedrichstraße ein Radweg. Doch der soll verschwinden und die Friedrichstraße zur Fußgängerzone werden.

Bislang verläuft mitten durch den autofreien Abschnitt der Friedrichstraße ein Radweg. Doch der soll verschwinden und die Friedrichstraße zur Fußgängerzone werden.

Foto: Jessica Hanack

Der Radweg auf der „Flaniermeile“ soll verschwinden. Der Fahrradverkehr wird stattdessen über die Charlottenstraße geführt.

Berlin. Die sogenannte Flaniermeile Friedrichstraße soll neugestaltet werden. Nach mehreren übereinstimmenden Informationen der Berliner Morgenpost soll der seit August 2020 autofreie Abschnitt zwischen Französischer Straße und Leipziger Straße zur Fußgängerzone werden. Damit soll der fast vier Meter breite Fahrradstreifen in der Mitte der Straße künftig verschwinden.

Weiteren Informationen zufolge soll auch die Charlottenstraße in die Umgestaltung eingebunden werden. Über die Parallelstraße, die derzeit stark vom ausweichenden Pkw-Verkehr betroffen ist, soll künftig der Fahrradverkehr gelenkt werden. Besprochen wurden die Pläne bei einer internen Sitzung mit Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Grüne), dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI), der Galeries Lafayette, dem Handelsverband Berlin-Brandenburg und des Die Mitte e.V.. Offiziell wollte sich zunächst niemand zu dem neuen Konzept äußern.

Montag soll Abschlussbericht zur Friedrichstraße vorgestellt werden

Dass der umstrittene autofreie Abschnitt nicht bei seiner derzeitigen Gestaltung bleiben soll, war bereits absehbar. Jarasch hatte bereits angekündigt, dass ein umfassenderes Konzept erarbeitet werden soll, dass auch die umliegenden Straßen einbezieht, und dass die Aufenthaltsqualität an der Friedrichstraße verbessert werden soll. Geplant ist, am kommenden Montag offiziell den Abschlussbericht zum Verkehrsversuch der autofreien Friedrichstraße sowie ein „Nahbereichskonzept“ vorzustellen. Die Einladungen an Anrainer seien bereits verschickt worden, sagte die Grünen-Politikerin am Mittwoch im Mobilitätsausschuss auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Oliver Friederici.

„Der Verkehrsversuch war ein erster Schritt“, sagte Jarasch, die sich mit Blick auf den Termin am Montag noch nicht konkret zu den Plänen äußerte. Sie sei aber mit dem Vorhaben gestartet, aus dem Verkehrsversuch etwas Dauerhaftes zu machen, „wo die Aufenthaltsqualität insbesondere für Fußgängerinnen und Fußgänger im Zentrum steht“. Dabei verwies sie auch auf den Titel des Projekts. „Eine Flaniermeile bedeutet, dass Fußgängerinnen und Fußgänger Vorrang haben müssen“, so Jarasch. In seiner jetzigen Umsetzung sei der Versuch noch keine Flaniermeile, weshalb es Veränderungen und Verbesserungen brauche.

Autofreie Friedrichstraße sorgt seit Monaten für Diskussionen

Die autofreie Friedrichstraße mit dem Fahrradweg in der Mitte sorgt seit Beginn des Projekts für Diskussionen. Ziel war es, mit dem Verkehrsversuch der Einkaufsstraße in Mitte neues Leben einhauchen. Der Erfolg dessen wird unterschiedlich bewertet. Wie Jarasch im Ausschuss sagte, hätte es in der Auswertung durch die Senatsverwaltung durchaus Hinweise darauf gegeben, dass das Aufkommen an Fußgängerinnen und Fußgängerin sich erhöht habe. Auch einem bislang veröffentlichten Zwischenbericht zufolge bewerteten Passanten den autofreien Abschnitt positiv, betonten aber vielfach trotzdem, dass Anpassungen nötig seien.

Zu einem anderen Ergebnis kam eine mithilfe von GPS-Daten von Smartphones erfolgte Analyse, die das Unternehmen PlaceSense im Auftrag des neuen Aktionsbündnis „Rettet die Friedrichstraße“ durchgeführt hatte. Demzufolge hat die südliche Friedrichstraße an Besuchern verloren, insbesondere im Vergleich zu anderen Einkaufstraßen wie dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße. Während diese bereits an Besucher-Zahlen aus Vor-Corona-Zeiten anknüpfen konnten, war der autofreie Teil der Friedrichstraße davon zuletzt noch deutlich entfernt.

Auch Händlerinnen und Händler in der Friedrichstraße selbst aber auch in umliegenden Straßen hatten dem Aktionsbündnis zufolge mit großer Mehrheit von negativen Auswirkungen auf ihr Geschäft durch den Verkehrsversuch berichtet. Zunehmender Widerstand regte sich unter anderem in der Charlottenstraße; Anja Schröder, deren Geschäft „Planet Wein“ sich an der Charlottenstraße befindet, berichtete etwa, dass die Straße nachmittags permanent zugestaut sei. An der Friedrichstraße soll es bereits 15 Geschäftsschließungen gegeben haben, fünf weitere Unternehmen würden über einen Standortwechsel nachdenken.

Immer wieder Forderungen nach Ende der autofreien Friedrichstraße

Auch die Oppositionsparteien auf Landes- wie auch Bezirksebene kritisierten das Projekt immer wieder deutlich. Erst zu Beginn des Jahres forderte die CDU-Fraktion auf Bezirksebene in Mitte, den Verkehrsversuch zu beenden und neuzudenken. Der Antrag wurde allerdings abgelehnt. Auch die FDP-Fraktion forderte mit Blick auf die Zahlen des Aktionsbündnisses, einen „konzeptionellen Neustart für fußgängerfreundliche Verkehrsberuhigung und eine attraktive Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Kultur und Aufenthaltsqualität“.

Trotz aller Kritik hielten die Senatsmobilitätsverwaltung und der Bezirk Mitte bislang an dem Versuch fest und stellten gar im vergangenen Herbst klar: die Friedrichstraße soll dauerhaft autofrei bleiben. Derzeit läuft das dafür nötige Teileinziehungsverfahren, wodurch der Straßenabschnitt für bestimmte Verkehre geschlossen wird. Das Verfahren wird voraussichtlich noch mehrere Monate in Anspruch nehmen, zumal auch Widersprüche gegen die Teileinziehung eingereicht werden können. Solange es noch keinen Abschluss gibt, heißt es auf der Internetseite der Mobilitätsverwaltung, bleibt es allerdings auch bei einer provisorischen Gestaltung. Bauliche Veränderungen sind erst danach möglich.

Die Überlegung, aus dem autofreien Abschnitt eine Fußgängerzone zu machen, ist derweil nicht ganz neu. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Verband Naturfreunde Berlin gefordert, dass der Abschnitt lediglich für Fußgänger freigegeben werden sollte. Für Fahrradfahrende sah der Verband eine eigene Fahrradstraße, etwa in der Glinkastraße, vor.