„Gewidmet den Kräften auf Deutschlands Intensivstationen.“ Diese Widmung hat Daniel Zickler seinem Buch „Kampf um jeden Atemzug“ vorangestellt. Das Buch ist der Erlebnisbericht eines Insiders. Es handelt von der Intensivmedizin in Deutschland – davon, wie der Klinikalltag eines Oberarztes und seines Teams aussieht, wie die Belastung steigt und die Qualität auf den Intensivstationen zugleich „erodiert“, wie der 42 jahre alte Zickler es ausdrückt. Er ist ein Spezialist für Inneres, ist Internist und Nierenarzt. Seit 14 Jahren arbeitet er als Arzt und seit vier Jahren als Oberarzt an der Berliner Charité.

Auf der Intensivstation 43i im Virchow-Klinikum der Charité kämpft der Mediziner an jedem Arbeitstag um das Leben von Menschen, die kritisch krank sind. Ja, es ist ein Kampf, es ist mental und körperlich anstrengend, weiß Zickler zu berichten. Aber sein Beruf macht ihm Spaß, noch immer. „Es gefällt mir sehr gut an der Charité“, betont er im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Dennoch hat der Arzt ein Buch geschrieben, das kritisch auf den Krankenhausalltag blickt.

„Wir wollen Qualität einhalten, werden daran aber immer mehr gehindert“

Er geht darin auch auf verschiedene Fälle von Patienten näher ein oder beschreibt, was er Angehörigen sagt, wenn auf seiner Station ein Mensch verstirbt. Insbesondere gehen dem Oberarzt aber „die strukturellen und organisatorischen Probleme des Systems“ an die Nieren, die es ihm und seinem Team erschweren, ihren Job so zu machen, wie sie es am besten könnten. „Wir wollen Qualität einhalten, werden daran aber immer mehr gehindert und dazu gedrängt, Quantität abzuliefern“, schreibt Zickler und hält außerdem fest: „Das aktuelle System des Erwirtschaftens von Geldern, die nötig sind, um die Kosten zu decken, setzt viele falsche Anreize und sollte zumindest für die Intensivstationen überdacht werden.“ Zickler weiß, dass das Personal in der Intensivmedizin „kaputt“, „müde“ und „frustriert“ ist und dass der Personal- und Ressourcenmangel allen zusetzt – sowohl den Ärzten als der Pflege.

Die Corona-Pandemie habe in den vergangenen zwei Jahren zwar den Fokus auf die Intensivmedizin gelenkt und ihr damit eine öffentliche Basis gegeben. Allerdings habe sie die schwierigen Zustände, die es schon vorher gab, weiter verschärft, meint Zickler. „Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stoßen an ihre Grenzen oder haben für sich bereits eine Konsequenz gezogen.“

Dass die Qualität der Intensivmedizin „erodiert“ beziehungsweise „in Erosion begriffen“ ist, kommt in Zicklers Buch häufiger vor. In der Medizin meint eine Erosion einen Gewebeschaden, in der Geologie eine Abtragung von Gestein. In jedem Fall geht bei einer Erosion etwas verloren, nämlich Substanz. Und das beklagt Zickler. Er will zum Nachdenken anregen, was geschehen muss, damit die Bedingungen für das Intensivstationen-Personal wieder so werden, „dass man es dort länger als ein paar Monate aushält.“ Staat, Politik, Gesellschaft, selbst die Patienten, kurzum alle, müssten ihren Beitrag dazu leisten, findet er. Deshalb hat er sieben „Forderungen“ aufgeschrieben, die ihm besonders wichtig sind.

Das sind die zentralen Forderungen des Charité-Arztes

Reduzieren der Arbeitsbelastung: „Entweder gelingt es uns, mehr Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte zu rekrutieren, und so die Zahl dieser zu erhöhen, oder wir müssen die Zahl der Patienten, die intensiv-medizinisch auf einer Intensivstation betreut werden, reduzieren.“

Weniger Kostendruck: „Wir müssen die Intensivmedizin wieder als Teil der systemrelevanten Daseinsvorsorge begreifen.“

Weniger, aber dafür leistungsstarke Intensivstationen: „Jede Intensivstation muss künftig begründen können, warum sie die kostbare Ressource Personal benötigt und in Anspruch nimmt, wenn gängige Therapieverfahren dem Patienten vor Ort überhaupt nicht angeboten werden können.“

Psychologische Unterstützung: „Psychologische Maßnahmen müssen in Abläufe mit eingebunden werden.“ Dies könne eine große Unterstützung sein, grobe Fehlentwicklungen und Überforderung oder selbstgefährdende Tendenzen bei Mitarbeitenden frühzeitig aufzudecken.

Verbesserte Abläufe, mehr Digitalisierung: „Wir brauchen weitere Unterstützung auf Station, damit sich Ärzteschaft und Pflege auf ihre Kernkompetenz, nämlich die Behandlung von Patienten, konzentrieren können.“

Möglichkeiten zur freien Entfaltung: „Wir werden künftig flexiblere Lösungen für jeden Einzelnen finden müssen.“

Mehr Wertschätzung: „Entscheidend ist, dass die Wertschätzung darüber greifbar wird , dass Arbeitsbedingungen geboten werden, die den Job wieder langfristig durchführbar machen.“

Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Katrin Göring-Eckardt, hat zu Daniel Zicklers Buch ein Vorwort beigesteuert – und sie lobt den Charité-Arzt darin: Man könne aus seinem Buch „keine Bitterkeit herauslesen, wohl aber empathische Erzählungen und eindringliche Beispiele aus dem Alltag eines begeisterten Arztes, der bei aller Erschöpfung nicht an seiner Profession zweifelt“, schreibt Göring-Eckardt. Die Grünen-Politikerin war während der Pandemie in der Charité zu Besuch und habe sich für die Arbeitsbedingungen interessiert, erzählt Zickler. Es freue ihn, dass sie ein solches Signal sende.

Es sei bemerkt: So flüssig und packend wie etwa die Bestseller seines Charité-Kollegen Michael Tsokos („Der Tod auf der Spur“), der freilich kein Intensivmediziner, sondern Rechtsmediziner ist und in seinen Büchern spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin schildert, liest sich Zicklers „Kampf um jeden Atemzug“ eher nicht. Aber das Buch ist in vier interessante Teile gegliedert, angefangen von „Ein wunderbarer Arbeitsbereich“ über „Unter dem Brennglas von Corona“, „Sieben Forderungen – was sich ändern muss“ bis hin zu „Eine bessere Intensivmedizin“. Und der Autor macht sich spürbar stark für eine Verbesserung „des Gesamtpakets Intensivmedizin“, einschließlich aller Menschen, die dort arbeiten. Es ist das Buch eines Oberarztes, der Teamgeist lebt. Und der die Coronapandemie dort erlebt hat, wo sie am schlimmsten war – auf der Intensivstation.

Sein Taschenbuch mit dem Untertitel „Intensivmedizin: Erlebnisse und Forderungen eines Insiders“ ist seit dem 27. April erhältlich (Bonifatius, 272 Seiten, 18 Euro).

Zur Person

Daniel Zickler, Jahrgang 1980, ging 2001 aus seiner Heimatstadt Kiel zum Medizinstudium nach Berlin. Mit seiner Ehefrau und seinen drei Kindern (14, 8 und 4 Jahre) wohnt er in Charlottenburg, in seiner Freizeit ist er mit der Familie so oft es geht auf Spiel- und Sportplätzen, in der Natur oder im Zoo unterwegs. Über die Intensivstation 43i, auf der der Oberarzt tätig ist, ist während der Corona-Pandemie die TV-Dokumentation „Charité intensiv“ (ARD) entstanden. In unregelmäßigen Abständen nimmt er den Podcast „Medicine with Passion“ (Medizin mit Leidenschaft) auf.