Verkehr in Berlin

Autofreie Friedrichstraße verliert laut Studie Besucher

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Seit August 2020 ist ein Abschnitt der Friedrichstraße autofrei. Anrainer sind damit unzufrieden.

Seit August 2020 ist ein Abschnitt der Friedrichstraße autofrei. Anrainer sind damit unzufrieden.

Foto: Carsten Koall / dpa

Mithilfe von GPS-Daten ist analysiert worden, wie sich die Besucherzahlen entwickelt haben. Die Friedrichstraße schneidet schlecht ab.

Berlin. Sie hat die Meinungen von Beginn an gespalten: die sogenannte Flaniermeile Friedrichstraße, also der seit August 2020 autofreie Abschnitt zwischen Französischer Straße und Leipziger Straße. Kritik an dem Verkehrsversuch, der nach Plänen der Senatsmobilitätsverwaltung und des Bezirks Mitte dauerhaft Bestand haben soll, gab es auch immer wieder von Gewerbetreibenden aus der Friedrichstraße sowie aus umliegenden Straßen. Nun hat das im März gegründete Aktionsbündnis „Rettet die Friedrichstraße“ eine mithilfe von GPS-Daten von Smartphones durchgeführte Analyse präsentiert, die dem beauftragten Unternehmen PlaceSense zufolge zeigt: Seit Einführung des Verkehrsversuchs hat die südliche Friedrichstraße an Besuchern verloren.

Betrachtet wurden neben dem autofreien Abschnitt auch der nördliche Teil der Friedrichstraße um den Bahnhof, der Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße über den Zeitraum von April 2019 bis März 2022. Die GPS-Daten, erklärte Jan Barenhoff, Director Business Development Europe bei PlaceSense, würden beispielsweise über Wetter- oder Navigationsapps gewonnen, wenn Smartphone-Nutzer dort eingewilligt haben, ihren Standort zu teilen. Insgesamt seien so Daten von rund 150.000 Handys für die Analyse verwendet worden.

Demnach hätten die Besucher-Frequenzen an der südlichen Friedrichstraße vor dem August 2020 im Schnitt immer 17 Prozentpunkte über dem Niveau der anderen drei Straßen gelegen. „Ab der Einführung des Pilotprojekts gehen die Frequenzen runter“, so Barenhoff. Die autofreie Friedrichstraße habe dann 16 Prozentpunkte unter dem Wert der anderen Straßen gelegen. Das Ziel, die Besucherfrequenzen an der Friedrichstraße zu erhöhen, sei somit durch den Verkehrsversuch nicht erreicht worden.

Friedrichstraße verliert gegenüber anderen Einkaufsstraßen in Berlin

Betrachtet wurde auch explizit die Entwicklung des Fußverkehrs, die anhand der Geschwindigkeit, mit der sich die Smartphone-Nutzer fortbewegt haben, ermittelt wurde. Die Tauentzienstraße habe demnach wieder an das Niveau vor der Pandemie anknüpfen können, ähnlich analysierte PlaceSense die Lage am Kurfürstendamm. Anders sahen die Daten für die „Flaniermeile“ aus. „Die Friedrichstraße erreicht nie wieder das Vor-Corona-Niveau, zumindest bis jetzt nicht“, so Barenhoff.

Absolute Zahlen zum Fußverkehr zeigen: Zwar liegt die südliche Friedrichstraße immer noch über dem nördlichen Teil, der sich ebenfalls noch unter dem Vor-Corona-Niveau bewegt, der Abstand ist allerdings deutlich geringer geworden. Im März kam PlaceSense mit einer Hochrechnung auf rund 1,2 Millionen Fußgänger an der autofreien Friedrichstraße und rund eine Million im nördlichen Abschnitt. Im April 2019 waren es demnach rund 2,2 Millionen Passanten im südlichen Teil gegenüber 1,5 Millionen im nördlichen Abschnitt.

Aktionsbündnis berichtet von 15 Filialschließungen an der Friedrichstraße

Eine Umfrage des Aktionsbündnisses unter Unternehmen in und um die Friedrichstraße bestätigte zudem die Unzufriedenheit vieler. Von 46 Befragten gaben demnach lediglich zwei an, den Versuch positiv zu sehen. Neun bewerteten die Sperrung für Autos neutral, 34 gaben negative Auswirkungen an – wenngleich manche von ihnen dennoch angaben, sich eine Flaniermeile zu wünschen. „Die Situation an der Friedrichstraße ist verheerend“, sagte Anja Schröder, Inhaberin von „Planet Wein“ an der Charlottenstraße. Bislang gebe es 15 Schließungen von Filialen an der Friedrichstraße, fünf weitere dächten über einen neuen Standort nach. Insbesondere in den Nebenstraßen sei das Feedback zum Verkehrsversuch schlecht gewesen – dort staue sich nun entweder der ausweichende Pkw-Verkehr oder es parkten dort Lkw, um Geschäfte an der Friedrichstraße zu beliefern.

Das Aktionsbündnis fordert nun, den Verkehrsversuch sofort zu stoppen, gemeinsam mit der Politik über Alternativen nachzudenken und ein Verkehrs- und Tourismuskonzept für Mitte insgesamt zu entwickeln. Wie Annett Greiner-Bäuerle vom Wirtschaftskreis Mitte sagte, sei man offen für verschiedene Überlegungen – etwa dafür, die Friedrichstraße zu einer Einbahnstraße zu machen oder die Nebenstraßen in verkehrsberuhigte Zonen umzuwandeln. Auch sie betonte aber: „So wie es jetzt ist, geht es für keinen weiter, weder für die Friedrichstraße noch für die Nebenstraßen.“ Die Senatsmobilitätsverwaltung hatte anhand von Passantenbefragungen bislang auf positive Effekte der Sperrung für den Pkw-Verkehr verwiesen. Der Abschlussbericht zum Projekt soll Anfang Mai präsentiert werden.