Ukraine-Flüchtlinge

Starthilfe für ein neues Leben in Altglienicke

| Lesedauer: 6 Minuten
Sibylle Haberstumpf
Helfen mit Rat und Tat: Maria und Günter Vesper (re. und li.) haben in Altglienicke einen Treff für Ukrainer ins Leben gerufen. Mit dabei ist auch Karla Pfeiffer, sie hat die Geflüchtete Wita (2.v.r.) bei sich aufgenommen.

Helfen mit Rat und Tat: Maria und Günter Vesper (re. und li.) haben in Altglienicke einen Treff für Ukrainer ins Leben gerufen. Mit dabei ist auch Karla Pfeiffer, sie hat die Geflüchtete Wita (2.v.r.) bei sich aufgenommen.

Foto: Sven Darmer

In Altglienicke erleichtert ein privat gegründeter Treff ukrainischen Flüchtlingen das Ankommen in Deutschland.

Berlin. Im Gemeinderaum der katholischen Maria-Hilf-Kirche in Altglienicke gibt es Kekse, Tee und starken Kaffee, den Maria Vesper (66) in mehreren Kannen für die rund 30 Gäste gekocht hat. Und es gibt Kuchen. Mit dem Wort „Spasibi“ bedankt sich der kleine Dmitri freudestrahlend und wuselt mit einem Stück auf dem Teller zurück zu seinem Platz. Der Junge ist gerade wieder aufgewacht. Vorher hat er ungefähr eine Stunde lang ruhig auf seinem Stuhl nahe der Heizung geschlafen, ein Kuscheltier an sich gedrückt. Seine ältere Schwester Dasha streichelt ihm dabei den Kopf und hält die kleine Hand des Bruders fest in der eigenen. Den Gesprächen, die die Erwachsenen um sie herum an diesem Nachmittag führen, können die ukrainischen Kinder nicht folgen. Aber dass in diesem Raum Gastfreundschaft herrscht, scheinen sie zu spüren.

Das Ehepaar Maria und Günter Vesper (68) hat vor vier Wochen diesen neuen Treff im Lianenweg 20 ins Leben gerufen. Hier tauschen sich nun jeden Sonnabend um 16.30 Uhr Geflüchtete aus der Ukraine und Menschen aus Altglienicke aus. „Altglienicke 4 Ukraine“ heißt die Gruppe, die sich auch im Nachbarschaftsportal nebenan.de online vernetzt hat. Zum ersten Treffen kamen rund 40 Leute – zur Hälfte Ukrainer, insbesondere Frauen mit Kindern, zum anderen Teil deutsche Gastgeber und Helfer.

„Wir fragen, was die Menschen brauchen“, erklärt Maria Vesper. Kleidung, Schuhe, Fahrräder, Deutschkurse und vieles mehr haben sie schon organisiert. Und auch mit anderen praktischen Ratschlägen wird geholfen: „Ab 15 Jahren können Flüchtlinge drei Monate lang kostenlos beim Fitnessstudio McFit trainieren, sie bekommen dort eine Karte und können damit in allen Filialen trainieren“, hat Günter Vesper herausgefunden. Für die jugendlichen, sportbegeisterten Söhne, die zwei Mütter mitgebracht haben, ist das eine richtig gute Neuigkeit.

Helfer: „Flucht und Vertreibung beherrschte unsere Kindheit“

Unterstützen, Fragen beantworten, Türen öffnen: In vielen Ortsteilen Berlins entstehen jetzt solche Gruppen des Austausches wie in Altglienicke. Hauptsächlich kreisen die Fragen von ukrainischer Seite um das Registrierungsverfahren, Sozialhilfe, Arbeits- und Wohnungssuche. Besonders kundig auf diesem Gebiet ist Holger Gringmuth (65), der bei der Johanniter-Unfallhilfe im Ankunftszentrum im ehemaligen Flughafen Tegel als Helfer arbeitet. Er und seine Frau haben seit vier Wochen selbst zwei Mütter mit Söhnen aufgenommen. Russisch oder Ukrainisch spricht er nicht. „Die Kommunikation ist eine Herausforderung, wir benutzen Hand und Fuß, zeigen und lernen“, sagt der 65-Jährige. Über seine Beweggründe sagt er: „Meine Eltern stammen aus dem Osten, aus Schlesien. Meine Frau und ich haben beide eine große Familie mit vielen Geschwistern, alle kennen Armut. Dieses Thema, und auch Flucht und Vertreibung, beherrschte unsere Kindheit. Jetzt helfen wir, weil wir es können.“

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Im Gemeindehaus in Altglienicke ist zwar ein Übersetzer dabei: Igor, ein älterer Ukrainer im Rollstuhl, der seit einigen Jahren in Berlin lebt. Allerdings verzettelt sich Igor des Öfteren und kann nicht alles passend übersetzen. Manchmal schüttelt er den Kopf und flucht leise über sich selbst „Ich bin ein Idiot“ – was wiederum zu allgemeinem Schmunzeln im Raum führt. Holger Gringmuth wiederholt immer wieder geduldig, was Igor den Ukrainern sagen soll, doch manches bleibt trotzdem im Vagen.

Ins Gespräch zu kommen ist also gar nicht so leicht. „Wir haben hier kein Schema F, keiner ist darin geübt“, sagt Günter Vesper mit einem Achselzucken. „Aber wir probieren es einfach aus.“ Er nutzt auch technische Hilfsmittel: Vesper hat einen Lautsprecher mitgebracht, den er mit seinem Smartphone verbunden hat. Über eine kostenlose Übersetzer-App spricht er Sätze in sein Handy, die dann übersetzt werden. Allerdings klappt das in der Praxis nicht immer optimal, immer wieder gibt es Ausfälle. Man muss sehr klar und präzise formulieren, sonst endet die Übersetzung im Kauderwelsch.

Kinder schauen gemeinsam „Paw Patrol“ und verstehen sich

Die beiden Kinder Dasha und Dmitri sind mit ihren Eltern aus Charkiw nach Deutschland geflüchtet und bei Melanie Steinert und ihrer Familie in Altglienicke untergekommen. Verständigungssprache ist das etwas eingerostete Deutsch, das die junge ukrainische Mutter Tetiana auf Anraten ihrer Oma einst – „zum Glück!“ – als Schülerin in der Ukraine gelernt hat. Und die Kinder verstehen sich unkompliziert mit Melanie Steinerts Kindern: Auch ohne gemeinsame Sprache lachen sie über die lustige Trickserie „Paw Patrol“, die in Deutschland als auch in der Ukraine ein Hit im Kinderfernsehen ist.

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Warum nimmt Familie Steinert die Familie bei sich auf? „Wir machen das aus absoluter Überzeugung, ich finde, das gehört sich jetzt einfach“, sagt Melanie Steinert. „Und wir haben auch den Platz dafür.“ Tetiana und ihr Mann, der wegen einer Beeinträchtigung nicht in seiner Heimat bleiben musste, fliehen sogar schon zum zweiten Mal vor dem Krieg: Vor acht Jahren aus in ihrem damaligen Wohnort am Donbas – und diesmal soll die Flucht für immer sein. In Deutschland wollen die beiden versuchen, in der IT-Branche zu arbeiten – ihre bisherigen Qualifikationen müssen dafür aber noch anerkannt oder erweitert werden. Auf dem Weg, sich in Deutschland zu integrieren, will Melanie Steinert ihnen helfen.

Treptow-Köpenicks Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) lobt die vielen Helfer, die „in einem Akt der Solidarität“ Menschen bei sich aufgenommen hätten. „Dies war nicht geplant, sondern spontane Hilfsbereitschaft“, so Igel. Nach dem Ankommen und Einleben seien aber noch etliche Fragen zu klären: zum Gesundheitszustand, zur Beschulung der Kinder, zur finanziellen Unterstützung der Geflüchteten und viele mehr. Zur Klärung solcher Fragen lädt Igel jetzt zu einer Videokonferenz am Mittwoch, 20. April, von 18 bis 20 Uhr ein. Anmelden kann man sich bis zum 18. April per Mail an: integration@ba-tk.berlin.de.