Hilfe für Flüchtlinge

Tanzen Sie mit diesen Profis für ukrainische Kinder

| Lesedauer: 7 Minuten
Sibylle Haberstumpf
Die Profitänzer Jelena Kölble, Berkay Cihan, Lisa Laiblin und Johannes Hofmann vom Ahorn Tanzclub wollen geflüchteten ukrainischen Kindertanzpaaren und ihren Trainern helfen.

Die Profitänzer Jelena Kölble, Berkay Cihan, Lisa Laiblin und Johannes Hofmann vom Ahorn Tanzclub wollen geflüchteten ukrainischen Kindertanzpaaren und ihren Trainern helfen.

Foto: Sven Darmer

Hobbytänzer aufgepasst: Am 9. April tanzen Profis mit euch. Ein Kurs kostet 10 Euro pro Person. Der Erlös geht an ukrainische Kinder.

Berlin. Tango, Rumba, Salsa: Wer diese lateinischen Tänze schon immer einmal von einem Profitänzer lernen wollte, hat jetzt die Chance dazu. Und das für nur zehn Euro pro Kurs auch noch für einen guten Zweck: „Das Geld geht komplett an die Kinder“, versichert Turniertänzer Johannes Hofmann (31) vom Ahorn-Tanzclub in Kreuzberg. Die Kinder – gemeint sind damit ukrainische Kindertanzpaare, die gerade nach tagelanger Flucht in Deutschland angekommen sind. Sie stammen aus allen Teilen ihres kriegserschütterten Heimatlandes. Es sind acht Kinder im Alter von elf bis 14 Jahren, die mit sieben Müttern und zwei Trainerinnen unterwegs sind. Eines der Kinder ist ohne Eltern geflüchtet.

Derzeit ist die Gruppe in Passau – aber die vier Berliner Tanzprofis Jelena Kölble (31), Lisa Laiblin (31) Berkay Cihan (30) und Hofmann haben für sie einen ehrgeizigen Plan. Sie wollen sie nach Berlin holen, ihnen eine Unterkunft zur Verfügung stellen und vor allem: ihnen in ihrem Verein Training ermöglichen, damit die Kinder sich für die weltberühmten Blackpool-Meisterschaften im Mai vorbereiten können. Denn unter den jungen Flüchtlingen sind auch die amtierenden U-12-Weltmeister im Paartanz. „Sie wollen unbedingt tanzen, auch unter dem Eindruck des Krieges und ihrer Flucht. Uns wurde berichtet, das erste, was die Kinder vor der Flucht in ihre Taschen gepackt hätten, seien ihre Tanzschuhe gewesen“, berichtet Hofmann. „Das war für uns sehr berührend.“

Er und seine drei Mitstreiter wollen nun Geld für sie sammeln. Die einstündigen Tanzkurse gehen am Sonnabend, 9. April, im Ballhaus Kuchus, Wilhelmstraße 115, 10963 Berlin, über das Parkett des wunderschönen, historischen Tanzsaales. Jeder kann sich dafür anmelden, ob Anfänger, Hobbytänzer oder Fortgeschrittener, und zwar per E-Mail an: berlinforukraine@ahornclub.de. Los geht es um 17 Uhr mit dem Kurs Walzer und Cha-Cha, um 18.15 Uhr beginnt Tango und Rumba und 19.30 Uhr folgt der Salsa-Kurs.

Neben dem Hobbytänzertag auch Workshop-Camp für Profitänzer

Die vier Tänzer leiten die Kurse, und obendrein organisieren sie ein viertägiges Tanz-Event. Nach dem Hobbytänzertag am 9. folgt noch am 10., 11. und 12. April einen Workshop-Camp für Profitänzer, bei dem die Kurspreise dann auch wesentlich höher sind. „Alle Einnahmen gehen zu 100 Prozent an die Kinder, wir arbeiten komplett ehrenamtlich“, sagt Hofmann. Er und seine Partnerin Lisa und das Paar Jelena und Berkay sind alle international erfahrene Paarturniertänzer. Mehrmals waren sie bei Turnieren auch schon in der Ukraine, haben vor wenigen Jahren sogar schon mal in der Stadthalle am Majdan in Kiew getanzt. Lisa Laiblin findet den Krieg unerträglich, sagt sie.

„Mich hat die Nachricht so erschüttert, dass ich gleich dachte: Wir können jetzt nicht einfach so weitermachen, wir müssen etwas tun. Ich habe gleich am Hauptbahnhof mitgeholfen. Und schließlich entstand der Gedanke, das Helfen mit dem Tanzen zu verbinden.“ Die 31-Jährige ist neben dem Tanzen noch Lehrerin an einer Grundschule und spricht russisch, ebenso wie Jelena Kölble. Die vier Tänzer kennen selber zahlreiche russische sowie ukrainische Tanzkollegen. „Beide Nationen bringen schon seit vielen Jahren sehr starke Tänzer hervor. Dass die beiden Seiten nun im Krieg gegeneinander stehen, ist absurd“, findet Laiblin.

Tanz-Star Karina Smirnoff kommt aus Los Angeles zum Helfen nach Berlin

Von den Kindern bekommen die Berliner durch deren ukrainische Trainerin Naira mehrmals in der Woche Eindrücke per Video-Call geschildert. Für die Kinder bedeute Tanzen einen wichtigen Teil ihres Lebens. Einige seien von der Flucht und von der Trennung von ihren Vätern „ängstlich und traurig“, berichtet Hofmann. Die Trainerin habe aber festgestellt, dass das Tanzen die Kinder stabilisiere – deshalb versucht sie, mit ihnen in Passau auch so gut es geht zu üben. Sie habe die Kinder während der Flucht gefragt, wovor sie am meisten Angst hätten – und die Antwort der Kinder gehe zu Herzen, meint Hofmann: Sie hätten am meisten Angst davor, „dass wir nicht mehr tanzen können.“

Weitere junge Tanzpaare und ihre Trainer, die auch zu der Gruppe gehören, sind derzeit noch in anderen Ländern auf der Flucht. Insgesamt könnten es etwa 30 Personen werden, die nach Berlin kommen sollen. Spendengeld ist nötig, um ihren Transport, ihre Unterkunft und neue Tanzausrüstung zu finanzieren. Mit privaten Spenden bringt sich derzeit die Tänzerin und Choreographin Karina Smirnoff (44) ein. Sie ist ein Star in der Tanz-Community, lebt in Los Angeles – und hat den vier Berliner Tänzern sofort zugesagt, auf eigene Kosten und ohne Gage die Profi-Workshops im April in der Wilhelmstraße zu leiten.

Das sei ein Hammer, findet das Tänzer-Quartett vom Ahorn-Club. Daneben werden sogar noch weitere hochrangige Trainerpersönlichkeiten Einzeltraining geben. Geflüchtete ukrainische Profitänzer dürfen daran übrigens umsonst teilnehmen, einige haben sich auch schon angemeldet. 45 Minuten Einzeltraining kosten 150 Euro. Alle Einnahmen gehen zunächst auf das Vereinskonto des Tanzclubs und werden dann für die ukrainischen Kinder eingesetzt.

Spenden-Tanzprojekt in Berlin soll auch ein Appell an andere Städte sein

Momentan beschäftigen sich die vier Tänzer jeden Tag mit ihrem Projekt. Vor allem die Suche nach einer Unterkunft ist schwer. „Wie sind dafür auf der Suche nach einem Haus, wo die Gruppe zusammen bleiben kann. Der Plan ist, etwas in Brandenburg zu finden, weil es in Berlin schwierig ist. Wir fragen sämtliche Menschen in unserem Bekanntenkreis ab, die Hotels und Pensionen betreiben. Wir müssen und werden eine Unterkunft finden“, sagt Berkay Cihan. Ziel ist, dass die Kinder um den 23. April herum nach Berlin kommen. „Sie sollen dann bei uns im Tanzsaal trainieren.“

„Wir wollen Nothilfe leisten und planen erstmal eine Unterbringung von sechs Monaten“, erklärt Hofmann. Und würden die zwölfjährigen ukrainischen Weltmeister im Mai tatsächlich die Blackpool-Meisterschaften gewinnen, trotz Trainingsrückstand, Flucht und Trauer, wäre das ein „ein unfassbarer Traum“, sagt Hofmann. Sie könnten mit ihrem Projekt dazu vielleicht ein Stück beitragen. „Wir geben unser Bestes.“ In Deutschland sei ihr Spenden-Tanzprojekt bisher wohl einzigartig, meint Cihan. „Aber das soll sich jetzt richtig rumsprechen und es soll auch ein Appell sein an andere Städte, in denen es viele Tänzer gibt, so etwas dort auch zu machen“, wünscht er sich.

Info: Wer tanzen und spenden will, ist am 9. April im Tanzsaal in der Wilhelmstraße 115, 10963 Berlin, willkommen. Anmelden bitte vorher per Mail: berlinforukraine@ahornclub.de. Kosten: 10 Euro pro Person und pro Kurs.