Krankenkassen-Bilanz

Cannabis auf Rezept: Deutlich weniger Anträge in Berlin

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Manche Patienten dürfen Cannabis legal wegen einer Erkrankung rauchen.

Manche Patienten dürfen Cannabis legal wegen einer Erkrankung rauchen.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Seit fünf Jahren können schwer kranke Menschen Cannabis-Blüten auf Rezept bezahlt bekommen. Die Barmer hat Bilanz gezogen.

Berlin. In Berlin sinkt die Zahl der Anträge auf eine Erstattung von Cannabis auf Kosten der Krankenkassen. Bei der Barmer in Berlin gingen im Jahr 2019 noch 414 Anträge ein, im Jahr 2021 nur noch 251. Insgesamt wurden seit dem Inkrafttreten des Gesetzes im März 2017 in der Hauptstadt 1538 Anträge auf cannabishaltige Arzneimittel eingereicht. Drei Viertel davon wurden bewilligt. So kamen rund 10.000 Verordnungen im Wert von etwa 5,3 Millionen Euro zustande.

„In einem therapeutischen Gesamtkonzept kann Cannabis einen wichtigen Beitrag zum Beispiel bei der Behandlung von Schmerzen, von Spastiken oder von Übelkeit und Erbrechen in Zusammenhang mit einer Krebstherapie leisten“, sagt Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der Barmer Berlin/Brandenburg. „Der große Hype um Cannabis scheint vorbei zu sein, und es wird gezielter eingesetzt“. In Studien müssten die komplexen Wirkmechanismen von Cannabis untersucht werden, um sie besser zu verstehen und sie in die Behandlung zu integrieren.

Mehr Anträge in Berlin als in anderen Bundesländern

Bei den Anträgen auf cannabishaltige Arzneimittel hat die Barmer große regionale Unterschiede festgestellt. In Berlin wurden 355 Anträge pro 100.000 Barmer-Versicherte gestellt - nur im Saarland und in Bayern waren es mehr. Am wenigsten stellten Versicherte in Sachsen einen entsprechenden Antrag.

Winfried Meißner, Leiter der Sektion Schmerztherapie am Universitätsklinikum Jena, sieht jedoch viele Hoffnungen für die Therapie von Schmerzpatienten nicht erfüllt. Diese Hoffnungen seien durch die große mediale und politische Aufmerksamkeit für das Thema geweckt worden. „Und das steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu den Daten, die wir haben.“ Diese zeigten, dass es für gewisse Symptome zwar medizinische Effekte gebe - „dass die aber in vielen Fällen maßlos überschätzt werden“.

In der Schmerztherapie gebe es eine kleine Gruppe von Patienten, bei denen Cannabis schmerzlindernd wirken könne - etwa bei Patienten mit Rückenmarksverletzungen, Multipler Sklerose oder mit HIV. Hier sei in hochwertigen Studien eine gewisse Wirksamkeit beschrieben worden. Diese sei aber nicht sehr groß. „Bei keiner dieser Schmerzarten gilt Cannabis als Mittel erster Wahl.“

Für viele andere Schmerzen wie Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen hätten sich die Hoffnungen ganz klar nicht erfüllt. „Dort sehen wir fast überhaupt keine Effekte.“ Einige Patienten berichteten jedoch davon, dass der Schmerz zwar gleich bleibe, sie sich aber besser fühlten durch die „angenehmen Auswirkungen“ der Cannabis-Einnahme. Dort müsse man sich aber fragen, ob das Sinn der Behandlung sei. „Mit dem gleichen Argument könnte man auch ein Glas Rotwein verschreiben, da berichten Patienten bisweilen ähnliches.“

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( BM/dpa )