Ukraine-Krieg

Geflüchtet: Auf der Fahrt ins Ungewisse in Berlin gestrandet

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Uta Keseling
Ukrainische Flüchtlinge bei der Ankunft am Berliner Hauptbahnhof in der Welcome Hall

Ukrainische Flüchtlinge bei der Ankunft am Berliner Hauptbahnhof in der Welcome Hall

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Am Berliner Hauptbahnhof kommen Tausende Menschen aus der Ukraine an. Viele wissen nicht, wie es für sie weiter geht.

Berlin. Es sind jetzt wohl 13 Stunden, Dimitri schaut auf die Uhr, dass er Fragen um Fragen beantwortet. „Wo geht es zu meinem Zug, wo gibt es medizinische Hilfe, wo gibt es SIM-Karten fürs Handy, Essen, Toiletten“, im Minutentakt prasseln die Fragen auf den 34-Jährigen ein. Dimitri lebt in Zürich, eigentlich wollte er nur übers Wochenende seinen Bruder in Berlin besuchen. Jetzt steht er seit Sonntag um Mitternacht im Willkommenszelt der Berliner Stadtmission am Hauptbahnhof, seine Stimme wird langsam heiser, aber ein paar Fragen gehen noch. Er habe sich spontan entschlossen zu kommen, als er hörte, dass am Hauptbahnhof dringend russischsprachige Helfer gesucht werden, sagt er. Dimitris Familie kam 2008 aus Minsk. Er spricht Russisch und Ukrainisch. Eigentlich macht er in Zürich gerade seinen Doktor in Wirtschaftsinformatik – „aber das hier ist jetzt wichtiger“.

Viel Zeit, das Erlebte zu verarbeiten, hatte er noch nicht. Erschüttert haben den Helfer vor allem die älteren Menschen. Eine weinende, verwirrte alte Dame, ganz allein, mitten in der Nacht. Ein Mann, der im Zelt einen Herzinfarkt bekam. „Und dann sind da so viele Menschen, die einfach überhaupt nicht wissen, wohin.“ Der Übersetzer muss alle Fragen beantworten, „auch wenn ich vieles gar nicht verstehe“, etwa das System der Registrierung.

Auch am Mittag kommen in den Zügen aus Warschau an Gleis 14 wieder alte und kranke Menschen an. Ein Bahn-Mitarbeiter begleitet einen zahnlosen Greis ins Willkommenszelt. Drinnen sitzt eine Frau, etwa 60, und weint und weint. Er habe Mütter gesehen, die ihre Kinder auf dem Arm trugen, sagt Dimitri, „sie hatten nicht einmal einen Kinderwagen dabei“. Bis zu fünf unbegleitete Kinder und Jugendliche nehmen sie hier in Empfang. Mitarbeiterinnen des Jugendschutzes sind anwesend. In der Nacht zu Montag haben die Helfer für einen Mann den Notarzt gerufen, der im Willkommenszelt einen Herzinfarkt hatte – kein Einzelfall. Seit 1. März sei die Berliner Feuerwehr mehr als 200 Mal zur medizinischen Betreuung von Geflüchteten bereits alarmiert worden, teilte die Berliner Feuerwehr mit – die meisten Einsätze gab es am Hauptbahnhof.

Viele Menschen übernachten in „Wärme-Zügen“ der Bahn

Allein von Freitag bis Sonntag sind rund 18.000 Menschen in Zügen und Bussen nach Berlin gekommen, so die Senatssozialverwaltung. Die tatsächlichen Zahlen sind höher – Geflüchtete, die individuell anreisen, werden nicht gezählt. Allein am Hauptbahnhof kommen täglich rund 4200 Geflüchtete in Zügen aus Polen an. Und nach wie vor sind es vor allem Freiwillige, die die Menschen am Bahnhof mit den Dingen versorgen, die sie am wichtigsten brauchen. Etwas zu essen, einen Ort zum Ausruhen – und Informationen, wie es nun weitergeht. Auf der Zwischenebene kümmern sich Helfer um Menschen, die eine Unterkunft suchen, die Hilfe mit Tieren, Kindern oder in anderen Fragen brauchen. Es gibt kostenlose Coronatests – und vor allem Fahrkarten in andere deutsche Städte. Rund 15 Bahnmitarbeiter stellen die kostenlosen Tickets an mehreren provisorischen Schaltern aus. Für rund 100 Ankommende brauchen sie dafür am Mittag 20 Minuten. Der Vorwurf, es herrsche „Chaos“ am Hauptbahnhof, trifft nicht immer und überall zu.

Das Willkommenszelt am Washingtonplatz etwa: Es hat seit Mittwoch rund um die Uhr geöffnet. 400 Menschen passen hinein. Wenn Züge ankommen, füllt es sich, doch viele Gäste bleiben nur kurz. Sie nutzen die Toiletten, bekommen eine warme Suppe, können sich draußen kostenlose SIM-Karten für die Handys holen, dann warten Busse zu den Unterkünften. Drinnen gibt es eine Spielecke mit Maltisch für Kinder und Tische und Bänke zum Hinsetzen. Acht Helfer der Stadtmission sind in drei Schichten für die Menschen da. Dazu medizinisches Personal und Übersetzer wie Dimitri.

Und doch reicht es nicht, sagen die Helfer. Denn Schlafplätze bietet die Stadtmission am Bahnhof nicht. Zwar bringt das Land Berlin mittlerweile täglich gut 1000 Menschen unter. Weitere 1100 werden mit Bussen in andere Bundesländer gebracht. Dennoch haben viele Menschen in den vergangenen Nächte am Hauptbahnhof übernacht – teilweise in geheizten „Wärme-Zügen“ der Bahn. Darunter waren auch Menschen, die aus der gerade eingerichteten Unterkunft am Messegelände wieder zurückkamen, berichten Helfer. Das karge Massenquartier aus 1000 Klappbetten hatte sie abgeschreckt.

Auch Anna und Oksana sind Freundinnen, sie sind mit ihren Kindern Diana und Nikita geflohen und haben in Berlin einem „Wärme-Zug“ übernachtet. Sie kommen aus der Region Donbass, die Eltern sind zu Hause geblieben, die Väter im Krieg. Jetzt wollen sie nach Bremen. Sie hoffen, dass sie nach zwei oder drei Monaten zurück nach Hause können – „wenn es die Ukraine dann noch gibt“, sagen sie traurig. „Und schreiben Sie: Wir wollen keinen ,russischen Frieden’, wie es Putin androht. Sondern unser freies und unabhängiges Land zurück.“