Debatte

Straßennamen - „Berlin muss auch zur Vergangenheit stehen“

| Lesedauer: 7 Minuten
Für die Martin-Luther-Straße wird von der Studie eine Umbenennung vorgeschlagen.

Für die Martin-Luther-Straße wird von der Studie eine Umbenennung vorgeschlagen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Unsere Leserinnen und Leser zeigen kein Verständnis für die Umbenennung von Straßen – und plädieren für erklärende Hinweistafeln.

Im Dezember vergangenen Jahres wurde eine Studie des Leipziger Politologen Felix Sassmannshausen zu den Berliner Straßennamen veröffentlicht, die er im Auftrag des Berliner Antisemitismusbeauftragten Samuel Salzborn erstellt hatte. Ihr zufolge weisen in der Hauptstadt 290 Straßen- und Platznamen antisemitische Bezüge auf – darunter die Martin-Luther-Straße, die Richard-Wagner-Straße oder der Kaiserdamm. Das Gutachten empfiehlt in zahlreichen Fällen die Umbenennung.

Seitdem wurde das Thema in der Berliner Morgenpost aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. In einem Gastbeitrag sprach sich der Historiker Michael Wolffsohn für eine behutsame Kontextualisierung aus, während Paul Spies, Direktor der Stiftung Stadtmuseum, in einigen Fällen für eine Umbenennung plädierte.

Samuel Salzborn erklärte im Interview die Hintergründe der Studie, und Reporter der Berliner Morgenpost informierten über die Diskussion in den Bezirken. Heute dokumentieren wir die Reaktionen unserer Leserinnen und Leser. Wir bitten um Verständnis, dass wir nicht alle Zuschriften veröffentlichen können und einige in gekürzter Form dokumentieren.

Björn Specht, Französisch-Buchholz

Was kommt als nächstes? Wird das neue Testament nur noch mit Begleittexten und Anmerkungen gedruckt? Schließlich basieren ja die Denkweisen der ach so bösen Namensgeber auf dem damaligen Denken, welches auf einer Interpretation des Neuen Testaments beruht. Macht der Umbenennungswahnsinn da etwa Halt? Ein Wagner kommt ja schon mit seinen Werken in Sippenhaft! Die Namensgeber haben etwas für den deutschen Staat geleistet. Deshalb wurden sie geehrt. Alternativ müssen alle Straßen und Plätze durchnummeriert werden und keine Namen mehr tragen.

Herbert Nikolaus, Frohnau

Der Initiator dieses Themas sollte sich klar darüber sein, das seine Denkweise keiner für die heutige Zeit erforderlichen Toleranzdenkweise entspricht und nur eine massive Verärgerung in der Bevölkerung hervorruft. Ich habe volles Verständnis für eine solche Initiative, wenn diese in direktem Zusammenhang mit Personen des Holocaust steht, nicht jedoch, wenn Persönlichkeiten des
14. bis 18. Jahrhunderts betroffen sind. Die Straßennamen würdigen Persönlichkeiten, die sich in kultureller, technischer oder wissenschaftlicher Weise Verdienste erworben haben, auch wenn sie aus heutiger Sicht nicht akzeptable rassistische Einstellungen hatten.

Jürgen Voss, via Email

Es ist unverständlich, womit sich Sozialwissenschaftler beschäftigen. Es geht um das unsinnige Thema der Straßenumbenennung. Es stehen da Persönlichkeiten auf dem Papier, auf die man als Normalbürger nie kommen würde. Hier fällt zum Beispiel ein Herr Richard Wagner in Ungnade, eine Persönlichkeit. die seit Jahrzehnten geachtet und geehrt wird. Oder Martin Luther. Bei ihm gab es Ehrungen, das Lutherjahr etc., und nun soll alles falsch gewesen sein?

Gabriele Grieser-Richter, via Email

Es wird die Frage gestellt, „mit welchen Straßennamen sich Berlin repräsentieren möchte“. Dazu ist zu sagen, dass sich Berlin mit seiner sowohl schmerzlichen als auch historischen Seite repräsentieren sollte, und dazu gehören auch seine Straßennamen, bei denen sich leicht mit kleinen erklärenden Zusätzen auch sog. „problematische“ Namen erhalten lassen. Gerade bei den Namen Richard Wagner als auch Martin Luther werden nicht die Denkweisen, sondern die Bedeutung für die Musikgeschichte bzw. des Protestantismus durch Benennung einer Straße gewürdigt. In diesem Zusammenhang sei nochmals auf den Beitrag von Herrn Wolffsohn hingewiesen, in dem er fordert, Licht und Schatten zu akzeptieren. Umbenennungen können weder die Geschichte noch die Denkweisen der Menschen ändern, ja, sie würden sogar Menschen in ihren abwegigen Meinungen noch bestärken.

Bernd Lange, via Email

Haben wir eigentlich in Berlin nicht ganz andere Sorgen? Man kann sich nur an den Kopf fassen. Wenn man Umbenennungen ernsthaft in Erwägung zieht, dann sollte man alle 9500 Straßen Berlins prüfen. Da ist bestimmt noch mehr drin, um vielleicht die Hälfte davon umzubenennen. Ich denke da auch an Volksschädiger, Hetzer, Kriegstreiber, Kommunisten etc. wie zum Beispiel Kaiser, Könige, Feldherren, Generäle, Kirchenfürsten bis zurück ins Mittelalter und die Antike. Man sollte wirklich die Kirche im Dorf lassen und gegebenenfalls an bestimmten Straßenschildern ergänzende Erklärungen anbringen. Berlin muss auch zur Vergangenheit stehen.

Heide Binner, via Email

Es ist doch eine Krux mit den Menschen und ihren Wertvorstellungen: heute hui, morgen pfui. Man bedenke, wie viele „Ehrenbürger“ des letzten Jahrhunderts die Ehre nicht wert waren... und nun sogar Luther und Wagner! Am besten, man benennt Straßen nur noch nach Nummern, auch Tiere oder Blumen sind unverdächtig – fleischfressende und giftige Pflanzen mal ausgenommen. Auch das Weltall mit seinen unzähligen Sternen oder die Geologie bieten unverfängliche Bezeichnungen. Also los! Schildermaler haben goldene Zeiten vor sich!

Eugen Koenig, via Email

Allmählich werden die ständigen Vorschläge zu Umbenennungen Berliner Straßen aus unterschiedlichsten Gründen schon zum Ärgernis. Egal, ob der eine oder andere historische Name auch eine Schattenseite hat, wäre eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, gegebenenfalls auch durch eine Hinweistafel, allemal weiser als, dem jeweiligen Zeitgeist oder Partikularinteressen folgend, den ein oder anderen Namen „ausradieren“ zu wollen – das erinnert schon an einfältige Bilderstürmerei. Es bleibt zu hoffen, dass diese maßlose Forderung nach der Umbenennung Hunderter Straßen, das Gegenteil zur Folge – nämlich das Nachdenken über Sinn und Unsinn solcher Änderungen.

Hartmut Weiß, Gatow

Mit Umbenennungen von Straßen und Plätzen können wir die Geschichte nicht verbessern; vielmehr sollten Erklärungstafeln auf die Problematik aufmerksam machen. Aber die Ausführungen von Herrn Spies mit der Tendenz, dass jede kritische Persönlichkeit mit Antisemitismusfärbung mit nationalsozialistischen Holocaustschergen gleichzusetzen ist, geht mir zu weit und ist vor allem Wasser auf den Mühlen des uneinsichtigen rechten Randes unserer Bevölkerung, wie wir es analog mit der Pandemie erleben.

Karin Rohde, via Email

Es kann nicht sein, dass Geschichte durch Löschung von Straßennamen verändert wird. Selbst Herr Barenboim hat Freude an Wagners Musik. Vielleicht kommt man noch auf die Idee, die Wagner-Festspiele zu verbieten. Ebenso ist es unverständlich, Martin Luther aus unseren Straßennamen zu entfernen. Wittenberg hat vor einiger Zeit 500 Jahre Martin Luther gefeiert. Das war doch nicht verkehrt. Was in unserer Stadt geschehen soll, ist mir als gebürtige Berlinerin unverständlich. Es steht Herrn Spies nicht zu, uns Empfehlungen zur Umbenennung von Straßennamen zu geben.

C. Dexel, via Email

Es wird sich sicherlich am Ende keine Mehrheit für Umbenennungen von Straßen und Plätzen finden. Da dieses Thema in Berlin politisch-ideologisch motiviert ist, wird es dennoch dazu kommen, wetten?

( BM )