Lieferservice

Lieferando: Kuriere demonstrieren in Berlin

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Lieferando-Mitarbeiter demonstrieren am Freitag vor dem Lieferando-Hauptquartier in Kreuzberg.

Lieferando-Mitarbeiter demonstrieren am Freitag vor dem Lieferando-Hauptquartier in Kreuzberg.

Foto: Patrick Goldstein

Die Mitarbeiter von Lieferando demonstrierten vor dem Hauptquartier in Berlin-Kreuzberg für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen.

Berlin. Wenn diese Pandemie einmal vorbei ist, werden Bilder zurückbleiben. Etwa von Menschen mit Masken, von leeren Innenstädten und Fahrrad-Kurieren, die unterwegs sind, um bestelltes Essen zu liefern. Das Geschäft jener Unternehmen boomt. Durch Corona. Am Freitagmittag stellten die Fahrer von Marktführer „Lieferando“ bei einer Kundgebung vor dessen Kreuzberger Zentrale lautstark ihre Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen auf. Wenn das Geschäft so gut läuft, wollen sie nicht zu kurz kommen. Unterstützung kam von eine Reihe Politiker.

Faire Bedingungen für die gesamte Branche

Aufgerufen zum Protest hatte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Sie betont, nicht nur für Lieferando-Mitarbeiter, sondern für die gesamte Branche ein faireres Arbeiten durchsetzen zu wollen. Insbesondere Lieferando verzeichne Umsatzrekorde, weil immer mehr Menschen Essen zu Hause bestellten, so die Gewerkschaft. Fahrerinnen und Fahrer hätten dabei aber oft nur prekäre Jobs und arbeiteten zu Niedriglöhnen.

Immerhin hatte das Unternehmen, das zu Mutterkonzern „Just Eat Takeaway“ gehört, von diesem Jahr an die Bezahlung ihrer Kuriere, der „Rider“, verbessert: Vom Mindestlohn auf jetzt elf Euro. Hinzu kommen bei großer Ausliefer-Leistung der Fahrer ein Bonus pro Stunde sowie, ebenfalls nicht als garantierte Einnahme, Trinkgeld.

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Das aber sei laut Gewerkschaft nicht genug. Unter anderem soll der Lohn laut NGG auf 15 Euro steigen und ein flächendeckender Tarifvertrag abgeschlossen werden. Christoph Schink, NGG-Referatsleiter für das Gastgewerbe erklärte, dies sei insbesondere in den Großstädten zu niedrig, „um in Zeiten steigender Mieten und Verbraucherpreise über die Runden zu kommen“.

Lieferando-Pressesprecher Oliver Klug widersprach. Lieferando-Fahrer verdienten durchschnittlich mehr als 13 Euro pro Stunde, hätten eine sichere Anstellung, zu der Urlaubsentgelt, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und eine umfassende Versicherung gehören.

Geld für den Alltag

Darüber hinaus erhielten sie eine 20-teilige Ausstattung. „Über 90 Prozent aller Fahrer beziehen lohnergänzende Boni“, sagte Klug. „Wir bezuschussen unser Beschäftigungsmodell zugunsten einer fairen, sicheren Anstellung, obwohl wir mit der Auslieferung noch immer Verluste erwirtschaften.“

Von seinem Leben als Lieferando-Fahrer erzählte am Rande der Kundgebung der 26 Jahre alte Leonard Müller. Er sei nach dem abgeschlossenen Studium nach Berlin gekommen, um hier einen der zahlreichen Medien-Jobs zu finden. Dann kam Corona und bremste ihn bei der Suche aus. Weil es galt, Geld für den Alltag und sein kleines Einzelapartment zu verdienen, nahm er vor 14 Monaten eine Anstellung beim Lieferdienst mit den orangefarbenen Jacken an.

1,80 Euro Trinkgeld

„Eine übliche Woche für mich bedeutet sechs Arbeitstage mit jeweils rund fünf Stunden. Dabei dann bei Wind und Wetter auch mal sieben bis acht Kilometer zum Kunden fahren, der wohnt dann im fünften Stock, kommt einem auf der Treppe nicht entgegen. Und das für elf Euro – das ist schon manchmal hart.“ Durchschnittlich 1,80 Euro Trinkgeld nimmt Müller pro Stunde ein.

Eine spezielle App teilt den Ridern jederzeit mit, in welchem Imbiss oder Restaurant es Essen abzuholen und zu welchem Kunden zu bringen gilt. „Man arbeitet zu Zeiten, wo Freunde freihaben – das beeinträchtigt das Sozialleben.“ Das Bonus-System belohne zwar Rider ab der monatlich 26. Lieferung mit dann zusätzlich 25 Cent pro Lieferung. Das steige ab 101 und 201 abgegebenen Ordern. Aber es verleite Fahrer dazu, halsbrecherisch zu fahren „und auch mal ein paar rote Ampeln mitzunehmen“, so Müller. Er engagiert sich nun im Wahlvorstand. Denn die Berliner Rider wollen einen Betriebsrat gründen.

Gewerkschafter: Immer mehr Mitglieder unter den Ridern

So ging es am Freitag in Redebeiträgen auch darum, die Rider zu ermuntern, sich der NGG anzuschließen. Philipp Schurk, Gewerkschafter aus Frankfurt am Main mit Lieferando-Erfahrung sagte, in Berlin steige die Mitgliederzahl von Radkurieren aus dem Unternehmen. „Und ab einer bestimmten Zahl lassen sich Forderungen an Lieferando dann eben per Streik durchsetzen. Dieser Zahl nähern wir uns gerade“, so Schurk.

Katja Kipping (Linke), Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales sagte: „Ordentliche Löhne stärken die Binnenkaufkraft. Insofern profitieren von besseren Löhnen bei den Lieferdiensten nicht nur die Kuriere, sondern die ganze Stadt. Denn wer ein höheres Einkommen hat, kann auch mehr Geld vor Ort ausgeben.“ Neben dem Bundestagabgeordneten Pascal Meiser (Linke) war auch Oliver Nöll (Linke), stellvertretender Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg gekommen. Er sagte, in einer Situation, in der „Lieferando Arbeitsrechte mit den Füßen tritt“ stehe das Bezirksamt an der Seite der Rider.