Prozess in Berlin

Prozess gegen mutmaßlichen Taliban-Kämpfer

| Lesedauer: 4 Minuten
Das Kammergericht am Kleistpark: Der Berliner Omar H. muss sich hier wegen des Vorwurfs der Bildung einer Terrororganisation verantworten.

Das Kammergericht am Kleistpark: Der Berliner Omar H. muss sich hier wegen des Vorwurfs der Bildung einer Terrororganisation verantworten.

Foto: dpa

Ein Berliner soll sich im Januar 2010 in Afghanistan einer Terrorgruppe angeschlossen haben. Nun steht er vor Gericht.

Berlin. Mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien am 15. März 2011 begann unter gewaltbereiten deutschen Islamisten eine Entwicklung, die selbst pessimistische Beobachter auf diese Weise niemals vorhergesagt hätten: Denn die Ausreise in den sogenannten „Heiligen Krieg“ – in Deutschland bis dahin eine Randerscheinung – wurde in der Szene zum Massenphänomen.

Die Dämme brachen mit dem Aufstieg der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Laut Bundesamt für Verfassungsschutz reisten ab dem Jahr 2012 mehr als 1150 Personen aus Deutschland in den „Dschihad“. Einige beteiligten sich in Syrien an Anschlägen. Andere wurden selbst getötet. Rund ein Drittel der selbst ernannten „Gotteskrieger“ kehrte zurück nach Deutschland. Die Beobachtung dieser Rückkehrer dürfte die Sicherheitsbehörden noch viele Jahre beschäftigen.

Laut Anklage führte die Reise zum Hindukusch

Wenn an diesem Montag vor dem Kammergericht Berlin am Kleistpark einem 31 Jahre alten Berliner namens Omar H. die Anklage verlesen wird, wird es nicht um Syrien gehen – sondern um Afghanistan. Denn Omar H. gehörte nicht zur „Massenbewegung“ jener, die vor allem in den Jahren 2013 und 2014 nach Syrien reisten. Laut Anklage verließ er seine Geburtsstadt schon im Januar 2010 – in Richtung Hindukusch. Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, dort, wo Al-Kaida und Co. das Sagen hatten und auf dem Markt neben Obst und Gemüse Sturmgewehre gehandelt wurden, soll der damals erst 19-Jährige einer Gruppe beigetreten sein, deren Anziehungskraft nach Ansicht von Terrorismusexperten einen Meilenstein in der Geschichte der deutschen Dschihad-Ausreisebewegungen markierte. Der Name der Gruppe: „Deutsche Taliban Mudschaheddin“ (DTM).

Die DTM existierte nur zwischen September 2009 und April 2010. Auch die Zahl ihrer Mitglieder, von denen die meisten aus Berlin stammten, war mit rund einem Dutzend überschaubar. In den Sicherheitsbehörden sorgte die Truppe damals dennoch für Aufregung. Denn ihre Führungspersonen schwadronierten aus dem Exil davon, den „heiligen Krieg nach Deutschland“ zu tragen. Nur eine Frage der Zeit sei es, „bis der Jihad die deutschen Mauern einreißt“.

Propagandavideos erweckten zudem den Eindruck, als durchliefen die „Deutschen Taliban“ eine professionelle Ausbildung an Waffen. Mal feuerten die Gotteskrieger aus Germania in den Clips aus Sturmgewehren, mal hüpften sie, die Kalaschnikow vor der Brust, durch verschneite Landschaften.

Wären die Gesichter in den Propagandavideos nicht mit Tüchern verhüllt gewesen, wäre die Aufregung womöglich etwas geringer ausgefallen. Denn die „Deutschen Taliban“ waren jung und militärisch unerfahren. Ein Unterstützung für die hart gesottenen Kämpfer aus Gruppen wie der „Islamischen Bewegung Usbekistan“ waren die Berliner, nach allem, was mittlerweile bekannt ist, demnach nicht. Via Internet bekannten sie sich zwar zu Anschlägen. Vermutlich handelte es sich dabei aber nur um Propaganda.

Im April 2010 war das kurze Kapitel der ersten deutschen islamistischen Terrorgruppierung im Ausland beendet. Der Anführer der Gruppe und weitere DTM-Mitglieder wurden an einem Checkpoint von pakistanischen Soldaten erschossen. Welche Rolle Omar H. bei den DTM spielte, könnte in dem am Montag beginnenden Prozess geklärt werden. Spannender dürfte aber ohnehin sein, was der Berliner in der Zeit machte, als die DTM bereits Geschichte war. Nach Berlin kehrte er jedenfalls erst im Sommer vergangenen Jahres zurück, wo er vorübergehend in Untersuchungshaft kam.

Das BKA warnte vor einem Terroranschlag

Was in den zehn Jahren bis zu seiner Festnahme passierte? Das ist unklar. Klar ist hingegen: Im März 2012 warnte das Bundeskriminalamt (BKA) in einem Schreiben an andere deutsche Sicherheitsbehörden vor einem jungen Mann aus Deutschland, der sich im afghanischen-pakistanischen Grenzgebiet aufhalte. Er plane womöglich einen Anschlag, hieß es. Der Name des Mannes laut BKA-Schreiben: Omar H.

Auch in den Folgejahren soll Omar H. auf dem Parkett des internationalen Dschihad aktiv gewesen sein. Die Ermittler gehen nach Informationen der Berliner Morgenpost davon aus, dass er nach seiner Zeit in Afghanistan nach Syrien gezogen sein könnte – womöglich zum IS oder einer anderen Terrorgruppe.

Sollten sich diese Vorwürfe bewahrheiten, ließe sich anhand des Falls von Omar H. praktisch die gesamte Geschichte der Ausreisebewegungen deutscher Islamisten ins ausländische Dschihad-Gebiete nachzeichnen – von den Anfängen, als deutsche „Gotteskrieger“ sich als „Deutsche Taliban Mudschaheddin“ formierten – bis hin zu den massenhaften Ausreisen zur Terrormiliz des IS.