Energieversorger

Trotz höherer Gas-Preise: Kunden bleiben der Gasag treu

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Viele Berlinerinnen und Berliner müssen im neuen Jahr mehr Geld ausgeben, wenn sie mit Gas heizen. Viele Anbieter haben ihre Preise erhöht. Verbraucherschützer raten, zu vergleichen und möglicherweise ein Sonderkündigungsrecht zu nutzen.

Viele Berlinerinnen und Berliner müssen im neuen Jahr mehr Geld ausgeben, wenn sie mit Gas heizen. Viele Anbieter haben ihre Preise erhöht. Verbraucherschützer raten, zu vergleichen und möglicherweise ein Sonderkündigungsrecht zu nutzen.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Steigende Gaspreise treffen auch viele Berliner. Doch bei Gasag halten sich Kündigungen in Grenzen. Das raten nun Verbraucherschützer.

Berlin. Deutschlandweit sehen sich Verbraucher mit steigenden Gaspreisen konfrontiert. In Berlin hatte der Versorger Gasag Anfang November angekündigt, zum Jahreswechsel die Preise um 16 Prozent zu erhöhen. Betroffen seien Kunden in der Grundversorgung – das sind laut Unternehmen rund die Hälfte der 400.000 Berliner Abnehmer. Im Durchschnitt geht die Gasag für einen Haushalt von einer Mehrbelastung von 156 Euro im Jahr aus. Viele Kunden scheinen die Preiserhöhung jedoch zu akzeptieren.

„Wir verzeichnen aktuell nur eine sehr geringe Zahl an Kündigungen, da die Preisstellung der Gasag im Marktvergleich gut ist“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage der Berliner Morgenpost mit. Laut Verivox haben seit Juli insgesamt 463 Gasversorger die Preise erhöht oder Erhöhungen angekündigt, im Durchschnitt um 21 Prozent.

Gasag kauft oft Jahre im Voraus Gas, aber auch kleinere Mengen tagesaktuell

Hauptgrund für die Anpassung seien laut Gasag die gestiegenen Erdgaspreise im Großhandel, die sich innerhalb von wenigen Monaten massiv nach oben bewegt und sich etwa verfünffacht hätten. Von einem Erdgasbedarf in Höhe von 25 Milliarden Kilowattstunden (kWh) pro Jahr geht die Gasag aus, damit alle Kunden im Winter warme Wohnungen haben können. Dafür werden Erdgaskontingente teilweise Jahre im Voraus über den Terminhandel an der Börse eingekauft. Die Mengen richten sich nach Prognosen für Wetter und Klima sowie nach der erwarteten Entwicklung der Kundenanzahl in den nächsten Monaten und Jahren.

„Auch wenn der Blick in die Zukunft auf gut begründeten Annahmen erfolgt, sind Abweichungen in der Gegenwart die Regel. Daher werden tagesaktuell Gasmengen am Markt dazugekauft oder wieder verkauft“, so die Sprecherin.

Die Gasag zählt zu den sogenannten Grundversorgern. Das sind solche Energieunternehmen, die immer dann für die Energielieferung an Haushaltskunden einspringen, wenn beispielsweise beim Umzug in eine neue Wohnung kein anderer Lieferant gewählt wird oder ein Kunde grundsätzlich keinen Lieferanten finden sollte. Der Gesetzgeber stellt so sicher, dass Haushaltskunden Erdgas fürs Heizen und Warmwasser zur Verfügung steht. Ein Grundversorger habe daher ein besonderes unternehmerisches Risiko, so die Gasag.

Verbraucherzentrale: Kunden steht bei bei Preiserhöhung Sonderkündigungsrecht zu

Die Verbraucherzentrale sieht in der aktuellen Lage ein unübersichtliches Bild für den Kunden. „Die Preise in der Grundversorgung sind in aller Regel hoch. Der Wechsel in einen sogenannten Sondervertrag kann Geld sparen. In einigen Städten ist momentan der Grundversorgungstarif der günstigste Tarif. Wir empfehlen den Verbrauchern zu recherchieren, ob es sinnvoll ist, den Anbieter oder den Tarif zu wechseln“, sagt Energierechtsberaterin Hasibe Dündar.

Generell stehe dem Verbraucher ein Sonderkündigungsrecht zu, wenn ein Versorger die Preise erhöht und dies entsprechend mitteilt. Der Vertrag könne dann bis zum Zeitpunkt des Wirksamwerdens der Preiserhöhung gekündigt werden, so die Verbraucherschützerin.

Gasag: Ziel ist es, Zahlungsausfälle zu vermeiden

Hasibe Dündar beobachtet derzeit, dass viele Energieversorger wegen der gestiegenen Großmarktpreise finanziell überfordert sind und deshalb die Erhöhung an ihre Kunden weitergeben. „Sie verdoppeln oder verdreifachen sogar die Energiepreise, schicken zum Teil intransparente Preiserhöhungsmitteilungen, sind für ihre Kunden telefonisch schwer oder nicht erreichbar, legen den Widerspruch des Kunden auf die Preiserhöhung als Sonderkündigung aus und stellen kurzfristig die Belieferung ein“, so die Verbraucherschützerin.

Doch, was tun, wenn die höheren Preise die eigene finanzielle Leistungsfähigkeit übersteigt? Die Gasag biete Kunden, die Probleme mit der Begleichung ihrer Rechnung haben, schon immer Unterstützung an, heißt es vom Unternehmen. Man könne dann Zahlungen verschieben oder Raten vereinbaren. „Unser Ziel ist es, Zahlungsausfälle zu vermeiden. Wir rufen bei Kundinnen und Kunden auch direkt an, wenn wir merken, dass die Zahlungen unregelmäßig werden oder ganz ausbleiben“, so die Sprecherin.

Die Verbraucherzentrale rät betroffenen Kunden, vorab zu berücksichtigen zu welchen Forderungen das Zahlungsziel verschoben werden soll. „Ist das Ziel, die neu festgelegten, höheren Abschläge zu verringern, wird das Zahlungsproblem lediglich auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Spätestens mit der Jahresabrechnung wird die Differenz von Verbrauch und Abschlagshöhe vom Energieversorger abgerechnet, und die Höhe des nachzuzahlenden Betrages kann dann sehr hoch sein“, sagt Elisabeth Grauel, Projektleiterin der Energieschuldenberatung bei den Berliner Verbraucherschützern.

Auch im Falle von Ratenzahlungen sei Vorsicht geboten. Eine Lösung für eine dauerhafte finanzielle Überbelastung seien beide Maßnahmen nicht, so Grauel.

Höhere Preise für einkommensschwache Haushalte ein Problem

Die höheren Energiepreise insgesamt seien vor allem für einkommensschwache Haushalte ein Problem. Insbesondere Bezieher von Sozialleistungen müssen laut Verbraucherzentrale einen höheren Anteil ihrer Regelleistung zur Begleichung der Energiekosten aufwenden. „Da der Anteil für Energiekosten bereits seit Jahren nicht angemessen im Regelbedarf berücksichtigt wird, bedeutet das insbesondere für diese Haushalte, das Einsparungen in anderen Lebensbereichen erfolgen müssen, für die ebenfalls lediglich das Existenzminium zur Verfügung steht“, erklärt Elisabeth Grauel.

Haushalte mit geringem Einkommen sollten deshalb prüfen, ob sie Anspruch auf Wohngeld haben. Anfang 2021 wurde das Wohngeld erhöht und die Anspruchsberechtigung erweitert. Auch ein geringer monatlicher Anspruch könne zu einer finanziellen Entlastung des Haushalts im Jahr führen, so die Verbraucherschützerin. Um Energiesperren zu vermeiden, sollte bei absehbaren Zahlungsproblemen in jedem Fall auch Kontakt zu Beratungsstellen wie der Energieschuldenberatung der Verbrauchzentrale aufgenommen werden. Auch die Gasag biete Energiesparberatungen an, so das Unternehmen.

Von Landesseite hieß es, Energiearmut werde für einkommensschwache Menschen zu einem immer größeren Problem. „Die Stromkosten in den Hartz-IV-Sätzen reichen für die Preissteigerung nicht aus. Die von der Bundesregierung beschlossene Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze sind in Wirklichkeit eine Kürzung. Menschen, die eine Grundsicherung erhalten, haben real weniger Geld zur Verfügung“, so Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Das Land Berlin wollte mit einer Initiative im Bundesrat die Hartz-IV-Sätze um 100 Euro pro Monat erhöhen, war damit aber gescheitert. Im Bund hatte die Linke wegen der gestiegenen Energiekosten eine Einmalzahlung in Höhe von 200 Euro für von Armut bedrohte Menschen vorgeschlagen.